Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Im Schatten des großen Bruders

Während es um Ernst Jünger immer lauter wird, verklingt der Name seines Bruders Friedrich Georg langsam im Nichts. Ja man kann fast schon sagen, er sei ein Vergessener, jener Friedrich Georg, der drei Jahre nach Ernst am 1. September 1898 geboren wurde und mit Ernst fast achtzig Jahre in symbiotischer Existenz lebte. Die biographische und denkerische Nähe erstreckt sich von der Kindheit in der „Villa Jünger“ in Rehburg am Steinhuder Meer über das Schlachtfeld vor Ypern, das die Brüder in einem schicksalshaften Erlebnis zusammenschweißt, über die Jahre der inneren Emigration bis hin zur Nachbarschaft der alten Herren im Oberschwäbischen zwischen Überlingen und Wilflingen. Immer wieder hat Ernst Jünger betont, wie wichtig – menschlich wie intellektuell – ihm sein Bruder war. Auch ahnte Ernst voraus, daß das Werk des Bruders in den Schatten des eigenen zu geraten drohte. Die Voraussetzungen für eine Beschäftigung mit dem Werk Friedrich Georgs wären zwar gegeben. Das Œuvre liegt in einer – allerdings unzureichenden – Teilausgabe im Klett-Cotta-Verlag vor. Dennoch ist es eine Tatsache: Friedrich Georg liest heute kaum einer mehr, weder zum privaten Vergnügen noch aus akademischer Neugier. Warum dem so ist, darüber kann man spekulieren. Vielleicht besteht das Schicksal von dichtenden Brüderpaaren eben ganz einfach darin, daß, wenn sie nicht als Kollektiv schreiben, wie dies zum Beispiel die Brüder Goncourt getan haben, nur einer von beiden nachhaltig im Bewußtsein der Allgemeinheit verbleibt (wer liest eigentlich noch Heinrich Mann?). Bruder eines Großen zu sein, heißt eben auch, im Schatten dieses Großen zu stehen. Bei Friedrich Georg spielt allerdings auch der Intellektuellen-Typus eine Rolle, den dieser Autor repräsentiert und der einer anderen Zeit anzugehören scheint. Friedrich Georg war ein konservativer, formbewußter, sentimentalischer, ja im Dichterischen durchaus auch epigonaler Geistesaristokrat, der viel mehr der „Zeit“ verhaftet war als sein Bruder Ernst. Bei Ernst Jünger, dem, wie Hans Blumenberg sagte, „wichtigsten Tagebuchschreiber des 20. Jahrhunderts“, ist und wird alles Gegenwart. Friedrich Georg, der Phänomenologe der antiken Mythen und archaischen Versmaße, der Erinnerer der Kindheit, wurzelt viel stärker im Vergangenen, auf das er mit Wehmut zurückblickt, um dieser Wehmut dann lyrische oder erzählerische Gestalt zu verleihen. Aus diesem Blickwinkel schrieb er auch zwei Autobiographien („Grüne Zweige“, 1951; „Spiegel der Jahre“, 1958), die übrigens ein guter Einstieg in das Doppel-Leben der Jünger-Brüder sind. Doch es gibt ja zum Glück die Gedenkjahre. So wurde 2007 Friedrich Georg Jüngers dreißigsten Todestages gedacht. Der Wiener Karolinger-Verlag, bekannt für zahlreiche mutige editorische Projekte von Dávila über Mosebach (hier erschien die ursprüngliche Fassung der „Häresie der Formlosigkeit“) bis zu Bloy und Céline, nahm dies zum Anlaß, die erste Monographie zum „kleinen Jünger“ auf den Markt zu bringen. Das materialreiche Buch, das eine Reihe schöner, bislang unveröffentlichter Fotos enthält, zeichnet den intellektuellen Weg Friedrich Georg Jüngers quellennahe nach und begnügt sich dabei keineswegs mit einer bloßen Nacherzählung. Plausibel arbeitet Andreas Geyer heraus, was ein Grund für die Unterkonturiertheit Friedrich Georgs sein könnte: Die Faszination für Ernst Jünger besteht in seinem intellektuellem Heldentum, das Jünger auch „heroischen Realismus“ nennt. Dieser Realismus stellt sich offen gegenüber dem Fremden auf. Bei „FGJ“ ist das anders: Das Leitmotiv in Friedrich Georgs Werk ist, das zeigt Geyer durch genaue Lektüre des Gesamtwerks, das so noch niemand vor ihm im Zusammenhang gelesen und beschrieben hat, die „Heimholung des Unheimlichen“. Und dieses Unheimliche offenbart sich Jünger im Neuen und Fremden. Sein literarisches Schaffen läßt sich aus der Motivation heraus erklären, dieses Fremd-Unheimliche sich anzueignen. Ernst Jünger hätte es als Fremdes