Die Freude an der Verschiedenheit

Michael Böhms Debüt hat das Verdienst, die mitunter irritierenden und — vor allem aus deutscher Sicht — widersprüchlich scheinenden Einlassungen de Benoists in ihren Kontext einzuordnen. Böhms Interesse ist dabei primär historisch genealogischer Art. Dies gibt dem Buch eine wohltuende Nüchternheit. Böhm spannt ein konzises Netz um die intellektuelle Biographie de Benoists, wobei er davon ausgeht, daß die Formierungsphase in dessen Denken weitgehend um 1968 abgeschlossen war. Gleichwohl wandeln sich die zentralen Motive der Frühzeit, teilweise beträchtlich. Es wird deutlich, daß die Grundprägungen dieses Denkers Widersprüche der französischen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert in überraschendem Ausmaß spiegeln: Großstadt und bäuerliches Milieu, zwischen denen tiefe Differenzen klafften, der Vater Aristokrat, die Mutter von bäuerlicher Herkunft, eine Großmutter, die im Alter zu starker, fast fanatischer Bigotterie neigt und de Benoists Bild des Katholizismus bestimmt, werden in eine Strukturanalyse der „longue durée“ eingezeichnet. Auch die Konstellation um den einstigen „Militant“ der „Action française“ Henri Coston, einen frühen Mentor de Benoists, macht das Engagement des noch nicht Zwanzigjährigen im Algerienkonflikt für das französische Algerien zumindest historisch verständlicher. Ein eigenes profundes Kapitel, das auf heutigem Stand der Forschung an Arbeiten Armin Mohlers anschließt, widmet sich dem Nationalismus in Frankreich. Es weist auf die Rolle des französischen „Nationaljakobinismus“ und seine tiefe mentale Krise am Ende des Zweiten Weltkriegs hin. Vor diesem Horizont zeichneten sich bei de Benoist früh die Profile eines europäischen Nationalismus ab. Böhm zeigt seine souveräne Kenntnis der französischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in allen Filiationen, außer vielleicht jener des Katholizismus, der durch den „nouveau catholique“ komplexer ist als dies hier zum Ausdruck kommt. Die wissenssoziologische Zugriffsweise mit Karl Mannheim bewährt sich insgesamt, wenn der Verfasser auch zu Anfang zu Literatur- und Theoriereferaten neigt, die umständlicher sind, als es nötig wäre. Die intellektuelle Entwicklung de Benoists ist von früh an bestimmt durch intensives Nietzsche-Studium, die Polarität der „Natur-Kunstgewalten“ des Apollinischen und Dionysischen, aber auch die Diagnostik des Todes Gottes und des heraufziehenden europäischen Nihilismus. Böhm stellt jene philosophischen Tiefenzusammenhänge, nicht anders als die Auseinandersetzungen mit der Linken im Kontext der spezifischen Verwerfungen der Moderne in Frankreich, kenntnisreich und konzise dar, und profiliert vor diesem Hintergrund den für de Benoist lebenslang charakteristischen Antiegalitarismus im allgemeinen und das Engagement in der GRECE (Groupement de recherche et d‘études pour la civilisation européenne) seit 1968 im besonderen, deren Wortführer, maßgeblicher Autor — auch unter Pseudonymen — und damit der maßgebliche Vordenker der neuen Rechten in Frankreich er ist. Das zentrale fünfte Kapitel geht Kontinuität und Wandel in de Benoists Denken im einzelnen nach. Eindrücklich wird hier die durchgehende antiutilitaristische, tragische Grundauffassung deutlich, die zunächst mit Nietzsche primär ästhetisch geprägt war und sich zunehmend zu einer Moderne- und Kulturdiagnostik erweitert. Das Grundmotiv der „Rasse“ im Denken von de Benoist ist besonders sensibel. Böhm zeigt, daß der junge Publizist im Zusammenhang der Europe-Action das Konzept einer Hierarchisierung der Rassen vertritt, während sich durch die intensive Rezeption der strukturalen Ethnologie von Claude Lévi-Strauss und der Anthropologie des Menschen als eines „offenen Wesens“, namentlich im Anschluß an Gehlen, zunehmend ein ethnopluralistisches, radikal kulturrelatives Konzept ausbildet. Benoist widersetzt sich damit dem Kulturvergleich ebenso wie einem abstrakten Menschenrechtsuniversalismus im Namen eines Rechtes der Völker. Auch Böhm gelingt es indes nicht, alle Widersprüche und Verwerfungen zu tilgen: Denn der Ethnopluralismus ist im Grunde auf das postmoderne Konzept von Identitätskonstruktionen orientiert, während de Benoist zugleich in der Folge der romantischen Philosophie und älterer