Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Pankraz, B. Mrozek und die aussterbenden Wörter

Seit Ende vorigen Jahres gibt es, zusammengestellt von Bodo Mrozek, das zweibändige "Lexikon der bedrohten Wörter" (Rowohlt Verlag, Reinbek), dessen erste Auflage 224 Seiten umfaßt und acht Euro neunzig kostet. Die nächste Auflage wird beträchtlich umfangreicher und teurer, denn Mrozek hat alle möglichen Instanzen aufgefordert, ihm weitere "vom Aussterben bedrohte Wörter" zu benennen, damit er sie auf seine "Rote Liste" setzen kann. Alle Wörter auf dieser Liste, sagt er, müßten so schnell wie möglich unter "Artenschutz" gestellt werden, sonst sehe er schwarz für die deutsche Sprache.

Der traditionelle "Bücherbummel" vorige Woche auf der Düsseldorfer Königsallee war bereits ganz dem "Artenschutz für aussterbende Wörter" gewidmet. Ein merkwürdiger Leichengeruch lag über der vom örtlichen Buchhandel organisierten Veranstaltung. Man sah Mrozeks Lexikon in trauriger Gemeinschaft mit ernsten und feierlichen, auch alarmierenden Bänden über bedrohte Tier- und Pflanzenarten, über die Abholzung von Regenwäldern und die Vergiftung ehemals reiner Gewässer. Dem Sprachenfreund konnte angst und bange werden.

Aber bei Lichte betrachtet ist der gegenwärtige Rummel um angeblich aussterbende Wörter und angeblich notwendige Rote Listen für solche Wörter nichts als Augenwischerei, eine Eröffnung falscher Fronten und überflüssiger Kampfhandlungen. Sprachen insgesamt können aussterben oder arg überfremdet werden, das einzelne Wort nicht. Es ist kein lebendiger Organismus, keine eigene biologische Art wie Goldäffchen oder Tausendgüldenkraut, es ist lediglich ein Spezialorgan, ein Instrument, das sich jederzeit durch ein anderes ersetzen läßt.

Tagtäglich kommen neue Wörter in eine Sprache hinein, frisch gebildet oder von irgendwoher übernommen, während andere im gleichen Tempo weggeschoben oder gänzlich verabschiedet werden. Nicht "Schönheit" entscheidet über ihren Einsatz (was immer das sei), sondern praktische Handhabbarkeit, Präzision in der Benennung, populäre oder fachspezifische Akzeptanz. Jede Sprache lebt von diesem ewigen Austauschprozeß, bewährt darin ihre ursprüngliche Kraft ebenso wie ihre elegante Fähigkeit zur Anpassung.

Natürlich gibt es kraftvolle, farbenreiche und wohlklingende Einzelwörter, indes, ihre wirkliche Qualität zeigt sich immer erst im jeweiligen Kontext. Kein Sprachkünstler kann es wagen, ausschließlich auf Einzelwörter, etwa ihre "klangliche Kostbarkeit" oder "geschichtsträchtige Bildhaftigkeit", abzustellen; er würde sich nur lächerlich machen und als gespreizter Esel in die Annalen eingehen. Sprache und pulsierendes Leben gehören untrennbar zusammen. Wer das ignoriert, taugt nicht einmal als Archivar.

Mrozeks "Rote Liste" ist keineswegs ein wohlgeordnetes Archiv besonders klangvoller, bildhafter und dennoch von modischen Allerweltsvokabeln ruchlos gemeuchelter Wörter, sondern ein wildes Sammelsurium ganz banaler Gebrauchs-Ausdrücke, darunter Sprachschrott, dem kein Vernünftiger auch nur eine einzige Träne nachweint. "Wählscheibe" steht neben "Philister", "Bandsalat" neben "Amtsschimmel", "Elchtest" neben "Sommerfrische" usw. Die meisten der aufgeführten "Opfer" sind gar nicht wirklich ausgemustert, geschweige denn ausgestorben, sondern nur beiseite gestellt, bei Bedarf sofort wieder einsatzfähig. Mitleid kommt nirgends auf.

Kein einziges Wort aus dem "Lexikon der bedrohten Wörter" bedarf des Artenschutzes, nicht einmal der "Stegreif", über den soviel Aufhebens gemacht wird. "Stegreif" war einst ein anderes Wort für "Steigbügel". "Aus dem Stegreif sprechen" hieß also, vom Pferd herunter sprechen, d.h. eher beiläufig, ohne viel Überlegung. Die Redeweise "Ins Unreine sprechen" trifft den Sachverhalt mindestens genauso gut. Auf den Stegreif läßt sich leicht verzichten.

Weniger leicht ließe sich vielleicht auf den "Hagestolz" verzichten, der laut Lexikon ebenfalls auf die Rote Liste gerutscht sei, durch den "Single" ersetzt und verdrängt. Aber ist der Hagestolz denn tatsächlich durch den Single verdrängt? Oder bilden sich Bodo Mrozek und die Aussterbe-Enthusiasten das nur ein? Ein Hagestolz ist doch viel mehr als ein gewöhnlicher Single! Sein Alleinsein ist nicht momentan, sondern prinzipiell, er ist zumindest ein "überzeugter, verbissener, unverbesserlicher Single". Jeder anspruchsvolle Sprecher sieht das und wird schon aus Gründen knapper Präzision lieber auf den Hagestolz zurückgreifen.

Das ist eben das Kreuz mit dem "Lexikon der bedrohten Wörter": Es ist nicht anspruchsvoll und nicht präzise genug. Es orientiert sich gar nicht an der nach wie vor vorhandenen und durchaus auch entfalteten Fülle unserer Sprache, sondern an einem Mischmasch aus bürokratischem Schalter-Jargon, modischem Pidgin-Englisch (Denglisch) und mundfaulem Alltags-Slang, von dem man glaubt, daß er das "moderne", nämlich überall widerstandslos gesprochene Deutsch sei. Dies ist aber ein Irrtum.

Eine Sprache besteht nie bloß aus Alltags-Lässigkeit und modischer Nachäfferei von Fremdem, sie ist auch kein bloßes Konglomerat aus diversen Fach- und Bürokratie-Jargons. Mögen die meisten Einzelwörter immerhin situationsbedingt fragil und ziemlich leicht austauschbar sein, so gibt es doch eine Grammatik, einen festen Stamm von Grundwörtern und ein reiches Arsenal von literaturgeprägten Dauer-Metaphern und Analogien, die Struktur geben und standhalten. Gestorben wird noch lange nicht.

Amüsant im "Lexikon" der Vermerk, daß auch "Xanthippe" zu den aussterbenden deutschen Wörtern gehöre. "Xanthippe" ist nun aber gar kein deutsches Wort, sondern bekanntlich ein historischer Eigenname. Xanthippe war jene typische Intellektuellenfrau im alten Griechenland, die ihrem Mann einen eiskalten Eimer Wasser über den Kopf zu kippen pflegte, wenn er betorkelt und zu spät nach Hause kam. Sie gehört gewiß nicht auf eine Rote Liste, welche auch immer.

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