Joachim Kuhs

 

Die Vision von Nazareth

Daß Charles de Foucauld einmal Priester und Mönch werden und als solcher ein Leben in Armut und Einsamkeit im nordafrikanischen Hoggar führen würde, wurde ihm gewiß nicht an seiner Wiege gesungen. Am 15. September 1858 als Sproß einer der angesehensten Adelsfamilien Frankreichs in Straßburg geboren — der Vater, Franz Eduard Freiherr von Foucauld de Pontbriand, war Forstinspektor und entstammte einer Familie, deren Mitglieder sich an den Kreuzzügen gegen die Mohammedaner beteiligt, während der Französischen Revolution die Katholische Kirche mit ihrem Leben verteidigt und ihr manchen Heiligen geschenkt hatten —, verlor er im Alter von fünf Jahren seine Eltern. Charles und seine Schwester Marie wurden der Obhut ihres Großvaters mütterlicherseits anvertraut, des pensionierten Obersten Gabriel de Morlet. Zwar verwöhnte dieser den äußerst begabten Knaben nach Kräften, doch hatte seine Mutter ihn zur Frömmigkeit und zur Liebe zu Gott erzogen. Nach dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 mußten sie das Elsaß verlassen und ließen sich schließlich in Nancy nieder. Hier begann sein Abfall vom Glauben. In seinen Erinnerungen an jene Zeit beschrieb er seinen seelischen Zustand als „niemals kläglicher als damals, ganz Selbstsucht, ganz Eitelkeit, ganz Unglaube, ganz erfüllt von Begierde zum Bösen“. In der Kavallerieschule in Saumur, die er anschließend besuchte, führte Charles das Leben eines Dandys, gab Unsummen aus für teure Restaurants und Schneider, spielte und umgab sich mit zweifelhafter Gesellschaft — bis sein Regiment 1880 nach Algerien versetzt wurde. In Setif  begann er ein Verhältnis mit einer jungen Französin, das zum Stadtgespräch wurde, so daß er sich vorübergehend beurlauben lassen mußte. Ein Jahr später kehrte er jedoch mit Erlaubnis des Kriegsministers nach Algerien zurück, um mit seinem alten Regiment einen Aufstand im südlichen Oran niederzuschlagen. Danach reichte er seine Entlassung ein, um eine große Marokko-Reise zu unternehmen, von der er schon so lange träumte. Er wollte die Unergründlichkeit und Einsamkeit der Wüste kennenlernen, die arabischen Stämme studieren und damit gleichzeitig Pionierdienste für Frankreich leisten. Ein paar Jahrzehnte später sollte ein Engländer, den man Lawrence von Arabien nennen würde, die gleichen Träume träumen wie Charles de Foucauld. Verkleidet als russischer Rabbiner begann er in Tanger seine Forschungsreise. In dem Werk „La Reconaissance du Maroc“, das reiche geographische, militärische und politische Aufschlüsse bot, berichtete er über seine Forschungen. In „Itinéraires au Maroc“ („Marokkanische Reisebeschreibungen“) beschrieb er, wie es ihm gelang, vor den Einheimischen sein Geheimnis zu bewahren, zugleich drückte er jedoch seine Bewunderung für die Schönheit der Landschaft und den Fleiß der Bauern aus. Doch sah Charles auch die Laster und Schwächen der Mohammedaner. Habsucht, Diebstahl, Räubereien und Überfälle galten als ehrenvoll, und fast überall herrschte der schlimmste Aberglaube. Für kurze Zeit überlegte er sogar, selbst Muslim zu werden, erkannte aber bald: „Die Religion Mohammeds kann nicht die wahre sein; sie ist gar zu materialistisch.“ Im katholischen Glauben fest verwurzelt, erfüllte ihn ob seiner Sünden und seines eigenen Materialismus nun immer öfter eine tiefe Traurigkeit. Als er eines Tages Abbé Huvelin traf, einen Priester der einfachen, klaren Worte, faßte Charles den Entschluß zur Beichte; niederkniend bekannte er vor dem Abbé sein ganzes bisheriges sündiges Leben. Immer stärker fühlte er sich nun zum Ordensstand hingezogen. So begann er sein Noviziat im Kloster Notre-Dame-des Neiges. Doch sein Wunsch war, in einem noch ärmeren Trappistenkloster im Orient Gott zu dienen. In Notre-Dame du Sacre-Cœur bei Alexandrette in Syrien legte Bruder Marie-Alberic, wie er nun hieß, im Februar 1892 die Ordensprofeß ab. Vor ihm stand die Vision von Nazareth, Seelen um sich zu sammeln, die den Beginn einer kleinen Kongregation bildeten. In diese Zeit fiel der vom türkischen Sultan befohlene Völkermord an den christlichen Armeniern. In wenigen Monaten wurden über 140.000 Christen in der näheren Umgebung hingemetzelt. In einem Brief beklagte sich Charles bitter darüber, als Europäer unter dem Schutz der türkischen Regierung zu stehen: „Schmerzlich genug, mit den Mördern unserer Brüder gut zu stehen; besser wäre es, das Los der Brüder zu teilen, als durch ihre Verfolger beschützt zu werden. Welche Schmach für Europa! Mit einem Wort hätte es diese Greuel verhindern können und hat es nicht getan … Welche Strafen mag Gott für solche Erbärmlichkeiten bereithalten!