Superwahljahr

 

Verweilen wir in Eigenwelten

Das Buch beginnt mit einem tatsächlichen Ende und endet mit einem möglichen Anfang. Der erste Satz erzählt vom Tod: „Am 17. Februar 1998 starb Ernst Jünger im Alter von fast 103 Jahren.“ Auch so kann eine Lebensbeschreibung einsetzen. Auf der letzten, der 568. Seite, die vom Abend des Beerdigungstages erzählt, sagt Jüngers Neffe Gert Deventer, die „große Zeit des Onkels“ komme erst noch. Ist diese Hoffnung auf einen Anfang nach dem Ende eine Floskel, die an einem solchen Tag in der Luft liegt, oder ist sie eine berechtigte Erwartung?

Bei Heimo Schwilk wird es auf der letzten Seite, nachdem alle Trauergäste wieder gegangen sind, zunächst einmal ganz, ganz still in der Wilflinger Oberförsterei, in der Jünger ein halbes Jahrhundert gelebt hat: „Jedes Zimmer ein kleiner Kosmos, eine Eigenwelt, die ihr Geheimnis fest umschließt.“

Das schweigsame, in sich gekehrte, die Außenwelt abriegelnde Haus ist jedoch mehr als ein Haus. Es ist nichts weniger als eine Metapher für Jüngers Leben. Denn auch dieses Leben ist ein Kosmos, eine Ineinanderschichtung von Eigenwelten, auch von Geheimnissen. Das Haus, dem Jünger seine Präsenz eingeprägt hat, ist heute noch physisch da. Man kann es begehen, erleben, berühren. Jüngers Leben hingegen hat die Welle der Zeit mitgenommen.

Wenn Deventers Prognose begründet sein soll, muß, so scheint es, auch dieses Leben begehbar, erlebbar und berührbar gemacht werden wie jene alte, schöne Försterei im hinterletzten oberschwäbischen Winkel. Denn nur dann finden sich in Zukunft Leser, junge zumal, die neugierig werden und – unvoreingenommen und mit offenen Sinnen – zu Jüngers Texten greifen, die aus diesem Leben herausgeformt, herausgespült wurden wie Muscheln oder Steine am Strand, über den jene Lebenswelle hinwegstrich. Denn wer Muscheln sammelt, will wissen, welchem Ozean diese entstammen.

Wie aber macht man ein Dichterleben begehbar wie ein Haus? Der Journalist und Theodor-Wolff-Preisträger Heimo Schwilk zeigt es uns. Zunächst einmal: Er hat keine Angst vor dem Erzählen. Viele Biographen retten sich ja bekanntlich in den akademischen Jargon und in die Theorie. Anders Schwilk. Er hat Jüngers Leben buchstäblich „von Tag zu Tag“ nachgelebt und ist schriftstellerisch in der Lage, es nachzudichten. Jüngers Leben wird in Schwilks Text, der auf einer jahrzehntelangen Arbeit fußt, anschaulich und faßbar. Das Buch bietet eine derartige Fülle an scharf gezeichneten, brillant beobachteten und genau formulierten Detailszenen, daß es nach der Lektüre scheint, als habe man einen Film gesehen.

Ob es die Aufkleber an der Wilflinger Badezimmertür sind, die das Kind im Greis hervorscheinen lassen („Ich bin Energiesparer“), oder die Erinnerung an eine Straßenszene aus dem Jahre 1900, in der Jüngers Vater dem Sohn einen Fünfer aus dem Fenster wirft, damit er sich in der gegenüberliegenden Bäckerei Abel etwas kauft, ob wir Jünger in der Etappe 1918 über die Schulter schauen („Jünger wandert im Regen durch den Park, die Gedanken gehen zurück zu seiner Feuertaufe …“) oder ihm, gleichsam zufällig vorbeihuschend, „in Feldunifom auf einem der offenen Lastwagen, den Karabiner zwischen den Knien“, bei dem Rückzug aus dem besetzten Paris erblicken, oder wenn wir schließlich neben Jünger sitzen, als er während des Empfangs zu Ehren seines hundertsten Geburtstages in der „Kleber Post“ in Saulgau „wie abwesend, ein wenig schläfrig“ den Festreden der illustren Gäste lauscht – immer gelingt es Schwilk, signifikante Momente aus dem Strom der Erzählung herauszuschälen und dem Bewußtsein des Lesers einzubrennen.

