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Bespaßung

Aber was es ist, kann ich nicht sagen, es hat keinen Namen“: Wo Jens Friebe in der Candide-Rolle mit obstruktiv grundloser Heiterkeit durch den Irrgarten der gesellschaftlichen Normalität tänzelt, mag Peter Licht auch in Dur-Klängen seine Schwermut nicht verbergen und hat schon vor zwei Jahren mit seiner CD „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ mehr als nur angedeutet, daß er sein Unbehagen sehr wohl auf den Begriff zu bringen versteht. Sich an diesem en détail abzuarbeiten, hieße allerdings, leichtfertig die Warte des kopfschüttelnden Flaneurs aufzugeben und damit der Vielzahl der Beobachtungen und Eindrücke zu entsagen, die einem solchen vergönnt sind. Dabei macht er aus seiner Ratlosigkeit keinen Hehl, daß auch er, der das Spiel kritisiert, unweigerlich ein Teil desselben ist: „Weiß weiß ich doch nicht wie ich in diesen Plot geraten bin fragst Du mich/ weiß weiß ich doch nicht wie ich in diesen Tag geraten bin frag ich mich“. Der Bestimmung, Endverbraucher zu sein, entgeht niemand, und die Vorstellung von Individualität erscheint lediglich als eine dem nützlichen Prinzip der Konsumentensouveränität geschuldete Schimäre. „Ich“, so das Resümee von Peter Licht, ist schlichtweg „geisteskrank“. Dagegen zu sein und darum zu ringen, zum Ausdruck zu bringen, wogegen man denn nun ist, verbindet die aktuelle CD „Melancholie und Gesellschaft“ (Motor Music) mit ihrer Vorgängerin. Sie hinterläßt jedoch den Eindruck, daß Peter Licht unterdessen um spontan einleuchtende Antworten verlegen ist. Wo dazumal bereits fragmentarische Andeutungen den Nagel auf den Kopf zu treffen schienen, mangelt es nun an Unbefangenheit. Peter Licht hat offenbar zuviel zu sagen, um es noch ausdrücken zu können, seine Assoziationsketten ufern aus bis hin zur Geschwätzigkeit, die Musik wird zur Vertonung herabgestuft, es bietet sich kein Ohrwurm, der widerspenstige Botschaften injizieren könnte, auf daß sie ihr Eigenleben beim Hörer entfalten. Peter Licht bleibt so mit seiner Ergriffenheit allein. Er bespaßt als Entertainer, mag er nun als Beziehungsanalyst aus dem prallen Leben schöpfen oder der Weltflucht eine Stimme verleihen. „Weit weg/ weit weiter/ weit weg und wir kommen nicht mehr zurück“. Der Zuhörer ruft „Zugabe“ und winkt hinterher. Bar der schweren Fracht umfänglicher Gegenwartsstudien läßt hingegen die isländische Band Sigur Rós seit mehr als zehn Jahren eine wachsende und zur Refinanzierung der Fahrtkosten längst ausreichende Zuhörerschar an ihrer Flucht aus Welt und Zeit Anteil nehmen. Wurden dabei in der Vergangenheit mit mäandernden und zur Schwermut verführenden Klängen, über die die Falsettstimme von Jón Thór Birgisson ihr Klagelied sang, bevorzugt neblige Gestade befahren, so kündet die neueste CD von der Entschlossenheit, auch lichtvollere Stimmungslagen zu meistern: Den Auftakt von „Med Sud I Eyrum Vid Spilum End“ (EMI Records) bilden Stücke, die in Kürze und Melodik das Popformat nicht scheuen („Inni mêr syuqur vitteysingur“) oder mit beschwingtem Bläserarrangement („Gobbeldogook“) sogar in Albernheit verfallen. Allerdings ist auch hier deutsche Übersetzung des Albumtitels, „Mit einem Brummen in den Ohren spielen wir endlos weiter“, programmatisch zu verstehen. Je weiter der Hörer vordringt, desto vertrauter werden die Klänge und das zähe, sich unverhofft orchestral aufbäumende Lamento ohne Rücksichtnahme auf radio- oder fernsehverträgliche Längen gewinnt die Oberhand. Das Gewohnte erscheint in Kenntnis der humoristischen Seite von Sigur Rós jedoch in neuem Licht. Zögernd, ob er sich wirklich noch einfach nur auf diese Musik einlassen kann, hat der Hörer die Chance, endlich die handwerkliche Qualität dieser Band zu würdigen.

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