Königstier

Zu den interessanten symbolischen Aspekten der Krise in Thailand gehört das Auftreten der Parteien in einer Art Uniform, die je nach Farbgebung Sympathie oder Antipathie signalisiert. Dabei ist das Gelb der Opposition eigentlich die Farbe des Königshauses, was angesichts des chinesischen Kultureinflusses nicht überrascht, während das Rot der Regierungsanhänger abgeleitet wird von der rot-weiß-blau-weiß-roten Nationalflagge. Interessanterweise tauchte unter den Demonstranten in Gelb gelegentlich auch ein sonst nur noch selten in Thailand gesehenes Emblem auf: der weiße Elefant. Das Tier — in Weiß auf Rot — war auf der ersten Flagge des Königreichs Siam dargestellt, die erst 1917 durch die heutige Streifenflagge abgelöst wurde. Der weiße Elefant gilt in Thailand traditionell als Königstier und war allein dem Herrscher vorbehalten, was durch den zweiten großen Kultureinfluß auf das Land — den indischen — zu erklären ist. Wie in Indien betrachtete man in Thailand den Elefanten als Symbol der Stärke, aber auch der Weisheit. Am Ende des 18. oder zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde deshalb eine Nationalflagge nach europäischem Vorbild eingeführt, die einen weißen Elefanten in einem weißen Chakra auf rotem Grund zeigte, 1855 setzte man auf Weisung König Ramas IV. den Elefanten allein in das rote Feld, um die Erkennbarkeit zu verbessern. Der Grund für die Aufgabe der Elefantenflagge soll eine große Überschwemmung gewesen sein, die der damalige Herrscher auch damit in Zusammenhang brachte, daß er gesehen hatte, wie man die Elefantenflagge verkehrt herum aufhängte. Um die Möglichkeit eines solchen bösen Omens zukünftig zu verhindern, ließ er eine rote Flagge mit zwei schmalen weißen Längsstreifen einführen, die 1917 als Zeichen der Solidarität mit dem Kampf der Alliierten gegen die Mittelmächte durch die Trairanga („Trikolore“) ersetzt wurde, die mit Rot, Weiß und Blau die Farben aller Hauptkriegführenden der Entente (USA, Rußland, Frankreich, Großbritannien) aufwies. Nur in der kurzen Phase der Besetzung, 1941 bis 1945, als die japanische Okkupationsmacht ein Marionettenregime errichtete, versuchte man die rote Flagge mit dem Elefanten zu restaurieren, danach hielten nur die Traditionalisten an dieser Überlieferung fest (www.siamflag.org). In Indien wie auch in Thailand spielt der Elefant heute eine merkwürdig untergeordnete Rolle für die politische Symbolik. Das gilt genauso für Afrika, wo dem Tier in der Folklore zwar eine sehr positive Bedeutung zugewiesen wird, aber nur die Elfenbeinküste führt — aus naheliegenden Gründen — einen Elefanten(kopf) als Wappen, sonst taucht er bestenfalls als Provinzemblem auf. In Amerika ist der Elefant das Parteiabzeichen der Republikaner. Er geht hier auf Karikaturen des deutschstämmigen Zeichners Thomas Nast zurück, der zuerst 1874 in dem Journal Harper’s Weekly ein entsprechendes Sinnbild verwendete. Die positive Identifizierung der Partei mit dem Symbol hatte sich schon Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt und wurde seitdem nicht mehr in Frage gestellt, wenngleich die Figur ihre Herkunft aus der Karikatur nie ganz verleugnen konnte. Bleibt noch ein Blick auf Europa. Hier haben Elefanten seit den Zeiten Hannibals vor allem einen Ruf als „Kriegsmaschinen“. So ließ Cäsar nach der Niederschlagung des gallischen Aufstands eine Münze prägen, deren Rückseite einen Elefanten zeigte, wie er eine keltische Kriegstrompete zertrat. Im Mittelalter hatte man kaum eine klare Vorstellung von den exotischen Tieren, während sie die Renaissance begeistert unter ihre Allegorien aufnahm. In den Zusammenhang gehört auch die Gründung des legendären Elefantenordens durch den dänischen König Christian I. im Jahr 1458 bzw. 1468. Er gilt traditionell als eine der höchsten europäischen Auszeichnungen und darf wie das Goldene Vlies nur allein getragen werden. Das Kleinod zeigt einen weißen Elefanten mit Turm und einen Mohren als Lenker, der seinen Speer erhebt. Angeblich soll sich das auf eine sagenhafte Tat dänischer Krieger während der Kreuzzüge beziehen, die im Kampf gegen die Sarazenen Elefanten angriffen und töteten. Gleichviel, wahrscheinlich hat eher die reine Freude am Motiv und die Spielfreude des Zeitalters letztlich den Ausschlag gegeben. Karlheinz Weißmann Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt. Foto: Nationalflagge Siams bis 1961: Symbol der Stärke

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