Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Pankraz, Justinus Kerner und die Berliner Schwaben

Schwaben raus!“ Das hört man noch nicht oft, aber doch schon ziemlich häufig in Berlin. Flatrate-Säufer grölen es, Stammtischbrüder werfen es sich maliziös lächelnd gegenseitig zu. Mit den „Schwaben“ ist eine besondere Spezies von Leuten aus der alten Bundesrepublik gemeint, welche während der letzten Jahre angeblich mindestens in Regimentsstärke in die Hauptstadt umgezogen sind und deren Klima nun „ungesund“ zu prägen beginnen. Man fühlt sich in seinem Innersten bedroht.

Die Neu-Berliner „Schwaben“ sind keine „Besserwessis“, keine Absahner, Glücksritter oder Wichtigtuer, sondern es sind ganz normale, meist jüngere Bürger. Sie sind (in Maßen) ehrgeizig, karrierebedacht und haben gewisse Ansprüche ans Leben, die sie für selbstverständlich halten. Sie nehmen niemandem die Jobs weg, im Gegenteil, sie bringen in der Regel welche mit. Es sind Kleinunternehmer (etwa Industrie- und Modedesigner) oder in die Hauptstadt versetzte Regierungsbeamte oder mittlere Manager, deren Firma eine Filiale aufmachen will. Jeder Stadtkämmerer müßte sich über solchen Zuzug eigentlich freuen.

Aber ein nicht kleiner Teil des Berliner Zeit- und Kiezgeistes nimmt den „Schwaben“ gerade ihre Harmlosigkeit und biedermeierliche Gediegenheit übel. Man stößt sich daran, daß sie still und leise für solide Schulen und Kindergärten mit nicht zu hohem „Migranten“-Anteil sorgen. Man wirft ihnen vor, daß sie gewisse „Szene“-Viertel, wo es bisher eher zauselig und proletenhaft zuging, verbürgerlichen und „verspießern“. Auch treiben sie die Mieten und andere Preise in die Höhe und richten, wie immer wieder zu hören ist, die alten Eckkneipen zugrunde. Was für eine Katastrophe! „Schwaben raus!“

Pankraz kann über solche Töne nur den Kopf schütteln. Ein Gemeinwesen, das, ohne mit der Wimper zu zucken, horrende Zuwanderströme aus Osteuropa und dem Orient hinnimmt, sie teilweise sogar fördert, stänkert gegen zuziehende eigene Landsleute an, nur weil diese fleißig sind und ganz selbstverständlich mitteleuropäische Standards einhalten. So etwas ist einmalig in der Weltgeschichte. Es zeugt auf jeden Fall von kommunaler Verblödung, schlimmerenfalls von der unheimlichen, im Deutschland von heute leider nicht seltenen Absicht, dem eigenen Gemeinwesen bewußt zu schaden und es zu zerstören.

Hoffentlich ist es in Berlin nur Verblödung, denn solche kommt auch in anderen Hauptstädten vor. Sie neigen merkwürdigerweise alle zu dem Glauben, das von ihnen verwaltete Land sei zur höheren Ehre der Hauptstadt da, und nur die Hauptstadt selbst entscheide darüber, wer zu ihr hereinkommen dürfe und wer nicht. In Zeiten der kommunistischen Diktatur war dieser Glaube geradezu Staatsdoktrin. Zuzugsgenehmigungen nach (Ost-)Berlin — wie auch,  beim „Großen Bruder“, nach Moskau — wurden vom Zentralkomitee höchstpersönlich erteilt, und wer sich unbeliebt machte, wurde in aller Form aus der Hauptstadt „verbannt“.

In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt: Nicht das Land ist für die Hauptstadt da, sondern die Hauptstadt für das Land. Die Hauptstadt muß sich an das Land anpassen, sie muß ihm dienen und es hinnehmen, daß dadurch die autochthone städtische Kultur, der genius loci, beträchtlich moduliert und eingeschränkt wird. Der einst dominierende, oft selbstbewußte und stolze Stadtgeist verwandelt sich, je länger eine Stadt Hauptstadt ist, in den etwas hinterwäldlerischen und gern blind herummosernden, also nicht ernst zu nehmenden, Kiez-Geist. Das war und ist in Paris nicht anders als in Berlin.

Ob Paris oder Berlin — das „typisch“ Pariserische, respektive Berlinische bestimmt in beiden Metropolen den Geist der Stadt längst nicht mehr. Dieser spiegelt jetzt vielmehr das ganze Spektrum nationaler Befindlichkeit ab, also eine genuin gesamtfranzösische bzw. gesamtdeutsche Einwohnerschaft nebst zugehörigem Stimmungsklima, zusätzlich aufgemischt durch internationale Einsprengsel. Das einstmals für die Stadt Typische hat sich dagegen — überwiegend grollend — in den Kiez, ins „quartier“, zurückgezogen.

Was in Berlin anders war und ist als in Paris, hängt mit der langen SED-Diktatur zusammen. Viele der damals in Ost-Berlin residierenden DDR-Eliten kamen natürlich von auswärts in die „Hauptstadt der DDR“ und prägten deren Klima, und der Kiez moserte insgeheim über eine angebliche „Invasion der Sachsen“. Was heute die „Schwaben“ sind, waren damals die „Sachsen“, nur wäre man für den Kneipenruf „Sachsen raus!“ sofort verhaftet worden. Außerdem gab es kaum Kneipen.

Immerhin brachten auch die „Sachsen“ von damals nicht nur Diktatur nach Berlin, sondern auch Zuckerbonbons. Sämtliche „Sonderzuteilungen“, waren es nun Apfelsinen oder Baumaterialien, gingen exklusiv nach Ost-Berlin, und speziell sächsische Baubrigaden wurden dauernd zu Arbeiten dorthin beordert. Nicht zufällig war die große sächsische Stadt Leipzig Ort der legendären Montagsdemonstrationen und Fokus der Wende. Die Stadt hatte in all den Jahrzehnten zugunsten Berlins völlig auf städtische Instandhaltungsarbeiten verzichten müssen und war am Ende so verrottet und in ihrem Stolz beschädigt, daß der Volkszorn schier übermächtig wurde.

Nichts dagegen, daß Staaten ihre Hauptstädte mit Glanz ausstatten und ihnen manches Privileg gewähren. Aber die Hauptstädte müssen es dafür hinnehmen, daß sie eben zum Schaufenster des ganzen Landes werden und von ihrem ursprünglichen Stadtgeist einbüßen. Das eine zu kriegen und das andere zu vermeiden, geht nicht. Übrigens sollte der zum Kiezgeist geschrumpfte Stadtgeist prinzipiell nicht zuviel von sich selber halten. Der Zuzug der „Schwaben“ ist grundsätzlich eine Bereicherung. Sie kommen nicht als Armutsflüchtlinge oder anpassungsunwillige, aggressive Moscheenbauer, sondern als bewußte Hauptstadtbürger und echte Ordnungsfaktoren.

Merke: „Kein guter Schwabe ist je seine Steuern schuldig geblieben“ (Justinus Kerner).

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