Erzählung aus dem Ganzen

Damit ist gleichzeitig gesagt, daß es nicht nur diese Vignetten, sondern tatsächlich auch einen Strom der Erzählung gibt, der diese Vignetten umfließt. Schwilk erzählt immer aus dem Ganzen, aus der Vogelperspektive, die dem bedeutsamen Detail oder der farbigen Genreszene erst ihre Bedeutung verleiht. Das geht nur deshalb gut, weil Schwilk seinen Stoff souverän beherrscht und über ihn disponieren kann. Er verliert sich nie in Einzelheiten, sondern findet immer wieder zum großen Bogen zurück. Schwilk folgt dem sichtbaren Pfad der Lebensspur, greift aber ohne intellektuelle Aufdringlichkeit und nur dort, wo es für das Verständnis eines Zusammenhangs wirklich notwendig ist, auch einmal vor oder zurück, stellt Bezüge her, die über die konkrete Lebenssituation, um die es gerade geht, hinausweisen.

Freilich läßt ein solcher auf die Lebenslinie fokussierter Erzählstrahl die Werke relativ unterbelichtet. An der einen oder anderen Stelle hätte man sich vielleicht – auch auf Kosten eines noch größeren Umfangs – eine ausführlichere Textanalyse gewünscht. Doch Schwilk entschädigt immer wieder durch kurz aufblitzende neue Interpretationsansätze, so wenn er zum Beispiel den Kampf als inneres Erlebnis und das Existenzgefühl der „Eigentlichkeit“, das in Schmerz und Rausch erfahrbar ist, mit Heideggers „Sein und Zeit“ korreliert.

Diese erzählerische Ökonomie, die dadurch entsteht, daß der Autor sein biographisches und textliches Wissen in den Dienst der Anschaulichkeit stellt, macht den epischen Atem aus, den das Buch von Anfang an hat, in manchen Partien jedoch in besonderem Maße ausprägt. So ist den Kapiteln über die Kindheit und Jugend sowie vor allem denen über den Ersten Weltkrieg anzumerken, daß sie mit besonderer Sorgfalt vorbereitet und ausgearbeitet wurden. Etwas zu kurz kommen vielleicht die Goslarer und Überlinger Jahre der „inneren Emigration“. Auch hätte man sich gewünscht, die biographischen Schübe, die Wendemarken dieses Lebens, etwas stärker akzentuiert zu sehen.

Bei der Schilderung der Pariser Zeit greift Schwilk auf die im Jünger-Nachlaß verwahrten Journale zurück, weil er genau um die Authentizitäts-Problematik der veröffentlichten Pariser Tagebücher weiß. Er rekonstruiert Jüngers Leben aus den Primärquellen – übrigens auch die Jahre des Ersten Weltkriegs, ohne allerdings den Textcharakter der Sekundärquelle des Tagebuchs („Stahlgewitter“, „Strahlungen“), ihre Gestaltung und ihre Stilisierung von Wirklichkeit eigens zu reflektieren. Dies ist eine einleuchtende, ja logische biographische Methode bei einem eminent autobiographisch arbeitenden Autor, der ja an der literarischen Gestaltung des eigenen Lebens genau dieses ganze Leben lang gearbeitet hat. Schwilk taucht gleichsam unter diese Schicht der Jüngerschen „Selberlebensbeschreibung“ ab, befragt die Original-Tagebücher im Nachlaß, die Briefwechsel (bisher unveröffentlicht: mit den Eltern und der Großmutter, mit dem LSD-Erfinder Albert Hofmann) und die Witwe Liselotte, um den Ur-Erfahrungen dieses Lebens möglichst nahezukommen.

Dabei stößt er auf Leitmotive dieses Lebens, die in den autobiographischen Texten Jüngers nur als Reflex, als stilisierter zumal, vorkommen. Beeindruckend ist, wie es Schwilk gelingt, Einsamkeit als durchaus ambivalente Lebensfigur Jüngers aufzuweisen.

Jünger war eben nicht nur der stolze Waldgänger und Anarch, sondern, so zeigt die sorgfältige Darstellung der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, auch ein in seiner Kindheit und Jugend immer wieder entwurzelter, isolierter Mensch, für den der Begegnungsraum „Familie“ zeitlebens eine Utopie blieb und dessen Kult des Einzelnen durchaus auch eine schmerzhafte Vereinzelung war.