beschrieben, hätte sich ihm bis an die Grenzen des Schmerzes und des Nihilismus ausgesetzt. Friedrich Georg weicht dem Schmerz aus und bindet das Fremde an Traditionen, an Bekanntes, an bereits Erfahrenes zurück. Das ist selbstredend weniger spektakulär. So läßt sich erklären, daß neben Ernst Jüngers kristallinem Realismus, der eine neue Position in der deutschen Literatur etablierte, sich Friedrich Georgs dichterische und essayistische Heimholungen harmlos ausnehmen. Dies sagt aber noch ganz und gar nichts über die Qualitäten des Werks aus. Andreas Geyer kann zeigen, daß viele Texte Friedrich Georgs zu Unrecht vergessen sind. Er arbeitet dabei sechs Werkphasen heraus. Die frühen Jahre der nationalistischen Publizistik erlebte Friedrich Georg zusammen mit seinem Bruder Ernst. Aus dieser Zeit kennt der gelegentliche FGJ-Leser höchstens den martialischen „Aufmarsch des Nationalismus“ (1926), den Ernst Jünger herausgab, oder den polemisch angelegten Fotoband „Das Gesicht der Demokratie“ (1931). Andreas Geyer hat jedoch in den Archiven gegraben und Texte Friedrich Georgs ans Tageslicht befördert, die diesen auf einem weitaus radikaleren Posten als seinen Bruder zeigen (so in den „Aphorismen der Dreikanter“, 1928), wobei dieser Radikalismus so gar nicht zum weichen Profil des jüngeren Jünger passen will und sich wohl nur als trotzige Übersteigerung und rhetorische Geste deuten läßt. Die zweite Werkphase erstreckt sich von 1934 bis 1940. Es sind dies die Jahre der inneren Emigration, in denen Friedrich Georg vor allem mit seinem regimekritischen Gedicht „Der Mohn“ auf sich aufmerksam machte – Thomas Mann schrieb dazu am 30. November 1934 lobende Bemerkungen in seinem Tagebuch. Die dritte Werkphase, die Jahre des Krieges, sind gekennzeichnet durch eine Rückwendung zur Antike und durch eine Hinwendung zur Technik – zwei Bewegungen, die sich im Sinne der „Heimholung des Unheimlichen“ überkreuzen. 1939 entstand mit „Die Perfektion der Technik“ auch ein Hauptwerke (veröffentlicht 1946). Nach dem Krieg – die vierte Werkphase des „Neubeginns“ erstreckt sich bis 1950, die fünfte umfaßt die Jahre zwischen 1950 und 1968 – ist FGJ 1 drauf und dran, zu einem der Vorzeige-Intellektuellen Deutschlands zu werden. Er erhält zahlreiche literarische Preise und referiert neben Heisenberg und Heidegger zu Fragen der Philosophie der Technik. Doch die Welle des Aufbruchs in der Literatur der sechziger Jahre rollt über ihn hinweg und spült ihn als Fossil an die Küste. In den Siebzigern ist er schon ein Unzeitgemäßer. Das Spätwerk – die in der Formulierung ökologischer Fragestellungen visionäre Zeitschrift Scheidewege. Vierteljahresschrift für skeptisches Denken (ab 1971), der Roman „Heinrich March“ (Geyer nennt ihn treffend die „Jüngerschen Buddenbrooks“) oder die späte Odyssee-Übersetzung zählen hierzu – ist hochinteressant und vielgestaltig, aber war schon damals kaum mehr als ein Geheimtip. Geyers Arbeit hat den großen Vorzug, erstmals das Werk Friedrich Georg Jüngers zusamenhängend darzustellen, die Technikreflexion, die Mythen-Analyse, die lyrische Verdichtung, die erzählerische Eleganz und den „grünen“ Skeptizismus aus einem Grundmotiv heraus zu erklären. Das Buch ist detailgenau und quellennah, hat aber immer den Blick fürs Ganze. Das Biographische kommt sicherlich viel zu kurz. Der Leser erfährt kaum mehr als das, was er in den Autobiographien lesen kann. Aber das Buch heißt im Untertitel ja auch „Werk und Leben“ und nicht „Leben und Werk“. Der größte Vorzug der Monographie ist, eine Vielzahl von Lesewegen zu FGJ aufzuschließen. Fragte man den Rezensenten, dann würde er einen Seitenweg nennen: Friedrich Georg Jüngers Versschule „Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht“ (1952). Sie gehört zum Besten, was über Metrik und Versmaß jemals geschrieben wurde. Also los: FGJ lesen! Andreas Geyer: Friedrich Georg Jünger. Fremdheit, Technik, Wiederkehr. Werk und Leben. Karolinger Verlag, Wien 2007, broschiert, 320 Seiten, 26 Euro

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