Bergsteiger

Er sagt uns heut’ nichts mehr, jedenfalls nichts von Belang, er ist in seine Marmorbüste hineingewachsen und bedeckt mit „buntem Staub“, als verlorener literarischer Posten, als bloße Bildungsreminiszenz: So etwa ließe sich der holländische Künstler Theo Ligthart verstehen, der in einem Essay Ernst Jünger auf seine heutige Bedeutung abklopft — jetzt erschienen in einem Sammelband bei Matthes & Seitz (Berlin), zusammen mit anderen Beiträgen, die dasselbe versuchen. In der Figur des Waldgängers, bei Jünger Symbol für den individualistischen „Anarch“, der in feindlicher Umgebung seine geistige Unabhängigkeit bewahrt, erkennt Ligtahrt die menschliche Kampfmaschine „Rambo“. Sylvester Stallone hat sie in einer Reihe gleichnamiger Filme verkörpert: Rambo, der Veteran des Vietnamkrieges, findet in der amerikanischen Gesellschaft keinen Platz mehr und zieht sich aus der Zivilisation in den Wald zurück. Dort verschmilzt er unsichtbar mit seiner Umgebung, und um seine Verfolger zu täuschen, wendet er jene Guerillataktik an, die er im Krieg gelernt hat: Er ahmt Tierlaute nach, er baut unsichtbare Fallen und Scheinanlagen, er täuscht Bewegungen und Geräusche vor. Mimikry, die Kunst der Verstellung wird in der Atmosphäre des Totalen zur wichtigsten Waffe, der Krieg zur mimetischen Kunst. Gewiß — das ist genau jene Überlebensstrategie, die auch Ernst Jünger seinem Waldgänger einst empfohlen hat: Widerspruch offen zu äußern, sei unklug, es bringe einen lediglich ins Gefängnis — insofern möge der Waldgänger nur im verborgenen seinem subversiven Geschäft nachgehen. Doch ist, so fragt Ligthart, ein Jüngerscher Waldgang heute noch möglich? Drohe nicht der „Wald“ allerorten zum nutzbaren „Forst“ zu geraten und ansonsten „abzusterben“? Und wandelt nicht daher selbst der nonkonformistische Intellektuelle heute nur auf einem angelegten „Waldlehrpfad“, gespickt mit den lehrreichen Tafeln des Vergangenen? Rambo jedenfalls sterbe in seiner Romanversion oder werde im Film dazu gebracht, sich wieder in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Modernes Waldgängertum, so Ligtharts vorsichtig formulierte These, sei nichts als reine Illusion, vor allem in unserer Zeit, die alles und jedes strukturiere und unter das Gebot der ökonomischen Ratio stelle. Aber Jüngers „Wald“, jener Bereich der „elementaren Kräfte“, in denen man „freier und härter“ lebt, ist — wie „Abenteuer“, „Myrdun“, „Rausch“, „Zeitmauer“ oder „Schere“ — nur eine Metapher: zwielichtig, ambivalent und daher vieldeutig zu interpretieren. Er könnte die moderne Großstadt sein oder auch Rousseaus Naturzustand. Diese Ambiguität der Jüngerschen Begriffe immer wieder zu unterstreichen, ist das Verdienst des Bandes, und so erscheint die Désinvolture, die souveräne Distanz, nicht nur als aristokratische Tugend, die selbst in höchster Gefahr noch zu ironischem Kommentar verleitet. Bei dem Literaturwissenschaftler Pascal Nicklas wird sie zur unterschwelligen Lebenshaltung all jener, deren „Schicksal sich nicht im Materiellen und Leiblichen“ erschöpft. Natürlich — dergleichen gibt es heute nicht mehr als Standesprinzip: Doch steigen nach wie vor Bergsteiger zu gewaltigen Höhen auf und riskieren ihre Existenz, dopen sich Radrennfahrer mit dem gleichen Resultat oder verzweifeln Künstler an ihrem Werk. Schließlich, und auch das beinhaltet diese Pose, gibt es heute Menschen, die sich in Flugzeuge setzen und sie zu Bomben werden lassen — selbst wenn nur aus terroristischem Motiv heraus. Désinvolture als Möglichkeit, die immer noch gegeben ist und daher gleich einer anthropologischen Konstante? Spätestens hier dürfte sich der verlorene Posten als ewiger Bahnhof zeigen und etwas enthüllen, dem sich seit Nietzsche auch Jünger verschrieb: der Ziel- und Sinnlosigkeit des Lebens, verkörpert in der klassischen griechischen Tragödie, wo sich Dyonisos immer wieder gegen Apollon stellt — der Idee des tragischen Heroismus. Als philosophische Kategorie hat sie in der demokratischen Epoche die Bohèmians begeistert, gelebt haben sie aber davor vor allem Aristokraten, ihnen galt Ehre immer höher als Vernunft oder gar das eigene Leben. Heute mag man das anders empfinden, gewiß. Aber wie sagt der Militärhistoriker Martin van Crefeld in seiner lesenswerten Abhandlung über Waffen und Kultur? „Der Krieg ist wahrscheinlich der letzte Beweis, daß der Mensch kein vernunftbegabtes Tier ist.“ Derlei Kommentare machen aus diesem kleinen Bändchen denn auch mehr als nur ein gewöhnliches Jünger-Lesebuch für unsere Zeit, ihm gelingt es, subtiler Nachruf und aktueller Kommentar in einem zu sein: Es feiert den Dichter als Repräsentanten einer uns schon fernen Epoche, es zeigt ihn aber ebenso als scharfen Analytiker des Dauerhaften — und damit als den von Gegenwart und Zukunft. Fürs letzteres mag auch der Gedanke von Marion Titze stehen, wonach der Schmerz der Welt immer die gleiche Summe bilde und sich in einer schmerzverneinenden Kultur „die Gegenwart auf Kosten der Zukunft polstert“. Für das erste jedoch ist stellvertretend ein Aphorismus von Ulrich Schacht: „Wer mit seiner Trauer in den Wald geht“, heißt es bei dem Dichter, „wird getröstet: Baum um Baum.“ Alexander Pschera (Hg.): Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht. Matthes & Seitz Berlin 2008, kartoniert, 384 Seiten, 19,80 Euro Mit Beiträgen von Martin Brinkmann, Martin von Creveld, Gunnar Decker, Günter Figal, Laslo Földenyi, Chirstophe Fricker, Wolfram Malte Fues, Peter-W. Gester, Yuval Noah Harari, Lorenz Jäger, Marc Jongen, Georg Klein, Sebastian Kleinschmidt, Felix Johannes Krömer, Jürgen Kron, Thor Kunkel, Theo Ligthart, Stefan Lindl, Eckhart Nickel, Pascal Nicklas, Thomas Palzer, Tom Peuckert, Alexander Pschera, Ulrich Schacht, Mark von Schlegell, Heimo Schwilk, Marion Titze, Peter Trawny, Jörg Trempler, Sophie Wennerscheid, Cai Werntgen, David Wood.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles