Abbild einer verarmten Zeit

In der Renaissance wollten die Menschen zu einer bunteren, reicheren Welt finden, in der ein autonomer, sich selbst bestimmender, gebildeter und ästhetisch sensibilisierter Mensch eine auf Rationalität gründende Zivilgesellschaft als Werkstatt des Geistes schafft. Das veränderte Weltbild eröffnete ein ganzes Universum, brachte eine Fülle neuer Ideen und führte zu großem politischen und künstlerischen Enthusiasmus. Die Kraft des Humanismus verband geistige Bildung mit künstlerischer Formung. Ein engagierter Republikanismus, der von der städtischen Elite aktive Teilnahme am politischen Leben und Dienst an der res publica erwartete, wurde zum Motor neuer Entwicklungen in Handel, Handwerk und Gewerbe, vor allem in der Kunst und Architektur. Bildhauer und Dombaumeister wurden hoch geehrt, weil sie Meisterwerke zum Ruhm, zur Schönheit und Ehre der Stadt schufen. Die Kultur der Baukunst öffnete einen neuen illusionären Raum – gleichsam Sinnbild für den Versuch, eine moderne italienisch-römische Welt zu schaffen. Das herausragende Symbol der neuen Epoche ist Brunelleschis Kuppel des Florentiner Doms. Die Verkünder einer besseren Welt, die nach dem letzten Krieg in der BRD ein humaneres Zusammenleben auf dem Grund eines universalen Ethos propagierten, sahen gleichfalls als unabdingbar, daß zur condition humaine im neuen, qualitativ besseren Zeitalter eine moderne großzügige städtische Zivilisation gehört. Diese sollte aus dem Wiederaufbau hervorgehen. Die Hochstimmung und Verheißungen des intellektuellen Milieus der Städteplaner, Architekten und Künstler verdichteten sich in den bündigen Formeln wie perfekte Stadtplanung, neue Raumordnung; gesunde, durchgrünte Bauweise; moderne, sozial gerechte Siedlung, avantgardistische Architektur, urbanes Lebensklima, „menschliche“ Stadt. In solchen Ganzheitsforderungen manifestiert sich die Utopie der Weltheilung, die die Epoche begleitete. Lebensbezüge einer Nation wurden verpulverisiert Indes, die großen schwärmerischen Illusionen und der idealistische Impuls von der Humanisierung der Stadt, die größer, reicher, offener sein sollte, sind angesichts der gescheiterten Wirklichkeit ins Leere gelaufen. Und selten steht in der Geschichte der kulturelle Ehrgeiz, mit dem man zukunftsgewiß angetreten war, in so groteskem Gegensatz zu einem solch monoton-unansehnlichen, öden Ergebnis, wie das in unseren Städten sichtbar wird. Der konstruierenden genialen Phantasie der Renaissance hat die futuristische Sehnsucht der neudeutschen Architekten nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Die moderne Stadtplanung, die die alte europäische Stadt nur als Fehlentwicklung begreifen konnte, vollzog die eindeutige Abkehr von der bürgerlichen Stadtkultur als einer paläontologischen Epoche. Im Wiederaufbaupathos mit dem ideologischen Eiferertum der Scharoun, Le Corbusier und Kressmenn-Zach wurden ganze Stadtviertel, Platzanlagen, historische Grundrisse und gewachsenen Ensembles zerstört, abgeräumt, um dem massierten Neuaufbau und dem Fortschritt Platz zu machen, neue Lebensverhältnisse und die Voraussetzungen für eine geistige Erneuerung zu schaffen. Dabei gingen unermeßlich viel alte Bausubstanz und historischer Charakter verloren, die den Bombenkrieg überlebt hatten. Und damit ist viel – auch gezielt – von der bürgerlichen Welt, von den spezifischen Lebensbezügen und Lebensäußerungen einer Nation, von dem besonderen Stadterlebnis und dem Wohngefühl, von Identitäten, Mentalitäten, Milieus und Vertrautheiten und Reminiszenzen verpulverisiert worden, was den Städten seit dem 18. Jahrhundert oder noch früher ihr Gepräge, ihre Gestalt, ihren Geist, Stil und Mythos gegeben hatte. Julius Meier-Graefe spricht angesichts der Abrißwut von einer „barbarischen Selbstverstümmelung“; Rolf Hochhuth konstatiert „behördliche Vernichtungslust“. Und Wolf Jobst Siedler klagt deprimiert: „Die Individualität der deutschen Städte, ausgeglüht in den Feuern des Bombenkrieges, wurde beim Wiederaufbau endgültig planiert.“ Damit wurde all das zerstört, worin sich ein bestimmter Lebensstil, eine eigenwillige Mentalität, eine unverwechselbare Geisteshaltung ausdrücken, was eine Stadt zu einem Teil ihres Landes, ihres Volkes, ihrer Landschaft macht. Die Funktionalität und Zweckmäßigkeit des neuen Bauens wurde nun betont, aber der geschichts- und gestaltlosen Monotonie ist ein „geistiger Plebejisierungsprozeß“ gefolgt. Und mit der Expansion ins Umland durch Trabantenstädte und Industrieagglomerationen wurden auch die Silhouette und der Einklang von Stadt und Land zerstört. Niemals ist den modernen Stadtplanern ein ästhetisches städtebauliches Gesamtkonzept gelungen wie etwa zur Zeit Schinkels. Die moderne Avantgarde, die sich die Zerstörung des Alten zum Ziel gesetzt hatte, baute bewußt traditionsvernichtend, weil man sich radikal von der ästhetischen Baukultur der Monarchien, des alten Bürgertums und natürlich des Nationalsozialismus absetzen wollte. Was dabei herauskam: die monströsen Betonburgen, Plattenbauten, Massenquartiere, die anonymen Villenviertel, Verkehrsschneisen, Stadtautobahnen, Einkaufszentren, hat die elementarsten Grundlagen menschlichen Zusammenlebens verletzt und die ursprünglichen Ziele – Befreiung und Erneuerung, Selbstentfaltung und Mobilität und die angestrebte Gleichheit, eine genuin linke Forderung – ad absurdum geführt. Die Sinnleere ist überall spürbar. Irritiert fragt Alexander Mitscherlich „Was wirkt bindend, beheimatend?