Pankraz, Ch. Millet und die Hölle der Eifersucht

Das kommt auch nicht alle Tage vor, daß eine wichtige kulturpolitische Zeitschrift wie der Pariser Nouvel Observateur, wie in der vorletzten Nummer geschehen, ein ganzes Heft einem so „unaktuellem“, zumindest zeitlosem Thema widmet wie der Eifersucht. Anlaß war das Erscheinen des Buches „Jour de souffrance“ („Tag des Leidens“) von Cathérine Millet, und im Mittelpunkt steht denn auch ein langes Interview mit Millet, die vor Eifersucht geradezu tobt und wohl zu Recht als große Sensation verkauft wird.

Cathérine Millet (Jahrgang 1948) ist eine in Paris sehr bekannte Kunstkritikerin, die vor sieben Jahren schon einmal ein einschlägiges Buch herausbrachte und damit Sensation machte: „Das sexuelle Leben der Cathérine M.“ (deutsche Übersetzung im Goldmann Verlag, München). Dieses Buch war aber genau das Gegenteil des jetzigen. Es löste damals selbst bei abgebrühten Rezensenten Empörung aus, weil darin faktisch ein ganzes weibliches Liebesleben von der Wiege bis zur letzten Klimax als eine bloße Abfolge biologischer Funktionen dargestellt wurde, als „ein bloßer Mückenfick“, wie ein Kritiker zornig schrieb.

„Jour de souffrance“ wirkt wie eine einzige, lautstarke Zurücknahme des „Sexuellen Lebens“. Höchst menschlich-allzumenschliche Gefühlswelten treten eruptiv ans Licht, und im Mittelpunkt steht, wie gesagt, rasende Eifersucht auf die Seitensprünge des Geliebten, auf die Nebenbuhlerinnen und Augenblicks-Favoritinnen. Millet spricht von der „Hölle Eifersucht“ und gesteht, phasenweise jenen Mördern nahe gewesen zu sein, die aus Eifersucht nicht nur ihren Liebespartner und dessen neue Liebe umbringen, sondern „aus Rache“ gleich die ganze Familie, die armen Kinder, sogar die Haustiere.

Crime passionel“ nennen die Franzosen solche Morde, „Verbrechen aus Leidenschaft“, und werten sie bei Kriminalprozessen als Milderungsgrund. Weniger gut kommen Eifersuchtsdelikte, kommt die Eifersucht überhaupt bei Philosophen und Moraltheologen weg. Gerade die berühmten französischen „Moralisten“ des 17. und 18. Jahrhunderts, La Rochefoucauld, Vauvenarges, behandeln sie mit Verachtung. „Die Eifersucht ist das größte aller Übel, und die Verbrecher aus Eifersucht verdienen das wenigste Mitleid“ (La Rochefoucauld, Maxime 527).

Unser lieber Lessing schreibt in der „Hamburgischen Dramaturgie“, nachdem er auf dem Theater eine ganze Strecke sogenannter Eifersuchtsdramen über sich hat ergehen lassen müssen, ziemlich genervt: „Die Eifersucht ist eine Art von Neid, und Neid ist ein kleines, kriechendes Laster, das keine andere Befriedigung kennt als das gänzliche Verderben seines Gegenstandes.“ Pankraz ist damit nicht einverstanden. Zwar teilt er die Einschätzung des Neides, meint aber, daß die Eifersucht allenfalls am Rande und ganz äußerlich mit dem Neid zu tun hat.

Neid hat Habenwollen als Antrieb, Eifersucht verletzte Liebe. Liebe ist kein simples Habenwollen, sondern — mindestens — ein gegenseitiges Sich-Habenwollen, ein seelisch-körperliches Ineinanderverschlungensein, dem die Sehnsucht nach Ewigkeit innewohnt. Die Dazwischenkunft eines Dritten stört die Liebe nicht nur, sondern zerbricht sie, zerstört sie aber nicht. Was übrigbleibt, ist eine Ruine, in der die liebende Seele ratlos umherirrt — und genau das heißt Eifersucht. Je größer einst die nun zerbrochene Liebe, um so größer, bohrender, wütender die Eifersucht, der Zorn auf die ruchlosen Ruinenbaumeister.

Es wimmelt in der Literatur (und aktuell im Nouvel Observateur) von wohlfeilen Ermahnungen, sich mit der zerbrochenen Liebe abzufinden und sie um Himmels willen nicht in Aggressionen einmünden zu lassen; nichts anderes rät ja auch der gesunde Menschenverstand. Aber ein fader Nachgeschmack bleibt. Nur große Liebende können wirklich eifersüchtig werden. Die moderne Schnelligkeit und Kaltblütigkeit, mit der Liebesverhältnisse ohne jede Rest-Eifersucht beendet werden, deutet auf Kultur- und Identitätsverlust.

Gottfried Keller spricht irgendwo von der „Würdelosigkeit der Eifersucht“. Welche verlorene Würde meint er denn? Pankraz findet, daß sich Würde erst in der Art zeigen kann, wie man mit der Eifersucht umgeht. Sie birgt nicht nur Aggressionen, sondern auch unerwartete Lebenseinsichten. Sie macht nicht nur blind, sondern auch scharfsichtig. „Eifersucht ist Ahnung fremder Wahlverwandtschaft“, sagt Goethe höchst treffend zu Kanzler von Müller. „Eifersucht ist die geistreichste Leidenschaft“, sagt Nietzsche, fügt freilich gleich hinzu: „Sie kann schnell in schlimmste Trottelei umschlagen“.

Sorgsam unterscheiden sollte man zwischen der männlichen und der weiblichen Eifersucht. Beide scheinen aus verschiedenen Seelenregionen zu stammen. Während die männliche, wie schon den antiken Dramendichtern auffiel, eines großen, scharfen Schlages von außen bedarf, um in Fahrt zu kommen, ist die weibliche den Frauen, allen Frauen, gewissermaßen „ins Blut gepflanzt“ (so Euripides in seiner „Andromache“). Frauen sind eifersüchtig aus Prinzip. Stendhal behauptete sogar, daß „vor allem stolzen Frauen“ die Eifersucht immer bewußt sei und ihnen regelrecht Spaß mache, weil sie innen auf eine ganz spezielle Art ihre Macht zeige.

Frauen leiden in der Regel mehr unter den (berechtigten oder unberechtigten) Eifersuchtsausbrüchen ihrer Männer als unter ihrer eigenen Eifersucht; Cathérine Millet in ihrem Interview markiert da eher die Ausnahme. Sie sehen auch viel genauer hin, erspüren eine heikle Konstellation viel besser. Nie und nimmer würden sie sich so tölpelhaft verhalten wie der grundlos eifersüchtige Othello, über den Jago spottet: „Dinge, leicht wie Luft, sind für den Beweise, so stark wie Bibelsprüche.“

Eifersucht, meint der Volksmund, ist die Leidenschaft, die Leiden schafft. Das stimmt zweifellos, doch sie lehrt auch, mit dem Leiden produktiv umzugehen. Selbst in Cathérine Millets Buch gibt es dafür manchen Fingerzeig.

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