Dezidierter Außenseiter

Anfang April dieses Jahres verstarb der Marburger Althistoriker Karl Christ. Wie kein anderer Vertreter seiner Disziplin machte sich Christ um die Geschichte seines Fachs verdient, das innerhalb der Altertumswissenschaften an der Konstruktion einer politisch-weltanschaulich verwertbaren „Antike“ seit dem 19. Jahrhundert einen so bedeutenden Anteil hatte. Auch das letzte Werk Christs galt der Fachgeschichte, und zwar der Biographie Alexander Schenk Graf von Stauffenbergs (1905-1964), der seit 1948 als Ordinarius für Alte Geschichte an der Universität München lehrte. Man sagt nichts Schlechtes über den im hohen Alter verstorbenen Gelehrten, wenn man dieses Stauffenberg-Porträt als unausgereift kritisiert. Denn Christ liefert hier leider nur eine flüchtige Skizze ab, die ähnlich wie die kurz zuvor bei C. H. Beck veröffentlichte Biographie Peter Hoffmanns über einen „Freund Stauffenbergs“ (JF 11/08) lediglich fürs Aufsatzformat reicht. Zu vieles wirkt zudem wie angedeutet oder hingetuscht, was gerade im Rahmen einer Monographie doch präziser hätte erfaßt und analysiert werden müssen. So klärt Christ nicht einmal die Frage, ob Alexander in die konkreten Pläne seiner Brüder Claus und Berthold Stauffenberg für den 20. Juli 1944 eingeweiht war. Offenbar geht er davon aus, daß ihn die Verschwörer nicht für zuverlässig hielten und ihm daher in der unmittelbaren „Vorbereitungsphase“ kein Vertrauen schenkten. Dies sei für den „so sensiblen und ehrbewußten Mann diskreditierend“ gewesen, und er habe als ein zwar in „Sippenhaftung“ Genommener, aber doch Überlebender, vom Tod der Brüder „zutiefst erschüttert“, noch Jahre nach Kriegsende unter einer „schweren Depression“ gelitten. Einem Christs Darstellung angehängten Interview mit der Tochter Alexander Stauffenbergs ist dann aber zu entnehmen, daß ihr Vater sehr wohl über die Attentatspläne ins Bild gesetzt worden war: „Über das unmittelbare Bevorstehen in diesem Juli (1944) gab es für meinen Vater keinen Zweifel.“ Ebenso unscharf bleiben Christs Bemühungen um das Profil des Althistorikers. Dessen Karriere begann „im Banne von Stefan George und Wilhelm Weber“. Doch über die Beziehung zum Dichter erfährt man nur, daß dieser die Brüder bevorzugt habe. Und über Weber, den akademischen Lehrer Stauffenbergs, den würdigen Nachfolger Eduard Meyers in Berlin, einen „von ganz unten“ kommenden charismatischen „Führer“ unter den Gelehrten seiner Generation, bleibt Christ dem Leser sogar jede Auskunft schuldig. Sehr langatmig referiert er statt dessen den Inhalt des insgesamt schmalen althistorischen Œuvre Stauffenbergs, macht aber weder deutlich, wo und mit welchen Argumenten er sich vor 1945 von der „rassischen“ Geschichtsinterpretationen mancher Kollegen abgrenzte, noch begründet Christ sein zutreffendes Urteil, daß der seinem „George-Ideal“ treu gebliebene, vom Schicksal schwer gezeichnete Mann mit seinen „geistesgeschichtlichen Perspektiven“ nach 1945 als „dezidierter Außenseiter“ galt. Eine eindringlichere Untersuchung über den „dritten Stauffenberg“ steht daher noch aus. Karl Christ: Der andere Stauffenberg. Der Historiker und Dichter Alexander von Stauffenberg, C. H. Beck Verlag, München 2008, gebunden, 201 Seiten, Abbildungen, 22,90 Euro. Foto: Alexander von Stauffenberg: Zutiefst erschüttert

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