Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Äch bin wieder da!

Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ verspricht der Untertitel von Dani Levys Komödie „Mein Führer“, und damit scheint klar zu sein, auf wen hier zurückgeschossen wird: Das Marketing für Bernd Eichingers „Untergang“ erhob schließlich den Anspruch, Deutschlands beliebtesten Exportartikel endlich „authentisch“ in Szene gesetzt zu haben. Der Film hat ebenso Begeisterung wie Feindseligkeit und Hohn hervorgerufen, indes kaum jemanden kalt gelassen. Alt-Meisterschwafler Georg Seeßlen hat recht, wenn er in einem eigens für Levys Film geschriebenen Essay feststellt, daß Deutschland von einer Hitlerschen „Gespensterlähmung“ befallen sei. Und Helge Schneider, Hitler-Darsteller in „Mein Führer“, hat recht, wenn er anmerkt, „es vergeht eigentlich kein Tag auf der Welt, an dem er nicht im Fernsehen zu sehen ist“. Und Dani Levy, wenn er diagnostiziert, „der Führer ist unsterblich. In unseren Köpfen zumindest.“ „Unsere“ Köpfe: Hitler ist für alle da, wie Jesus Christus. Die Hitlerei ex negativo ist der integrierende Leitstern, der gemeinsame Nenner, der sinnstiftende Anker der ziel- und identitätslosen Nation. Das will man sich natürlich durch Historisierung nicht vermiesen lassen. Laut Presseheft dringt Levys Groteske zum „Kern des Phänomens Hitler vor“, indem er die „Naziherrscher vom Sockel historisch getreuer Dokumentation“ stößt. Da ist sie, die implizite Eichinger-Kritik: der „Sockel“. Und eine „historisch getreue Dokumentation“ hat ihn angeblich errichtet. Macht denn historische Akuratesse den Führer wieder verführerisch? Höchste Zeit also, ihn aufs Furzkissen zu setzen, damit keiner auf dumme Gedanken kommt. Und zwar ohne die gefährlichen historischen Tatsachen, „frei erfunden und provozierend frech“, „im Bewußtsein, daß die Fantasie oft der Wahrheit näher kommt“ (Presseheft). Im Dezember 1944 plant Goebbels (Sylvester Groth) die kriegsmüden Massen noch einmal zum totalen Einsatz zu begeistern, und zwar durch eine feurige Rede des Führers (Helge Schneider) persönlich. Dieser jedoch ist depressiv geworden und zweifelt gar an dem Endsieg. So wird sein ehemaliger jüdischer Schauspiellehrer, Professor – Achtung, Pointe! – Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe), aus dem KZ geholt, um den maroden Führer wieder aufzupäppeln. Grünbaum geht auf das Angebot ein, um sich und seine Familie zu retten. Er steckt Hitler in einen schicken Trainingsanzug mit Hakenkreuz und behandelt ihn mit autogenem Training. Allmählich beginnt der Patient aufzutauen und sich an seine schreckliche Kindheit zu erinnern. Grünbaum übernimmt zunehmend die Rolle eines Psychoanalytikers. Am Tag der großen Rede jedoch verliert Hitler nach einem Wutanfall plötzlich die Stimme; Grünbaum soll ihn nun hinter den Kulissen per Playback unterstützen. Gute Juden unter einem Haufen bizarrer Karikaturen Helge Schneider gibt den „Führer“ als eine Art Leinwandversion von Walter Moers‘ „Adolf, die alte Nazi-Sau“. Der vergreiste, an Parkinson leidende Hitler des Bruno Ganz mutiert hier zum armseligen Würstchen, mal senil-vertrottelt, dann wieder von herrischen Wutausbrüchen geschüttelt. Er ist ein Produkt der „schwarzen Pädagogik“, ein infantiler Seelenkrüppel, der sich dafür als sadistischer Dracula an ganz Europa rächt. Alle Slapstick-Demütigungen werden durchdekliniert: Grünbaum streckt den Führer mit einem KO-Schlag zu Boden, läßt ihn Liegestütz machen, auf allen Vieren laufen und wie einen Hund bellen. Der Gröfaz schimpft mit vollem Mund und spuckt das Essen in dicken Brocken über den Tisch, taucht Vogel-Strauß-artig in seinem Badewasser unter, geht mit Blondi Gassi durch die zyklopischen Ruinen Berlins, singt piefige Liebeslieder für Eva Braun. Man darf sogar über seinen hölzernen Versuch lachen, so etwas wie Geschlechtsverkehr auszuüben. Gegenüber den anderen Größen des Dritten Reichs wirkt Hitler geradezu harmlos: Neben Goebbels tauchen noch Albert Speer (Stefan Kurt) und Heinrich Himmler (Ulrich Noethen, der die Rolle bereits für Eichinger gab) auf. Der trägt eine Armprothese, mit der er unablässig „Sieg Heil“ machen kann. Ein gequälter Witz jagt den anderen: Himmler präsentiert ein „Konzentrationslager-Quartett“, Hitlers Adjutant trägt zum dümmlich-verklemmten Gesicht Scheitel und Bürstenbärtchen, als wäre er Mitglied bei Monty Python, Goebbels darf sich die Schamhaare von den Zähnen stochern, nachdem er seiner Sekretärin zu Diensten war, und dazu brüllen fette SS-Wachen mit humorlosen Verbrechervisagen bei jeder Gelegenheit „Heil Hitler!