konservativer Traditionen für Konkretionen und gegen Abstraktheit votiert. Unstrittig ist de Benoists Antiliberalismus ein weiteres konstantes Moment seiner intellektuellen Biographie und Publizistik. Böhm zeigt, daß verstärkte Bezugnahmen auf Carl Schmitt und den Etatismus seit den siebziger Jahren diese Kritik weiter präzisiert, zugleich aber zum Verdikt zugespitzt haben. In engem Zusammenhang damit steht eine scharf konturierte Kritik an Ökonomismus und Materialismus der durch Waren- und Geldströme definierten Globalisierung. Dies hat zur Folge, daß für de Benoist Elite dezidiert aristokratische, und zugleich programmatisch vormoderne Züge annimmt, geprägt durch „außeralltägliche Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person“. Daß  Theoreme von Julius Evola neben Motiven Ernst Jüngers und Henri de Montherlants diese Überlegungen bestimmen, belegt Böhm gründlich.  Der Neopaganismus und seine Gegenstellung gegen Judentum und Christentum, die er zeitweise mit Utilitarismus und totalitärer Denkform geradezu gleichsetzte, ist als systematische Position schwerlich zu verteidigen. Michael Böhm zeigt indessen, daß das spirituelle Neuheidentum der frühen achtziger Jahre mittlerweile einer nüchterneren Position gewichen ist. Besonders aufschlußreich ist es zu sehen, daß die indoeuropäische Götterwelt in der Trifunktionalität von Souveränität, Krieg und Fruchtbarkeit, die der große Mythenforscher Georges Dumézil ermittelt hat, de Benoist beeinflußte. Ein geistesgeschichtliches und ein politisches Resümee schließen diese konzise, intelligente und höchst anregende Monographie ab. Böhm kann plausibel machen, daß de Benoist das Epitheton des „konservativen Revolutionärs“ im Sinne von Mohler idealtypisch realisiert. Er stellt die Moderne und ihre ökonomische Produktionslogik sehr viel radikaler in Frage als die von Mohler unter dem Titel „konservativer Revolution“ untersuchten Exponenten der Zwischenkriegszeit. In politischer Hinsicht kommt Böhm zu dem Ergebnis, daß de Benoist unstrittig als rechter Intellektueller zu begreifen ist, der wesentliche Themata, die in der politologischen Forschung dem Extremismus zugewiesen werden, etwa Konkretisierungen von Menschenrechtsfragen oder Staatsformen, nicht berührt und daher nicht eo ipso als „extremistisch“ bezeichnet werden kann. Benoist ist, auch wenn man ihm — wie der Rezensent — in vielen Fällen im Grundsätzlichen zu widersprechen geneigt ist, ein hochgebildeter, belesener Denker, der sich vor Jahrtausenden Rechenschaft zu geben weiß, dem die griechische Antike mehr ist als Bildungsornat oder Phrase und der zugleich situativ scharf zu zielen vermag und den subjektiven Gestus nie scheut.  Sein tragischer Heroismus läßt sich als Grundzug seiner intellektuellen Physiognomik erkennen. Unverkennbar, und dies legt die Arbeit von Böhm sehr eindrucksvoll dar, ist er Phänomen der Übergangs- und Interimszeit im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert. Böhms Buch hebt die Beschäftigung mit de Benoist auf eine neue Ebene: Sie zeigt, daß mit Diffamierung, Unkenntnis oder gar der kriminalistischen Frage nach strafrechtlicher und polizeilicher Relevanz, die die bisherige deutschsprachige Literatur über ihn bestimmt, de Benoists geistige Existenz nicht zu fassen ist. Allen vorausgehenden deutschsprachigen Versuchen, Benoist zu orten, ist Böhms Arbeit weit überlegen. Dabei ist besonders positiv hervorzuheben, daß er sich von seinem Sujet die Urteilsfähigkeit nicht trüben läßt und stets eine gewisse Distanz übt. An diesem brillant geschriebenen, für ein Debüt bemerkenswert eigenständigen Buch von hohem Erkenntnisgewinn wird künftig niemand vorbeikommen, der sich in Zustimmung oder Widerspruch auf de Benoist und die neue Rechte bezieht. Es ist darüber hinaus eine wichtige Bestandsaufnahme politischen Denkens an der Jahrtausendschwelle. Michael Böhm: Alain de Benoist und die Nouvelle Droite in Frankreich. Ein Beitrag zur politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit einem Geleitwort von Frank-Lothar Kroll. Lit-Verlag, Münster 2008, broschiert, 320 Seiten, 29,90 Euro Foto: Alain de Benoist, um 1995: Antiegalitarismus und Antitotalitarismus durchziehen sein Werk als ständiger roter Faden

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