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F ernab der großen Straßen der Literatur, auf denen sich die Großschriftsteller tummeln, verfolgt von den unzähligen Feuilleton-Redakteuren der Großzeitungen, finden sich stille Pfade, auf denen sich weit weg vom irdischen Getriebe die Dichter auf ihren Wanderungen von Wort zu Wort finden. Einer dieser Wanderer ist Rolf Schilling, der jetzt in dem kleinen und auf unkonventionelle Hervorbringungen spezialisierten NolteX-Kunstverlag, Halle, mit einer Veröffentlichung aufmerksam macht, die ihresgleichen sucht. Der 1950 in Nordhausen geborene Schilling konnte in der DDR-Zeit nur für die Schublade schreiben, Publikationen waren nicht möglich. Nichtsdestotrotz korrespondierte Schilling mit Ernst Jünger, der seine Gedichte hoch einschätzte, und nutzte die Zeit nach dem Mauerfall auch zu Besuchen in Wilflingen, die er mit leichter Ironie später detailgenau beschrieben hat. Rolf Schilling hat eine kleine, aber treue Lesergemeinde, und diese hat nun die Möglichkeit, ihn selbst sprechen zu hören. Auf der CD „Gesang über dem Quellgrund“ liest er eigene Gedichte vor, mit sehr ruhiger Stimme, aber man spürt, daß hier jemand nicht nur Texte liest, sondern aus sich heraus spricht – ungeachtet des Schiller-Wortes „Spricht die Seele/ ach spricht die Seele nicht mehr“. Normalerweise werden Gedichte von mehr oder weniger guten Rezitatoren gesprochen (und von Will Quadflieg bis Klaus Kinski gibt es da viele Interpretationsmöglichkeiten), aber wenn die Verfasser ihre eigenen Texte lesen, kommt noch etwas dazu. Deshalb sind die Originalaufnahmen etwa von Gottfried Benn oder Hermann Hesse solch beeindruckende Hörerlebnisse, obwohl sie vielleicht nicht so perfekt sind wie die Lesungen geübter Sprecher. Rolf Schilling enttäuscht seine Hörer nicht: Sein Sprechen paßt haargenau zu seiner Lyrik, die oft ins Mythologische übergeht und in vieldeutigen Bildern – vielfach an Benn erinnernd – auf sehr hohem sprachlichen Niveau sich den Grenzerfahrungen und Geheimnissen des Seins widmet. Wer von dieser Lyrik allerdings „Botschaften“ oder „Tagespolitik“ erwartet, wird enttäuscht sein. „Nimm, was dir die Götter geben“ (Auszug: Laß die göttlichen Symbole/ Eingang in dein Schauen finden:/ Ob das Spiel sich wiederhole,/ Kannst du ahnden, nicht ergründen … Sicher kannst du Opfer zollen,/ Kränze flechten, Kronen schmieden,/ Aber was die Götter wollen,/ Bleibt im Letzten unentschieden) – schon diese Zeilen offenbaren einen geistigen Horizont, der weit über dem alltäglichen Getriebe der Welt angesiedelt ist. Bisweilen schwingt in den Gedichten auch ein rauschhaftes („dionysisch“ wäre wohl die passende Bezeichnung für den oft in die griechische Welt schweifenden Rolf Schilling) Element mit, das einen bei entsprechender Stimmung im Spätherbst mit Kerzen auf dem Tisch weit weg führt. Vielleicht wird es manchmal zu intensiv, was das Eintauchen in alte Vergangenheiten betrifft, aber die Form entschädigt wieder. Bei Schilling ist der Begriff „sprachliches Kunstwerk“, den der bedeutende Germanist und Literaturwissenschaftler Wolfgang Kayser (1906-1960) prägte, in jedem Falle zutreffend. Und es bleibt nur der Wunsch, daß sich in Deutschland Dichter finden, denen frei nach Hölderlin „das Wort“ wieder wichtig wird. Rolf Schilling, der sowohl vor dem Arbeitskreis für Deutsche Dichtung wie auch auf dem Wave-Gotik-Festival in Leipzig schon Gedichte vorgetragen hat, ist ein echter Grenzgänger und auch hier wieder auf Jüngers Spuren: nicht klassifizierbar in gängigen Schubladen, weil einzigartig. CD: Rolf Schilling, Gesang über dem Quellgrund, NolteX-Kunstverlag, Halle 2007, Spielzeit: ca. 49 Minuten, 16 Euro. Internet: www.noltex.de

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