Wahrhaftige Finsternis

Die Ingredienzien zu diesem Buch scheinen aus der Hexenküche eines H. P. Lovecraft zu stammen. Eine einsame, unwirtliche Insel irgendwo am Ende der Welt, weitab von jeglicher Zivilisation. Hierhin verschlägt es einen irischen Freiheitskämpfer gegen die englische Besetzung, der das Töten satt hat und die Menschen sowieso. „In manchen Situationen verhandeln wir unsere Zukunft mit unserer Vergangenheit“, sinniert der namenlose Ich-Erzähler nach seiner Ankunft auf der Insel. „Man setzt sich auf einen abgelegenen Felsen und ist bemüht, ein Bündnis zu schließen zwischen dem, was war – große Niederlagen -, und dem, was noch kommen wird – wahrhafte Finsternis. In diesem Sinne vertraute ich darauf, daß die Summe aus Zeit, Nachdenken und Entfernung Wunder bewirkte. Nichts anderes hatte mich auf die Insel geführt.“ Auf dem scheinbar unbewohnten Eiland läßt er sich als Wetterbeobachter in einer heruntergekommenen Hütte nieder. Doch an seinem neuen Arbeitsplatz, dem Leuchtturm, trifft der Aussteiger unversehens auf einen Mann namens Batís Caffo. Der Leuchtturmwärter redet anfänglich nur wirres, zweideutiges Zeug und ist offensichtlich in der Einsamkeit dem Wahnsinn verfallen. Als jedoch die Nacht hereinbricht mehren sich schon bald die untrüglichen Zeichen, daß sich hier wahrlich Grauenvolles ereignet. Aus den unergründlichen Tiefen des Meeres steigen glitschig-schleimige, tentakelbewehrte Ungeheuer empor, „kein Gramm Fett, reine Muskeln, Haifischhaut (…) Sechs, sieben Arme, die sich wie Tentakel bewegen, dahinter heulende Gesichter aus einer Unterwelt von Lurchen, Riesenaugen, Pupillen wie Nadeln, zwei Löcher als Nase, keine Lippen, der Mund groß.“ Jede Nacht kämpfen die beiden Männer auf dem Leuchtturm nun mit dem Mut der Verzweiflung, um von den furchtbaren Viechern nicht gefressen zu werden. Schließlich wechselt ein weibliches Krötenwesen auf ihre Seite und entpuppt sich auch sonst als in jeglicher Beziehung sehr anhänglich, um nicht zu sagen liebeshungrig. Man kann das natürlich – wie auch Lovecrafts geniale Kosmo-/Dämonologie – als Parabel lesen: der Leuchtturm auf der einsamen Insel als letztes klaustrophobisches Refugium des Menschen, die Fischmonster als fremde, barbarische Eindringlinge und das sexbesessene Froschweibchen als Ausgeburt wahnhafter männlicher Frauen- und Sexualängste. Welche Deutung einem auch gefällt, der spannende Debütroman des 40jährigen Anthropologen Albert Sánchez Piñol, „Im Rausch der Stille“, – in Spanien bereits 2002 erschienen, der katalanische Originaltitel lautet übersetzt „Die kalte Haut“ – ist in jedem Fall ein poetisch-intimes Literaturereignis von Rang. Und dies beileibe nicht nur für Liebhaber von H. P. Lovecraft. Albert Sánchez Piñol: Im Rausch der Stille. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, gebunden, 252 Seiten, 18,90 Euro

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