Die Gräfin im Korsett

Klaus Harpprecht, so verspricht die Verlagswerbung, habe „die erste kritische Biographie“ der Publizistin Marion Gräfin Dönhoff vorgelegt. Gemessen an den Lobhudeleien von Alice Schwarzer und Haug von Kuenheim ist das zutreffend. Insofern profitierte Harpprecht davon, daß die 2003 verstorbene Zeit-Herausgeberin nicht mehr über Quellen wachte, aus denen er jetzt, dank großzügiger Unterstützung durch die Familie, schöpft. Indes gemessen daran, was ein wirklich „kritischer“ Geist aus dem Material hätte machen können, liest sich diese um 1970 sanft auslaufende Vita so, als hätte die strenge Gutsherrin Knecht Harpprecht drohend über die Schulter geschaut. So entstand sein „rücksichtsvolles“ Porträt, dessen beste Partien Aufklärung über ihr „erstes Leben“ bis zur Flucht im Januar 1945 bieten, als Angehörige der adligen Führungsschicht Ostpreußens und Latifundienverwalterin. Da der Autor aber ein eitler Mann ist, will er vorzeigen, was er im Nachlaß und diversen Archiven fand. Und im Stolz des Sammlers breitet er dann viel aus, was so gar nicht ins Bild von der Leitfigur linksliberaler Publizistik paßt, das eigentlich auch er postamentieren möchte, der seine Heldin allen Ernstes als „die bedeutendste (deutsche) Journalistin“ des 20. Jahrhunderts rühmt. Schon diese eingangs hinaustrompetete Einschätzung untergräbt er anschließend mit Fleiß. Denn was bleibt von dieser „Bedeutung“, wenn Harpprecht ihr abspricht, keine „brillante Stilistin“ gewesen zu sein, glanzlose Artikel fabriziert, ihre Sätze selten aus der „Zucht grauer Alltäglichkeit“ befreit und, dies vor allem, mit ihren politischen Analysen sehr oft sehr arg danebengelegen zu haben? Die DDR hielt die Gräfin bis kurz vor ihrem Untergang für „stabil“. Die polnische Solidarność-Bewegung störte ihrer Meinung nach den „Entspannungsprozeß“. Zu schweigen von ihren Kommentaren zum politischen Geschehen in Afrika. Als Leopardenjägerin fühlte sie sich dafür offenbar kompetent genug. Man lese heute einmal ihre Hymne auf Robert Mugabe, um das Ausmaß solcher Desorientiertheit zu erfassen. Eine derartige Blindheit wie in Sachen DDR, wo doch jeder Tagesbesuch seit 1980 genügte, inmitten zerbröselnder Innenstädte und vor maroden „VEBs“, der SED-Satrapie ein Haltbarkeitsdatum bis maximal 1990 auszustellen, wird auch dadurch nicht „verzeihlich“, daß Kanzler Kohl, die CIA oder Harpprecht selbst, diesen „Irrtum“ geteilt hätten. Selbstkritisch hat dieses Fiasko politischen Urteilsvermögens autististische Deutungsathleten wie Dönhoff und ihren „sozialliberalen“ Biographen jedenfalls nach 1989 nie werden lassen. Merkwürdig allerdings, auf welch niedrigem Niveau, an tausend Irrtümern vorbei für neue Illusionen offen, auf Halden von Wortmüll, sich kulturelle Hegemonie hierzulande errichten läßt. Faßt man das von ihm dankenswerterweise nicht unterdrückte Material zusammen, das sich ins linksliberale Korsett kaum fügt, in das Harpprecht die Dönhoff zwängt, ergibt sich ein Charaktermosaik, das eher auf die Kontinuität erzkonservativer Prägungen weist. Bis zuletzt sei ihr die „Idealisierung“ des Preußentums Herzensangelegenheit gewesen, ihre Kapitalismuskritik erweise dem „preußischen Sozialismus“ Referenz, auf ein „Viertel des Reiches“ im deutschen Osten wollte sie bis 1970 keineswegs verzichten, mit der „Entnazifizierung“ nahm sie es, sofern es um ihre für die NS-Bewegung begeisterten Brüder ging, nicht so genau. Was nicht verwundert, da sie als Zeit-Redakteurin von 1946 bis 1960 einem „Blatt der nationalen Opposition“ angehörte. Und selbst zarteste Konvergenzen mit antijüdischen „Vorurteilen“ ihrer „Freunde aus dem Widerstand“ sind in der Privatkorrespondenz zu entdecken, wenn sie über die drei jüdischen „Zersetzer“ Marx, Freud und Einstein sinniert. Dies alles sperrt sich gegen Harp­prechts hagiographische Tendenz und fordert ihn daher zu endlosen Mümmeleien heraus, die entschuldigen, beckmessern und „zurechtrücken“ wollen, was ihm an der „Bürgeraristokratin“ mißfällt oder „bedrückt“ (so ihre bis zu „moralistischer Einäugigkeit“ gesteigerte Israel-Kritik), und die in der Summe jene von ihm bei anderen verhöhnte „konformistische Geschwätzigkeit“ ergeben, die der Leser gern entbehrt hätte. Klaus Harpprecht: Die Gräfin. Marion Dönhoff. Eine Biographie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, gebunden, 589 Seiten, Abbildungen, 24,90 Euro

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