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Ein Skater-Boy als Schildknappe

Selten, daß Literaturverfilmungen zugunsten des Films ausfallen oder qualitativ mit der Vorlage gleichziehen. Leider ist das auch bei der Umsetzung von „Der Brief für den König“ nicht der Fall. Das ist deshalb schade, weil Tonke Dragts Verkaufsschlager von 1962 eine ganz und gar lieblingsbuchtaugliche Geschichte ist. Andererseits hätte die filmische Umsetzung auch schlechter ausfallen können. Tochter-Kommentar: Wirklich gut sei, daß hier mal weder Wesentliches weggelassen noch hinzugefügt wurde, aber: „Ich hab die ganze Zeit versucht, mir den Film-Tiuri wegzudenken und ihn mir so vorzustellen, wie er im Buch ist.“ Tatsächlich sind es vor allem Mängel in der personellen, aber auch gegenständlichen Ausstattung, die „den „Brief für den König“ nur eingeschränkt sehenswert machen. Tiuri, der heldenhafte Knappe und Sohn Ritter Tiuris des Tapferen („Mama, der war so richtig schön!“) mit seinem sichtbar gefärbten Blondhaar und konturlosem Mopsgesicht (Yannick van de Velde) hat die Ausstrahlung eines Teenagers, den man von der Halfpipe weggecastet hat. Blaue Strahlaugen hin und her — so sieht ein kleiner Skater-Boy aus, aber kein Schildknappe. Und ein Knappe ist Tiuri, er soll am kommenden Tag zum Ritter geschlagen werden. Noch steht ihm gemeinsam mit drei anderen Jünglingen die letzte Prüfung bevor: eine Nachtwache in der Kapelle. Die Knaben haben zu schweigen, zu beten — und keinesfalls die Pforte zu öffnen. Als es klopft und eine Stimme eindringlich um Hilfe bittet, bricht Tiuri das Gebot. Er findet einen Schwerverletzten vor, der ihn anfleht, einen Brief streng geheimen Inhalts einem im nahen Wald wartenden Ritter zu überbringen. Tiuri zögert — und folgt der Bitte. Den Ritter findet er sterbend vor, ein Pfeil der Roten Ritter aus dem feindlichen (Fantasie-)Reich steckt in seiner Brust. Der Todgeweihte erklärt dem Knappen, jener Brief sei unendlich wichtig für die Zukunft des Reiches — Tiuri selbst soll sich auf die lange Reise machen. Tiuri, stets geplagt von Zweifeln und Angst, seinen ruhmreichen Vater zu enttäuschen, nimmt die Herausforderung an und reitet los. Mehr als einmal entrinnt er auf dem beschwerlichen Weg über Berge und durch tiefen Schnee nur knapp dem Tod. „Traue niemandem!“ hatte ihm der Ritter eingeschärft — doch es zeigt sich, daß ohne fremde Hilfe kaum das Ziel erreicht werden kann. Tapferkeit, Freundschaft und Entscheidungsstärke sind die Themen, um die diese zwar letztlich eindimensionale, aber doch nicht oberflächliche Geschichte kreist. Warum ein Herrscher (Uwe Ochsenknecht) da nun unbedingt eine hochgegelte Igelfrisur, ein Ritter Dreadlocks haben muß und ausgerechnet die Königin ausschaut wie eine geliftete Society-Lady aus der Zeitschrift Bunte (Kindern entgehen solche Brüche nicht!), bleibt fragwürdig. Allzuviel Gewalt hat Regisseur Pieter Verhoeff der Geschichte damit nicht angetan. Der in Indonesien geborenen niederländischen Schriftstellerin Tonke Dragt ist 2004 übrigens der holländische Staatspreis für Literatur verliehen worden — für das beste Jugendbuch der vergangenen fünfzig Jahre. Auch in Deutschland ist „Der Brief für den König“ 400.000 Mal über den Tisch gegangen. Der knapp zweistündige Film hat sich nicht der Freiwilligen Selbstkontrolle (in punkto Altersfreigabe) unterzogen, man wird ihn Kindern ab acht Jahren empfehlen dürfen. Foto: Tiuri (Y. van de Velde; li.): Die Geschichte kreist um Tapferkeit, Freundschaft und Entscheidungsstärke

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