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Vom Beet zur Bühne

Er brauche, „namentlich zur Isolde, Stimme, Stimme, Stimme“, schrieb Richard Wagner einmal. Von einer idealen Verkörperung der irischen Königstochter erwartete sich der Tristan-Komponist „exstatische Phonation“ und einen majestätischen Klang. Sängerinnen, die den Erwartungen des Tristan-Komponisten gerecht würden, waren schon damals eher Ausnahmeerscheinungen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beherrschte – 1971 von der Herald Tribune zur „Königin der Wagnerianer“ proklamiert – vor allem eine Isolde die Opernbühnen der Welt: Birgit Nilsson. Nilssons Ruhm erstreckte sich allerdings nicht auf diese Partie allein, sondern auf die bedeutendsten Herausforderungen des sogenannten hochdramatischen Sopranfachs, darunter alle drei Ring-Brünnhilden, die Fidelio-Leonore, Puccinis Turandot und Strauss-Partien vom Format der Salome, der Elektra, der Färbersfrau. Viele dieser Rollen bewältigte sie selbst noch jenseits ihres 60. Lebensjahres fulminant. Daß Birgit Nilsson überhaupt der Sprung auf die Bühne gelang, daß sie sich dort etablieren konnte, grenzt an ein Wunder. Während Astrid Varnay bereits mit 22 Jahren die Brünnhilde auf den Brettern der Metropolitan Opera gesungen habe, sei sie selbst damals noch im Kartoffelbeet gelegen, wie Nilsson gerne mit Blick auf ihre gleichfalls 1918 geborene Kollegin anmerkte. Wahr daran ist, daß die schwedische Sängerin in diesem Alter überhaupt erstmals ein Opernhaus von Innen gesehen hatte, allerdings nur vom Zuschauerraum aus. Die am 17. Mai 1918 im schwedischen Västra Karup als Bauerstochter geborene Sängerin entdeckte vor allem im örtlichen Kirchenchor ihr Talent und schwärmte zudem für ihre Landsmännin Zarah Leander. Ein Stipendium verschaffte ihr die Möglichkeit zum Studium an der Stockholmer Musikakademie, der Unterricht bei dem englischen Tenor Joseph Hislop hätte aber beinahe ihre Stimme gekostet. Weitere vokalpädagogische Maßnahmen anderer Lehrer veranlaßten Birgit Nilsson später zu dem hochproblematischen Urteil, die Bühne selbst biete die beste Möglichkeit, die Stimme eines Sängers zu formen. Ihr Debüt an der Königlichen Oper in Stockholm verdankte sie einem Zufall, der sich im nachhinein als vorerst schädlich erweisen sollte: Innerhalb von drei Tagen mußte sie die Partie der Agathe aus Webers „Freischütz“ erlernen, um für eine Kollegin einspringen zu können. Im Rahmen dieses Engagements wurde die junge Frau vom deutschen Dirigenten Leo Blech als „untalentiert und unmusikalisch“ abgestempelt und seitens der Intendanz kaltgestellt. Wäre nicht ein Jahr später Fritz Busch auf Birgit Nilsson aufmerksam geworden, die spätere „Assoluta des Wagner-Gesangs“ (so der Stimmkritiker Jürgen Kesting) wäre womöglich nach Hause zu ihren Kartoffelbeeten zurückgekehrt. Busch erkannte das ungeheure Potential dieser Stimme, erarbeitete mit der beinahe schon Dreißigjährigen 1947 Verdis Lady Macbeth und setzte sie hernach bei den Festspielen in Glyndebourne ein. Derart rehabilitiert, öffneten sich ihr auch wieder die Tore der Stockholmer Oper, wo sie es 1951 mit Hans Knappertsbusch zu tun bekam. Der Dirigent empfahl Nilsson umgehend nach Bayreuth, wo sie 1953 in Beethovens Neunter Symphonie, ein Jahr später als Elsa im „Lohengrin“ und 1957 endlich als Isolde debütierte. Auf den Gipfeln des Ruhmes angekommen, war es der schlagfertigen Sängerin sogar möglich, sich zeitweilig Scharmützel mit Herbert von Karajan zu liefern, ohne durch mögliche „Racheakte“ des damals einflußreichen „Weltgeneralmusikdirektors“ um ihre Karriere fürchten zu müssen. Beim Publikum war sie nicht nur ob ihres grandiosen Organs beliebt, das zu Tönen in der Lage war, mit denen sie selbst gewaltige orchestrale Wogen messerscharf durchschneiden konnte. Beliebt war sie auch, weil sich „La Nilsson“ nie als Diva verstand, sondern eher als Arbeitspferd. Diese Bodenständigkeit äußerte sich nicht nur in ebenso hohem Kunsternst wie arbeitspraktischer Verläßlichkeit, sondern auch in handfest ehrlichen Geschäftspraktiken, wenn es um Honorare ging. Das Höchstmaß an Stilisierung, das sich die Sopranistin gönnte, war 1995 die Veröffentlichung einer reizvollen und selbstironischen Autobiographie (deutsch: „La Nilsson. Mein Leben für die Oper“). Im Alter von 87 Jahren ist Birgit Nilsson am ersten Weihnachtsfeiertag des vergangenen Jahres in ihrem Geburtsort an Herz- und Nierenversagen verstorben. Die Nachricht von ihrem Tod ereilte die Welt, dem Willen der Verstorbenen gemäß, erst nach ihrem Begräbnis am 11. Januar. Möge sie in Frieden ruhen. Foto: Birgit Nilsson in der Rolle der Brunhilde bei Wagner-Festspielen in Bayreuth

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