“ In dieser Zeit faßte er den Plan, in Marokko, das keinen einzigen Priester besaß, als Missionar zu wirken. Als Tröster der Armen, der Sklaven und der französischen Soldaten sah sich Charles hier. Wie ein treuer Hund schlief er vor dem Tabernakel. Nach altem Trappistenbrauch schaufelte er sich gleich neben der Kapelle eigenhändig das Grab, in dem er beigesetzt werden wollte, und segnete es. Der Freikauf des ersten Sklaven erfüllte ihn mit großem Glück, und bald fanden mit Hilfe der Weißen Väter und seiner Offizierskameraden immer mehr freigekaufte Sklaven bei ihm Unterkunft, Nahrung, Pflege, Freundschaft und christliche Erziehung. Die Gründung der lange ersehnten klösterlichen Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom heiligsten Herzen Jesu und sein tiefer Glaube ließen ihn selbst schwere Rückschläge ertragen. Er war sich bewußt, daß der Haß der Mohammedaner gegen die Christen auf der Lehre des Korans beruht, der die Ausbreitung des Islam durch das Schwert fordert, doch glaubte er, daß man auch den Mohammedanern die Gnade der christlichen Religion vermitteln könne. Anfang 1904 unternahm er eine Reise zu den Tuareg im Hoggar. Als begeisterter Geograph trug er seine Erkenntnisse über Wasserläufe, klimatische Verhältnisse, Anbaumethoden und Sitten und Gebräuche der verschiedenen Stämme gewissenhaft in sein Tagebuch ein. Doch die Reise erschöpfte ihn, er litt an Fieber und erholte sich nur langsam von den Strapazen. Im Tal von Tamanrasset begann er sogleich mit dem Bau einer Klause. Sein weißes Gewand mit dem roten Kreuz und dem Herz leuchtete weithin, Tuareg-Hirten und Nomaden streiften mit ihren Herden durch das Hochtal. Für ihre Seelen verfaßte Charles ein Wörterbuch Tuareg-Französisch und übersetzte die Evangelien. Als katholischer Priester litt er unter der Islamisierung des Hoggar, zudem zwangen Krankheiten den Unermüdlichen nieder. Trotzdem teilte er seine kargen Mahlzeiten mit jenen, die zu ihm kamen, denn immer noch herrschte große Hungersnot. Doch die grausamen Sittengesetze der Tuareg — den Frauen war es erlaubt, außereheliche Neugeborene zu töten —, ihre Gewalttätigkeit und vor allem der Sklavenhandel machten ihm große Sorgen. Der Kriegsausbruch zwischen Deutschland und Frankreich 1914 führte auch zu Kämpfen in Nordafrika. Banden drangen in die Kolonialgebiete ein, das Fort Dschamet wurde von über 1.000 Senussi eingeschlossen, doch gelang es den Verteidigern zu entkommen. Charles fühlte, daß er von aufständischen Banden angegriffen und für seine kleine Herde sterben würde. Die letzten Stunden seines irdischen Daseins verbrachte er still und zurückgezogen in seiner Einsiedelei beim Gebet. Am 1. Dezember 1916 überfiel ihn eine Bande Fellagas. Als er arglos die Tür öffnete, schoß einer der Tuareg ihm in den Kopf. Seinen Leichnam ließen sie liegen, ohne ihn jedoch — wie allgemein üblich — zu verstümmeln. Charles de Foucauld mußte sterben, weil die Aufständischen die Parole „Tod den Christen“ ausgegeben hatten. Es ging das Gerücht um, die Mörder hätten den Pater aufgefordert, das mohammedanische Glaubensbekenntnis abzulegen, was er natürlich verweigerte. So starb er, wie er es sich immer gewünscht hatte: als Opfer der Nächstenliebe und als Märtyrer nach der Lehre der Kirche. Sein Leichnam wurde auf dem Festungshügel, etwa 200 Meter westlich seiner Einsiedelei beigesetzt. Überragt wurde das einfache Grab von einem großen schwarzen Holzkreuz ohne jede Inschrift. Foto: Charles de Foucauld (1858—1916): Missionar und Märtyrer

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