Verhältnis zum Vater

Schwilk geht dann weiter und folgt ohne psychologisierenden Ausdeutungswahn dem schwierigen Dialogverhältnis zu anderen Menschen, vor allem zum eigenen Vater („Ein Fremdling im Vaterhaus“) – bis zu jenem Moment im Mai 1991, an dem Jünger nach dem Mauerfall am Grab des Vaters in Leisnig steht und an dem diese Mauer aus dem gegebenen Zeitmoment als fast schon notwendige Metapher in den Text hineinwächst. Von dem emotionalen Epizentrum familiärer Nicht-Bindungen zeichnet Schwilk auch jene Verlockungen des Nichts nach, die Jünger stets aufs neue heimsuchen und die immer wieder in einen düsteren Raum aus Schuld und Depression führen, dem Jünger sich nur durch Flucht in die Welt (Reisen) oder in die Bücher (Lektüre, Arbeit) zu entziehen weiß.

Schwilk gelingt also das Kunststück, in Jüngers Haut zu schlüpfen, ohne je die kritische Distanz zu verlieren. Sicher, er ist von „seinem“ Jünger enthusiasmiert. Anders kann so ein blutvolles Buch ja auch gar nicht entstehen. Aber immer wieder wird auch leise oder auch mal lautere Kritik an Jünger geübt, so beispielsweise an dessen Unfähigkeit, sich der „Gegenwart moralisch zu nähern“ und konkrete politische Figurationen der eigenen Zeit anders zu beurteilen als nur aus einer mythischen Zeitenperspektive. Schwilk läßt nicht locker, diese zeitentrückte Optik, die eine parlamentarische Demokratie wie die der Bundesrepublik tendenziell mit diktatorischen Systemen überblendet und konkrete Politik als ein sub specie aeternitatis Irrelevantes aufzuweisen, auf ihre Verantwortung und auf ihre Konsistenz hin zu befragen. Schwilk zeigt, daß man für Jünger sein kann, ohne blind allem zu folgen, was sich in seinem Werk ausdrückt. Diese Differenziertheit einer liebenden Annäherung und einer kritikfähigen, taghellen Gefolgschaft zu gestalten, war vielleicht die schwierigste Aufgabe, die Schwilk zu lösen hatte. Er löste sie vorbildlich.

„Die große Zeit des Onkels wird erst noch kommen“, sprach der Neffe. Liest man Schwilks großartige Kapitel über die siebziger, achtziger und neunziger Jahre, die endlich einmal jene zweite Lebenshälfte, im Vergleich zur ersten freilich ärmer an äußeren Aktionen und Katastrophen, als eine Lebenseinheit schildern, so kann man sich nur wundern über die vielen verpaßten Gelegenheiten, den „Onkel Jünger“, der in der Zeit konkreter verortet war als die allermeisten seiner schreibenden Zeitgenossen, als Gegenwartsautor ernstzunehmen: Schwilk zeigt die Parallelen zwischen Eumeswil und dem deutschen RAF-Herbst, er verweist auf überraschende Berührungspunkte zwischen der „kritischen Theorie“ und Jüngers Zivilisationskritik, er arbeitet heraus, daß Jüngers mythisches Denken einen Deutungsraum hätte abgeben können für den mythologisch eingesponnenen Geschichtspessimismus einer Christa Wolf oder eines Heiner Müller, und er unterstreicht vor allem, daß Jünger „Ökologie“ als „erlebte Wirklichkeit“ und „als Rettung des Angeschauten im Wort“ verstand, und nicht als „politisch ausbeutbares Projekt“. Sehr gut!

Mit diesem Aufweis ist auch klar, warum es einer, so zeigt Schwilk, relativ kleinen, aber wirkungsmächtigen Teil-Öffentlichkeit immer wieder gelang, Jünger aus dieser bundesrepublikanischen Wirklichkeit zu entfernen, ihn sozusagen zu ent­orten und im Sinne jener politisch motivierten Ökologie auch gleich zu „ent-sorgen“. Schwilks meisterliche Biographie, die die „Sorge“ um Jünger zurückholt, hat ihn an den Ort zurückgestellt, der ihm zusteht. Betreten wir also dieses Haus. Lassen wir uns führen. Und verweilen wir lange in ihm.

Heimo Schwilk: Ernst Jünger – Ein Jahrhundertleben. Die Biographie. Piper Verlag, München 2007, gebunden, 624 Seiten, s/w-Abbildungen, 24,90 Euro

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