Alpensopran

Die klassische Musik genießt nicht nur angesichts des soeben abgelaufenen Mozartjahrs 2006 einen hohen Stand in Österreich. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wird in über 40 Länder übertragen. In der Unterhaltungsmusik spielt die kleine Alpenrepublik ebenfalls in der ersten Liga: Volkstümliche Musik oder Austropop sind Exportschlager. Doch jenseits von Christina Stürmer, DJ Ötzi oder den Schürzenjägern gibt es auch eine kleine Rockmusikszene. Hier ist seit den neunziger Jahren der Sänger, Gitarrist und Komponist Richard Lederer aktiv. Unter dem Pseudonym „Protector“ veröffentlichte er mit seiner Gruppe Summoning bislang acht von Tolkien-Mythen inspirierte Metal-CDs. Quasi nebenher betreibt er das Studioprojekt Die Verbannten Kinder Evas, dessen Name sich von einer Zeile des katholischen Mariengesangs „Salve Regina“ ableitet. Nach sieben Jahren Pause erschien Ende 2006 nun die vierte CD „Dusk And Void Became Alive“ (Napalm Records/SPV). Neue Sängerin ist die talentierte Sopranistin Christina Kroustali aus Griechenland. Musikalisch blieb jedoch alles beim alten: Geboten wird fast eine Stunde neoklassischer Dark Wave. Im Mittelpunkt der acht Lieder steht die wunderbare Stimme der „Lady of Carnage“ – sparsam untermalt von atmosphärisch-schwermütigen Melodien, die von elektronischen Instrumenten erzeugt wurden. Dennoch sollten auch Klassik-Freunde mal ein Ohr riskieren. Die melancholischen – leider erneut in englisch verfaßten – Texte sind auf der Internetseite www.dvke.info nachzulesen. Aus dem benachbarten Liechtenstein stammt die Gruppe Elis, die sich bei ihrer Gründung im Jahr 2000 noch „Erben der Schöpfung“ nannte. Gitarrist Pete Streit, Bassist Tom Saxer und die aus St. Gallen stammende Sängerin Sabine Dünser spielten zunächst ebenfalls elektronischen „Dark Wave“, nach zwei CDs und einer Wende hin zu etwas gotik-metallischeren Klängen nahm man 2003 den griechisch-antiken Namen an und veröffentlichte die erste Elis-CD. 2004 folgte das zweite Album „Dark Clouds in a perfect Sky“, das erneut neben englischsprachigen auch zwei deutschsprachige Lieder enthielt. Ende 2005 begannen dann die Aufnahmen zum dritten Album, das erstmals ein durchgängiges lyrisches Konzept verfolgt. Die von Sabine Dünser verfaßte Geschichte beginnt mit der Trauer um den Tod eines Vaters – doch am 7. Juli wurde aus der Fiktion völlig unerwartet bittere Realität. Während einer Probe erlitt die erst 29jährige eine Gehirnblutung, der sie einen Tag später im Krankenhaus erlag. Das Album „Griefshire“ (Napalm Records/SPV) ist daher leider ihr musikalisches Vermächtnis – mit „Die Stadt“ und „Seit dem Anbeginn der Zeit“ enthält es wiederum zwei wundervolle deutschsprachige Lieder, in denen Sabine Dünsers glasklare Stimme besonders reizvoll zu Geltung kommt. Ebenfalls ihr drittes Album veröffentlichen die schweizerischen Lunatica, auch sie haben mit Andrea Dätwyler seit 2001 eine äußerst talentierte und attraktive Sängerin. Musikalisch geht „The Edge Of Infinity“ (Frontiers Records/Soulfood) aber mehr in die symphonisch-metallische Richtung, speziell das Titelstück erinnert an die finnische Erfolgstruppe Nightwish – ohne die jedoch die Operstimme von deren Ex-Sängerin Tarja Turunen zu kopieren. Das klassisch untermalte „To-gether“ scheint von den Italo-Metallern Rhapsody inspiriert zu sein. „Who You Are“ und „Out!“ hätten auch gut auf die Erfolgs-CD „Fallen“ der US-Band Evanescence gepaßt. Ein weiterer Höhepunkt ist Andreas Duett im „Song For You“ mit John Payne, dem früheren Sänger der britischen Band Asia (JF 46/06). Wer Qualität statt Prominenz bevorzugt, sollte statt „The Open Door“ von Evanescence lieber die neue Lunatica-CD in sein Musikregal stellen.

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