Licht und Schatten deutscher Geschichte

Heute weitgehend vergessen, gehörte Walter von Molo einst zu den bekanntesten Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aus alter schwäbischer Reichsritterfamilie stammend wurde Molo am 14. Juni 1880 im mährischen Sternberg (heute Šternberk/tschechische Republik) in der damaligen k. und k. Monarchie geboren. Er wuchs in Wien auf, studierte an der dortigen technischen Hochschule Maschinenbau und Elektrotechnik, arbeitete zunächst als Patentbeamter, bevor er 1913 nach Berlin übersiedelte und sich ganz der Schriftstellerei zuwandte. Bereits in Wien entstanden erste Erzählungen und Bühnenstücke sowie 1913 mit „Im Titanenkampf“ sein erster historischer Roman über Friedrich von Schiller, dem bis 1917 noch weitere Romanteile folgen sollten. So entstand sein vierteiliges Schillerwerk „Ums Menschentum“. Der endgültige Durchbruch gelang ihm mit seiner Romantrilogie „Fridericus“, die zuletzt in den 1950er  Jahren verlegt wurde und in der er sich mit Preußens Größe bis zum Niedergang in der napoleonischen Zeit und dem Aufbruch in den Befreiungskriegen beschäftigte. Mit seinen über fünfzig Romanen und Erzählungen zählte Molo zeitweilig zu den meistgelesenen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In einer für ihn typischen Lyrik verbunden mit einer historisierten Dialogsprache  läßt er mit wenigen Zeilen die unterschiedlichen Charaktere seiner Romanfiguren lebendig werden. Seine Fähigkeit, in nur kurzen Auftritten menschliche Größe und Schwäche sichtbar zu machen und die Dramatik der Handlung zu steigern, ganz in der Tradition unserer Klassiker, spricht sicher auch heutige Liebhaber historischer Romane an. Molos Figuren können — im Gegensatz zu denjenigen vieler historischer Romanciers von heute, die sich oft dem jetzigen Zeitgeist beugen — als zeitlos gültig angesehen werden. Molo war 1919 Gründungsmitglied des Deutschen PEN-Clubs in Berlin und ab 1926 Mitglied der Sektion Dichtkunst an der Preußischen Akademie, von 1928 bis 1930 dann ihr Präsident. Nach der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten zog er sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück, blieb aber wie Gottfried Benn, Erich Kästner und andere Dichtergrößen bis 1945 Mitglied der Akademie. Molos Bücher fanden in der Literaturkritik der damals Herrschenden ein immer kritischeres Echo. Das lag sicher auch daran, daß er in seinen historischen Figuren kein bedingungslosen Heldentum sah, sondern sie mit all ihren Licht- und Schattenseiten lebendig werden ließ. So lebte er von 1934 mit seiner zweiten Frau Anne bis zu seinem Tode auf seinem Landsitz im oberbayerischen Murnau, wo auch seine autobiographischen Werke entstanden, darunter kurz vor seinem Tode die Schrift „So wunderbar ist das Leben. Erinnerungen und Begegnungen“. Wegen seiner literarischen Erfolge wurde er auch mit den Drehbüchern für die UFA-Filme „Luise, Königin von Preußen“ (1931) und „Fridericus“ (1936) betraut. Die Zwillinge Trude und Conrad aus seiner 1925 geschiedenen ersten Ehe mit Rosa Richter, der Tochter eines Wiener Oberbaurats, waren ebenfalls beim Film. Tochter Trude galt als Filmschönheit, sie wanderte 1934 nach Südamerika aus. Ihr Bruder wirkte als Produzent unter anderem an dem Film  „Ludwig II.“ mit O. W. Fischer in der Hauptrolle (1955) mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Molo noch einmal in der Öffentlichkeit, als er 1947 Thomas Mann in einem Brief um Rückkehr aus seinem Asyl gebeten hatte. Dieser weigerte sich, nicht zuletzt auch deshalb, weil Molo mit Frank Thiess und anderen den Begriff der „Inneren Emigration“ geprägt hatte und letzterer im August 1945 in der neu lizenzierten Münchner Zeitung auf die Rundfunkreden von Thomas Mann aus dem amerikanischen Exil unter anderem mit den Worten reagierte: „Ich glaube, es war schwerer, sich hier seine Persönlichkeit zu bewahren, als von drüben Botschaften an das deutsche Volk zu senden, welche die Tauben im Volke ohnedies nicht vernahmen, während wir Wissenden uns ihnen stets um einige Längen voraus fühlten.“ In seiner Kritik zu den Tagebüchern von Thomas Mann bemerkte Marcel Reich-Ranicki 1990 im Spiegel: „Ob Walter von Molo oder Erich Kästner — sie können es ihm nicht recht machen. Die Schriftsteller, die nicht emigriert waren, nennt er die in Deutschland Sitzengebliebenen, er spricht von Ofenhockern, über denen der Ofen zusammengefallen ist und die sich dieses Malheur nun zur höchsten Ehre und als Treue zu Deutschland anrechnen. Und im Herbst 1946 schrieb der 71jährige Mann: Nach Deutschland zurückzukehren, noch einmal mein Leben umzustürzen und ein neues aufzubauen, bin ich zu alt. Wirklich zu alt? Rund sechs Jahre später war er nicht zu alt, um nach Europa überzusiedeln — aber nicht nach Deutschland, sondern in die Schweiz.“ Molos rege Briefkorrespondenz mit zahlreichen deutschen Literaten seiner Zeit, aber auch mit Konrad Adenauer oder Theodor Heuss belegt, daß er trotz seiner Zurückgezogenheit weiter aktiv am Nachkriegsgeschehen teilnahm. Er gehörte 1949 zu den Gründungsmitgliedern der aus Berlin nach Mainz ausgelagerten Akademie der Wissenschaften und Literatur, dann war er ab 1955 bis zu seinem Tode Mitglied der West-Berliner Akademie der Künste. Walter von Molo starb am 27. Oktober 1958 in Murnau. Seine Urne und die von seiner Frau Anne wurden auf seinem Grundstück, dem heutigen Molopark, beigesetzt. Molo hatte das Anwesen mit der Auflage dem Ort Murnau vermacht, seiner Frau Wohnrecht auf Lebenszeit zu gewähren und den Park der Öffentlichkeit zugängig zu machen. Das von der Gemeinde vermietete Haus verfällt aber immer mehr. Nur ein verwitterter Gedenkstein mit kaum lesbarer Gedenktafel am anderen Ende des Parks erinnert an den einst so populären Schriftsteller. Der unter der Initiative des ehemaligen Fernsehregisseurs Dieter Wieland ins Leben gerufene Förderkreis Murnauer Parklandschaft möchte auch den Molopark wieder aufwerten. Erst vor wenigen Wochen hat er das Molograb von wuchernden Sträuchern befreit. Wegen seiner deutschkonservativen Ansichten würde Molo sicher auch heute wieder unter Druck stehen, obwohl seine Werke in der Öffentlichkeit zur Belebung der Wertediskussion beitragen könnten. Allein deshalb wäre es begrüßenswert, wenn sich ein renommierter Verleger zu einer Neuauflage seiner historischen Werke entschlösse, die sich mit so manchen Höhen und Tiefen unserer Geschichte beschäftigen. Foto: Walter von Molo (1880—1958): Wegen seiner konservativen Ansichten würde er sicher auch heute wieder unter Druck stehen

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