Joachim Kuhs

 

Eine Frage der Selbstbeherrschung

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Internetauftritt von „Sturmgeist89“, des finnischen Amokläufers: Kollateralschäden

In den USA finden scheinbar motivlose Tötungen von Menschen, meistens durch Schußwaffen, relativ häufig statt, Massaker an Schulen  im Schnitt zweimal pro Jahr. Mit fortschreitender Durchtränkung durch den amerikanischen Lebensstil scheint sich das „Amok-Virus“ mit Verspätung auch in Europa auszubreiten. Vergangenen Mittwoch, am 7. November, erreichte die Infektion nun auch das bisher gewaltunauffällige Finnland. Dem ersten finnischen „Schulmassaker“ fielen neun Menschen zum Opfer. Der Täter, der 18jährige Pekka-Erik Auvinnen, richtete sich selbst.

Der Massenmord folgte einem Modell, das spätestens seit dem „School Shooting“ an der Columbine High School 1999 zur ikonischen Blaupause für soziopathische Teenager in der ganzen Welt geworden ist. Auvinnens Selbstinszenierung als „cooler Killer“, als „Außenseiter“, der der Gesellschaft den „totalen Krieg“ erklärt hat, zitierte bewußt Eric Harris und Dylan Klebold: Da fand sich etwa die Ankündigung der Tat durch ein im Internet veröffentlichtes Video, die Vorliebe für gewalttätige Filme, Computerspiele und die EBM-Band KMFDM, die Pose des zornigen Propheten einer alle liberalen Werte negierenden, „sozialdarwinistischen“ Philosophie.

Eric Harris trug am Tage des Columbine-Massakers ein T-Shirt mit der Aufschrift „Natural Selector“ – Erik Auvinnen hinterließ ein „Manifest“, das obsessiv um den Begriff der „Natural Selection“, der „natürlichen Auslese“ kreist. Diese solle die „Schwachen und Minderwertigen“ vertilgen, um der qualitativen Degeneration der Menschheit abzuhelfen. Den Todestrieb, dem er nachgab, sah er als Widerschein des kollektiven Sogs einer destruktiven, nivellierenden Lemmings-Gesellschaft: der Mainstream als Maelstrom.

Identitätsstörungen unter Jugendlichen nehmen zu

Nirgendwo im Kontext der Schul-Massaker geschah diese Verurteilung so artikuliert wie in Auvinnens hinterlassenem „Manifest“, das sich liest, als hätte es ein derangierter Black-Metal-Musiker oder der US-Subkultur-Heroe Boyd Rice verfaßt: „Ich bin ein zynischer Existentialist, anti-humanistischer Humanist, anti-sozialer Sozialdarwinist, realistischer Idealist und ein gottgleicher Atheist. Ich bin bereit, zu kämpfen und für meine Sache zu sterben, von der ich weiß, daß sie richtig, gerecht und wahr ist.“

Auvinnen rief die „Revolution“ aus „gegen das System, das nicht nur die Mehrheit der willensschwachen Massen, sondern auch die kleine Minderheit der willensstarken und intelligenten Individuen versklavt. Wenn wir in einer anderen Welt leben wollen, müssen wir handeln. (…) Wir müssen uns erheben gegen die versklavenden, korrupten und totalitären Regime.“ Angesichts einer vermassten und retardierten Menschheit, die jeglichen Wert, jegliche Qualität und zuletzt auch jeglichen biologischen Lebensraum verwüstet, bestehe die ideale „Endlösung“ in der Vernichtung der gesamten „menschlichen Rasse“.  

Think globally, act locally: Auvinnen stilisierte zynisch seinen Tat zum bescheidenen Beitrag zu diesem universalen Holocaust. Sein Fanal sei ein verzweifelter Aufschrei des Individuums, bevor es in der Masse ertrinkt. „Ihr werdet sagen, ich sei ‘verrückt’, ‘krank’, ‘psychopathisch’, ‘kriminell’ oder ähnlichen Mist. Nein, die Wahrheit ist, daß ich ein Tier, ein Individuum, ein Dissident bin.“

Greller Kontrast zum Selbstbild

Auvinnens sinnloses Gemetzel an Wehrlosen steht in grellem Kontrast zu dem heroischen Selbstbild, das er in dem „Manifest“ entwarf. Wie bei Klebold und Harris spiegeln seine „Herrenmenschen“-Phantasien die eigene tief empfundene Minderwertigkeit und Lebensunfähigkeit verräterisch wider. Ein Jugendlicher, der sich aufmacht, „unwertes Leben“, inklusive sich selbst, auszulöschen, zwingt die Gesellschaft, nach der Ursache dieses radikalen Hasses zu fragen.