“ und stellt fest: Die Stadt ist „kein Biotyp mehr für freie Menschen“. Ortego y Gasset spricht von einer „Unterhöhlung“ jedes natürlichen menschlichen Form- und Schönheitsempfinden. Für Wolf Jobst Siedler sind die Beton-Giganten „ein funktionstüchtiger Brutalismus der banalsten Art“. Das ist um so grausamer, wenn man bedenkt, daß Architektur tägliche Kunstbetrachtung ist, wie Richard Eichler richtig feststellt. Die alte Stadt mit ihrem unverkennbaren Lebensstil und ihrer eigentümlichen Mentalität hatte ihren besonderen Mythos. Und man braucht nur die Namen von Berlin, München, Augsburg, Freiburg, Baden-Baden oder Danzig und Königsberg zu nennen, um daran erinnert zu werden – von den reichen italienischen Städten mit ihrer beeindruckenden Geschichte gar nicht zu reden. Aber indem ihr historischer Charakter geschliffen wurde und einer architektonischen Monotonie Platz machen mußte, wurden auch das Lebensklima, die kulturgeschichtliche Tradition, die Schicksalsverwobenheit der Orts- und Familiengeschichten und damit alle emotionalen Wohn- und Heimaterlebnisse zerstört. Die Verhäßlichung von Stadt und Umland, die seit Jahren um sich greift, ist eine Folge des ungeschichtlichen und radikalen kommerziellen Denkens. Die totale Funktionalisierung nimmt ihren Lauf. Hinzu kommen die soziale Gleichmacherei und seelisch-mentale Nivellierung in den Massenbehausungen, die Konrad Lorenz nicht zu Unrecht mit Batterien von Ställen von Nutzmenschen verglichen hat. Wolf Jobst Siedler spricht von der „Planierung im Geistigen“. Und so erstirbt in jener für die modernen Wohnquartiere so eigentümlichen Mischung aus Gleichförmigkeit, starrer Addition, Anonymität und resignativen Stimmungen jedes Interesse am kulturellen Leben der Nation. Einrichtungen drücken Persönlichkeitsarmut aus Der konturlosen Physiognomie der Mietshäuser, Eigenheime, Bungalows und Villen entspricht das funktionsgerechte, glatte Design der Einrichtungen, das vor allem der Persönlichkeitsarmut Ausdruck gibt. Die Intimität und Vertrautheit, das Gefühl des Zu-Hause-Seins, die nun einmal ihren Grund in einer konservativen Geisteshaltung haben, sind längst verloren, und Siedler klagt zu Recht, daß bei den bungalowhaften Eigenheimen „Reminiszenzen an den Geist behaglicher Solidität von Villenvororten gar nicht erst aufkommen“. In der aseptischen Sterilität und Funktionalität dieses Milieus mit seiner gewollten Modernität ist alles genormt, auch das ethische und ästhetische Empfinden. Das Interieur von Millionen ist nach dem immer gleichen Muster gestrickt, beherrscht vom Industriedesign des massenhaft fabrizierten Mobiliars mit den typischen Chrom-Accessoires, dekoriert mit der üblichen nichtssagenden abstrakten Graphik an den sonst kahlen weißen Wänden. Den gelegentlich zur Schau getragenen ambitiösen Kunstbemühungen zum Trotz haben diese Milieus nicht die kulturschöpferische Kraft, die dem Bildungsbürgertum einst zu eigen war. Vielmehr kündet die verkrampfte Konformität, die die aufgesetzte Modernität an sich hat, von unsäglicher kultureller Auszehrung und von der Persönlichkeitsarmut der Individuen im Prozeß der Vergesellschaftung. Die Interessen des Bürgertums, auch der Akademiker, sind heute mehr auf sportive denn geistige Aktivitäten gerichtet, und es ist sicher nicht falsch, wenn man sagt, daß die Sportmanie der Zeit auch Ausdruck einer Bewußtseinskrise und kulturellen Verarmung ist. Die Hochschätzung des Athletischen ist gewiß das Signum einer Epoche, die sich der beschleunigten Bewegung, der funktionellen Hochleistung und dem seelenlosen Konstruktivismus verschrieben und die „Maschine zum Gott erhoben“ (Hans Sedlmayr) hat, der aber eine verfeinerte Lebensart, die höhere Form des Umgangs und der Geselligkeit abgeht, die Erziehung und Bildung nicht mehr als Kennzeichen der Menschlichkeit sieht. So ist der Brutalismus in der Baukunst nur Abbild einer verarmten, ästhetisch sehr reduzierten Zeit, die sich „zu einer Haltung des Ordinären entschlossen hat“ (Joachim Fest). Und in der Tat ist es so, daß auch in der pompösesten Architektur nur die baren Machtverhältnisse der Geschäftswelt, also Trivialität und bedrückende Kaltblütigkeit, zum Vorschein kommen. Was unsere von den emphatischen Illusionen des Liberalismus gekennzeichnete Zeit also von der Renaissance unterscheidet, ist, daß der Versuch, die Welt neu und qualitativ besser zu schaffen, gescheitert und die Realität weit hinter der normsetzenden Idee zurückgeblieben ist.

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