Pankraz, M. van der Beurse und die Finanzkrise

Nachdenkenswert ist die geläufige Rede, daß in der US-Finanzkrise bisher zweieinhalb Billionen Dollar „vernichtet“ bzw. „verbrannt“ worden seien. Wie denn das? Alle Beteiligten wollten doch immer nur mehr Geld, keiner wollte es vernichten, allenfalls dem anderen wegnehmen, abluchsen. Und dann machte es plötzlich „flup“, und das schöne Geld war weg. Was ist da wirklich passiert? Selbst die größten „Experten“ stehen vor dem riesigen schwarzen Loch wie der Ochs vorm neuen Tor und beteuern ihre Unschuld.

Am Anfang der gegenwärtigen Turbulenzen stand bekanntlich die sogenannte Immobilienkrise. Animiert von den in Washington herrschenden neo-liberalen Riesenschuldenmachern, „kauften“ die US-Bürger wie wild Häuser und Grundbesitz, nahmen dafür Kredite auf, die sie gar nicht bedienen konnten, wurden zu Schuldnern ohne ordentliches Schuldbewußtsein, lebten nicht nur über ihre Verhältnisse, sondern ignorierten die Verhältnisse einfach frech.

Ein zweites kam hinzu. Die Banken wickelten die von ihnen gewährten, von Anfang an „faulen“, nämlich unbe­dienbaren, Kredite in pompöse, mit Hochglanzprospekten umflankte „Erzählungen“ (über die angebliche Gewinnträchtigkeit der Schuldverschreibungen) und brachten diese „Zertifikate“ als nagelneues „Finanzprodukt“ auf den Markt. Und sie fanden damit reißenden Absatz, nicht zuletzt bei den dummen deutschen Landesbanken.

Man weiß nicht, was verhängnisvoller ist, die hemmungslose Schuldenmacherei oder die nicht minder hemmungslose Gier der Banken und Börsen nach immer neuen „Zertifikaten“, deren Spekulationsmasse immer bläßlicher, vager und materieloser wird. Das ganze moderne Banken- und Börsensystem droht zum Himmelfahrtskommando zu werden. Es spekuliert vorrangig nicht mehr mit Erzgruben oder Weizenernten, sondern mit „Produkten zweiten oder dritten Grades“, etwa mit (eintreibbaren oder nicht eintreibbaren) Schulden, möglichen Gewinnen oder Verlusten („shortlist“), mit bloßen Erzählungen, Stimmungen, Vermutungen.

Der Fall wäre zum Lachen, wenn er nicht so ernst wäre. Selbst der Wettbetrieb an einer Pferderennbahn nimmt sich dagegen hochseriös aus. Die Zocker dort wetten ja immerhin auf reale Pferde, die vor dem Start besichtigt, gestreichelt und abgeschätzt werden können. Die Broker in London oder New York hingegen haben — wie viele von ihnen jetzt, da das Kind im Brunnen liegt, auch kleinlaut zugeben — buchstäblich keine Ahnung von dem, mit dem sie spekulieren. Alles, was sie machen, ist pure Luftballon-Aufblaserei, darauf abgestellt, Augenblickseffekte zu erzielen und mitzunehmen, was nur mitzunehmen ist, bevor die Blase platzt.

Ob dabei Geld „vernichtet“ oder doch nur umgeleitet wird, ist nicht leicht zu entscheiden. Pankraz vermutet das letztere. Die gewaltigen Bonitäten, mit denen sich die obersten Manager für kurzfristige Gewinne belohnen lassen, der unheilvolle Mechanismus, dem zufolge am Ende der Staat und damit der sprichwörtliche Steuerzahler die volle Zeche bezahlen muß, das Konkurrentenschlucken, das in solchen Krisenzeiten besonders leicht zu bewerkstelligen ist — all das spricht an sich eine deutliche Sprache. Irgendwer wird schon seinen Reibach machen, und wahrscheinlich ist genau dies der Sinn der „Krise“.

Wobei noch einmal an die Dimensionen erinnert sei, um die es hier geht. Zweieinhalb Billionen — das sind zweieinhalbtausend Milliarden, und eine Milliarde sind tausend Millionen. Größer ist der gesamte Haushalt eines volkreichen und industriereichen europäischen Staates, zum Beispiel Italiens, auch nicht. Es werden zur Zeit in der Finanzwelt ganze große Staatshaushalte durch den Schornstein gejagt, respektive in die Taschen von Großmanagern und Großspekulanten umgeleitet. Jedes gedeihliche Zusammenleben der Völker wird nachhaltig gestört. Dergleichen darf sich kein freier und verantwortungsbewußter moderner Staat gefallen lassen.

Gefragt sind jetzt nicht einige harmlose Verbesserungen an den diversen Systemen nationaler Banken- und Börsenaufsicht, sondern entschlossene Initiativen für ein grundsätzliches internationales Umdenken in Sachen Produktion und Spekulation, das zu tiefgreifenden praktischen Veränderungen führen muß. Das Banken- und Börsensystem muß gewissermaßen wieder geerdet werden. Bloße Erzahlungen müssen wieder zu harten Tatsachen gemacht werden.

Alle ernst zu nehmenden Nachdenker sind sich darüber einig, daß zu einer freien und effizienten Wirtschaft auch ein entsprechendes Banken- und Börsensystem gehört. Die Wirtschaftsakteure brauchen Kredite, um erfolgreich operieren zu können, und sie brauchen die Börse als schnelle Orientierungsinstanz für Preise, Kurse und erfolgversprechende Trends. Massiv wiederzuerinnern ist freilich, daß sowohl Banken als auch Börsen ausgesprochen dienende Institutionen sind. Sie sind nicht um ihrer selbst willen da und schon gar nicht, um die Wirtschaft zu beherrschen. Sie haben die Aufgabe, die Volkswirtschaften voranzubringen, nicht, sie zu verheeren.

Was speziell die Börse betrifft, so war sie natürlich von Anfang an auf Virtualität und Spekulation getrimmt, ihre Angaben beruhten schon immer auf Prognose und Spökenkiekerei. Aber daß sie heute dazu übergegangen ist, Prognose und Spökenkiekerei selber zum „Produkt“ zu machen und es den Kunden anzudrehen, verweist auf deformation professionelle. Man sollte ihr helfen, nicht mit Geld, sondern mit scharfer Ermahnung und gutem Rat.

Mijnheer van der Beurse, holländischer Patrizier im Brügge des 14. Jahrhunderts, von dem die Börse ihren Namen hat, liefert das Vorbild. Er ärgerte sich über das verlogene Marktgeschrei der Händler vor seinem Stadtpalast und rief eines Tages sämtliche Marktteilnehmer zu einem Treffen zusammen, wo man sich schließlich auf bestimmte Regeln und Vokabeln im Umgang miteinander und mit den Kunden dauerhaft einigte. So wurde Brügge zur Mutter aller Börsen.

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