Im Jahre 2000 sprach der linksgerichtete Gefängnispsychologie Götz Eisenberg in seiner Studie „Amok – Kinder der Kälte“ von den „Kollateralschäden der Moderne“, konstatierte den Übergang von der „vaterlosen zur elternlosen Gesellschaft“, in der die Erziehung und Sozialisierung von Kindern zunehmend versagt und als „sozialpsychologische Signatur des Zeitalters“ die Ausbreitung des „Borderline-Syndroms“ unter Jugendlichen verursache, einer massiven Identitätsstörung, die sich als rasender Haß und Selbsthaß manifestiert.

Kein Zufall, daß ausgerechnet die „Borderline“, also die „Grenzlinie“ des Ichs, im Zeitalter der „Auflösung aller Dinge“ (Hans-Dietrich Sander) und der Globalisierung rasant verschwindet: „Die dreifache Potenz von Globalisierung, Rationalisierung und Flexibilisierung zieht eine politische, gesellschaftliche und psychische Desintegration nach sich, die uns eine Involution der Zivilisation und ein Anwachsen der Barbarei bescheren wird“ (Götz Eisenberg).

Symptome einer überlasteten Population

Der biologische Aspekt dieser Tendenzen indessen ist ein klassischer, heute weitgehend tabuisierter Topos konservativer Kulturkritik, die von Nietzsche und Klages bis zu Konrad Lorenz im Ansteigen der Menschenmassen eine lebensfeindliche Macht erblickte. Der Arzt Eckart Knaul vertrat 1985 in seinem Buch „Das biologische Massenwirkungsgesetz“ die These, daß der zivilisatorische Verfall mit der Übervölkerung zwangsläufig einhergehe. Um das Überleben einer Spezies zu sichern, trachte die „Natur“ danach, sie durch Selektion zu reduzieren. So seien das Sinken der Aggressions- und Tötungshemmung sowie die steigende Häufigkeit von sexuellen Perversionen und psychischen Störungen in der modernen Gesellschaft typische Symptome einer überlasteten Population.

Ähnliche Ansichten wie Knaul verfocht auch der finnische Biologe Pentti Linkola, dessen Bücher zu Auvinnens Lektüre zählten. Die Menschheit habe ihre Kapazität derart überzogen, daß das Leben auf der Erde ohne eine radikale Selbstregulierung, die sich freilich von jeglicher humanistischen Rücksicht befreien müsse, nicht mehr zu retten wäre. Auvinnen befand sich in völliger Übereinstimmung mit Linkola:  „Die Menschheit ist überschätzt“ stand auf dem schwarzen T-Shirt, mit dem er, die Waffe in der Hand, vor der Kamera posierte.

Keine zivilreligiösen Vertröstungen, kein „Wohlstand“, keine „Demokratie“, kein „Wert“ der säkularen Konsumgesellschaft konnten Auvinnen das Gefühl der eigenen Sinnlosigkeit, Wertlosigkeit und Zufälligkeit nehmen. Seine Psychologie war die des politischen Terroristen, der sich von einem leviathanesken System aussichtslos umstellt sieht und darum jeglicher moralischen Fessel enthoben ist. Auvinnen identifizierte den Liberalismus als eine Kultur des Todes. „Psychologische Störungen, Minderwertigkeitsgefühle, Größenwahn, Feindseligkeit, Aggression, Frustration, Depression, Selbsthaß, Suizid- und Mordgedanken“ seien „natürliche, völlig normale Reaktionen“ auf diese Kultur.

Eine idealistische Maske vor der eigenen Unzulänglichkeit, dem Todeswunsch, dem alles konsumierenden Haß des Zukurzgekommenen? Das sicher auch. Sein Leben und sein Tod werfen in jedem Fall unbequeme Fragen auf. Die Zeitbomben, die in der „westlichen Wertegemeinschaft“ ticken, werden bislang offenbar nur von psychisch Gestörten und untergangsbesessenen Kulturpessimisten in voller Deutlichkeit wahrgenommen. „Dem dritten Jahrtausend freundlich entgegenzublicken“, schrieb der ungarische Schriftsteller György Konrad, „das ist eine Frage der Selbstbeherrschung.“

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