“ und verlangen ständig nach bürokratischen Weisungen. Levys „der Wahrheit am nächsten kommende Phantasie“ reproduziert lediglich das alte Zerrbild vom Dritten Reich als einer „randvoll gefüllten Gaskammer, vor der irgendwelche Deppen im Stechschritt marschieren“ (Thor Kunkel). Wären die forcierten „schwarzen“ Gags („Nehmen Sie die Endlösung bitte nicht persönlich!“) und die Slapstick-Einlagen à la Didi Hallervorden noch zu ertragen, so wird der Film vollends ungenießbar durch die Figur Adolf Grünbaums. Denn so „erfrischend-respektlos“ ist „Mein Führer“ nun wieder auch nicht, daß er sich an bundesdeutschen heiligen Kühen und Naturschutzgeboten vergehen würde. Dafür sorgt schon die Besetzung der Grünbaum-Rolle mit dem trockenen Unsympath Ulrich Mühe, den der Regisseur als „einzige Figur“ anwies, „komödiantisch nicht über die Stränge zu schlagen“. Ständig agiert Mühe unwahrscheinlich aufrecht, mutig, geradlinig, ein Ausbund an Tugend und jüdischem Stolz, nimmermüd, an den todernsten Hintergrund des Films zu erinnern. Ebenso seine Familie: gute, normale Menschen unter einem Haufen bizarrer Karikaturen. Besonders unerträglich in diesem Zusammenhang ist Adriana Altaras als Grünbaums Frau. Dick aufgetragene Leidensmiene, damit nur ja kein Zuschauer auf die Idee kommt, hier werde auch der Holocaust vergackeiert. Man fragt sich ständig, wie es wohl Mel Brooks gemacht hätte, und wünscht sich in die Rolle Grünbaums einen Schlemihl à la Zero Mostel in „Frühling für Hitler“ (1967) herbei. Aber nein, man wollte beides haben, die Knaller an der Geschmacksgrenze und die unantastbare „Betroffenheit“. Dabei hat Levy seine Vorbilder reichlich geplündert, allen voran natürlich Chaplins „Großen Diktator“ (1940) und Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ (1942), dessen berühmten „Heil mich selbst“-Gag (die höfliche Antwort des Führers auf den „Heil Hitler!“-Gruß) er dermaßen überstrapaziert und schließlich zur „Message“ umtrimmt, daß es an ein cineastisches Sakrileg grenzt. Nazis sind Psychopathen, die schlechten Sex haben Es ist unendlich witzlos, im Jahre 2007 eine „entlarvende“ Hitler-Satire zu drehen, als schriebe man 1940. Abgeschmackt sind auch die Uralt-Platitüden der Modeautorin Alice Miller „(Am Anfang war Erziehung“), die Levy aus der Mottenkiste kramt, um Hitler zu „erklären“. „Nazis“ sind also mißhandelte, gefühlsarme Psychopathen, die sich nicht entspannen können und schlechten Sex haben. Genausogut hätte Levy mit der abgespielten Platte vom „autoritären Charakter“ und den Fragwürdigkeiten des Psychoanalytikers Erich Fromm kommen können. Wozu nun dieser Film? Um dem deutschen Michel, dem man ja offenbar zutraut, jeden Moment wieder seinem heißgeliebten Führer zu verfallen, wie einem Kleinkind zu erklären, daß der dumme und lächerliche Adolf nur deshalb so böse geworden ist, weil er eine schlimme Kindheit hatte? Spricht hier keiner von „Verharmlosung“? „Mein Führer“ kommt im Gewand des frechen Tabubruchs, ist jedoch nichts weiter als eine reaktionäre erinnerungspolitische Offensive, eine Art Bewältigungs-Durchhalte-Film. Das Gelände, das Filme wie „Der Untergang“, „Sophie Scholl“ und „Napola“ betreten haben, muß zurückerobert werden – die „Gespensterlähmung“ erhalten bleiben -, Adolf als Untoter weiterspuken. Fotos: Der Führer (Helge Schneider) nimmt ein Schaumbad: Todernst ist nur der Holocaust; Filmplakat, Ulrich Mühe (l.) und Helge Schneider in einer Drehpause: Ständig fragt man sich, wie es Mel Brooks gemacht hätte

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