Unverfälscht

Wie neu oder gut oder zumindest doch anders muß das Neue sein, damit es das Alte und Bewährte verdrängt und sich am Markt durchsetzt? „Le mieux est l’ennemi du bien“, wußte schon der französische Philosoph Voltaire (1694-1778), „das Bessere ist der Feind des Guten“. Aber geht es überhaupt immer um Verdrängung des Guten, des Alten? Was ist, wenn das Neue nur genauso gut ist wie das schon bestehende Gute, aber eben nicht besser? Kann das Neue dann nicht einfach nur an dessen Seite treten, gleichsam als Komplement, so daß es fortan mehrerlei Gutes gibt? Solcherart Fragen stellen sich nolens volens auch im Fall der US-amerikanischen Heavy-Metal-Band Benedictum, die soeben ihr Debütalbum „Uncreation“ vorgelegt hat (Locomotive Records/Soulfood). Das Quintett aus San Diego, Kalifornien – bestehend aus Frontfrau Veronica Freeman (voc), Pete Wells (g), Blackie Sanchez (dr), Chris Morgan (key) und Jesse Wright (b) – hat sich ehrgeizige Ziele gesteckt. Deutlich hörbar beeinflußt von Ronnie James Dio und Black Sabbath der 1980er-Dekade, will Benedictum nicht etwas Neues um seiner selbst willen kreieren oder um Altes und Bewährtes zu verdrängen. Vielmehr geht es der Band um eine Wiederbelebung des ehedem Guten, ein Wiederanknüpfen an traditionelle Stilformen des Metal. So wartet Benedictum zumindest auf der Digipack-Ausgabe von „Uncreation“ gleich mit zwei hörenswerten Coverversionen von Sabbath-Klassikern aus der Dio-Ära auf: „Heaven and Hell“ und „Mob Rules“. Das eigene Songmaterial von Benedictum braucht sich hinter dieser Hommage jedoch keineswegs zu verstecken. Etwa im Sinne einer Maxime des Marquis‘ de Vauvenargues (1715-1747), eines Zeitgenossen Voltaires, wonach man wenig Gründliches sagt, wenn man stets nach Originalität strebt, bietet das „Uncreation“-Album unverfälschten Schwermetall, der eben gerade nicht um jeden Preis nach Originalität strebt, dafür aber auf einem soliden Fundament ruht. Angefangen von dem ungeschliffenen Titeltrack mit seinem rückwärts gesprochenen Intro über ebenso rifflastige Kracher wie „#4“, „Misogyny“ und „Wicca“ bis hin zu dem mit über acht Minuten langen Gipfelstück „Valkyrie Rising“ ist Benedictum eine schnörkellose, erdige, fette Produktion gelungen. Fernab von allem kompositorischen Zierat, dem sich europäische Metalbands, zum Beispiel aus Skandinavien oder Italien, in den letzten Jahren mit Vorliebe verschrieben haben, wissen die US-Metaller durch eine seltene Kompromißlosigkeit zu überzeugen – und, sicher nicht zuletzt, durch eine außergewöhnliche Sängerin. Veronica Freeman, die optisch wildesten Männerphantasien entsprungen sein könnte, klingt über weite Strecken wie der weibliche Klon von Ronnie James Dio, rauh, kraftvoll, aggressiv. „I’m the bitch that you can’t ignore!“ röhrt die Dame und trifft damit voll in die Eingeweide. Von dieser Sängerin will man definitiv mehr hören. Veronica Freeman Foto: benedictum.net Weitere Informationen zur Band finden sich auf der englischsprachigen Internetseite www.benedictum.net

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