Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Zum Scheitern gibt es keine Alternative

Fast zwei Jahrzehnte nach seinem Tod sind die Skandale, mit denen Thomas Bernhard das Feuilleton fütterte, längst verblaßt. Brüskierende Sentenzen gegen Institutionen des öffentlichen Kulturlebens, die ihm ihre Auszeichnungen antragen wollten, Ehrenprozesse von Bekannten, die sich in seiner Prosa in verunglimpfender Weise porträtiert meinten und vor allem natürlich die polternden Breitseiten gegen die „katholisch-nationalsozialistischen“ Österreicher und ihren Operettenstaat: All dies mag – zumeist wohl unbeabsichtigt, aber durchaus effektiv – zur Selbststilisierung und Selbstvermarktung des Autors zu Lebzeiten beigetragen haben, ist in den Details heute aber allenfalls für Literaturhistoriker noch von Belang. Ohne Folgen für das Bild, das sich die gegenwärtige Nachwelt von ihm macht, blieben die Skandale gleichwohl nicht. In der lexikalischen Verkürzung gilt Thomas Bernhard (1931-1989) als ein grantelnder Eigenbrötler, der sich aus dem Bedürfnis, seine Menschenverachtung in die Welt hinauszuschreien, insbesondere die Bewohner der Alpenrepublik sowie die von den Zeitgenossen am meisten geschätzten Ikonen aus Literatur und Philosophie als Opfer auserkoren hätte. Wer sich diese hübsch kompakte und sicherlich durch zahllose Belegstellen in den Texten gestützte Charakterisierung zu eigen macht, unterschätzt jedoch die Relevanz Thomas Bernhards für die deutschsprachige Literatur des vergangenen Jahrhundert. Nicht, daß man dieses durch ihn etwa besser verstünde: Seine Werke sind geradezu programmatisch dazu ungeeignet, sich in den Geist jener Zeit hineinzuversetzen, in der seine Lebensspanne zufälligerweise angesiedelt war. Man ist vielmehr mit „Themen“ konfrontiert, die, wie man früher so gemütlich sagte, „über den Tag hinaus“ ihre Bedeutung haben. Diese demonstrative Verweigerung der Zeitgenossenschaft, die bis ins Detail geht, bis in das Desinteresse, die Accessoires des modernen Alltags zu würdigen oder sich auf die Menschen bewegende Gegenwartsprobleme wenigstens referierend einzulassen, ist bei Thomas Bernhard nicht das Resultat elitärer Borniertheit, eines angemaßten Aufschwungs in die lichten Höhen der Weltkultur, in denen sich allein noch als Paraphrasierung von Lesefrüchten der Monolog mit den Größen der Geistesgeschichte führen ließe, sondern die lapidare Konsequenz aus einer Entscheidung, bloß das wichtig zu nehmen, was wirklich wichtig zu nehmen ist. „Gleich, worüber wir uns amüsieren, uns beschäftigt doch immer nur der Tod“, meint der Fürst aus „Verstörung“, Thomas Bernhards zweitem Roman, in seiner schier endlosen Suada. Hier ist das zentrale Leitmotiv formuliert, das dem Gesamtwerk bei aller Vielfalt der Genres den charakteristischen Gleichklang verleiht. Bernhards Interesse galt nie dem Gesellschaftsmenschen Hinter die beliebte Auffassung, Thomas Bernhard von seinem letzten und noch dazu umfangreichsten Roman her begreifen zu können, darf daher durchaus ein Fragezeichen gesetzt werden. Die euphorische Wertschätzung für „Auslöschung“ (1986) als eine vermeintliche „comédie humaine der österreichischen Gesellschaft“ ist aus dem Buch, einem eher konventionellen Familienhistörchen mit einer gewissen Pointe am Schluß, kaum zu legitimieren. Sie gibt aber ein aufgestautes Bedürfnis jener preis, die dies so sehen: Endlich, so die Erleichterung, hat sich Thomas Bernhard einmal verständlich gemacht, indem er für das Leiden eines Protagonisten einen geradezu nachvollziehbaren, in seiner Biographie klar zu lokalisierenden Grund benannte. Dieser „Auslöschung“ in der Tat zu konstatierende Zug zur Trivialität sollte jedoch nicht dazu verführen, die zuvor erschienenen Romane wie etwa „Frost“ (1963), „Verstörung“ (1967), „Das Kalkwerk“ (1970), den „Untergeher“ (1983) oder „Alte Meister“ (1985) sozusagen als Vorstudien zu diskreditieren. Dies hieße, aus der Machtposition der postumen Rezeption Thomas Bernhard zu so etwas wie einem österreichischen Martin Walser oder Dieter Wellershoff kleinreden zu wollen. Thomas Bernhards Interesse galt aber nicht dem Gesellschaftsmenschen, dem von seiner Umgebung empfangenden und ihr irgend etwas zurückgebenden. Soziale Beziehungen gründen ihm zufolge vielmehr auf Mißverständnissen, sie sind selbst in der Zweierkonstellation Experimente, die nicht aufgehen und für jene, die sich ihnen unterwerfen, nicht selten tödliche Folgen zeitigen. „Es scheitert letzten Endes alles, alles endet am Friedhof. Da können S‘ machen, was S‘ wollen“: An diesem Fatum stranden seine Protagonisten, die sich aufmachen, dem Anspruch des Geistesmenschen zu genügen, die sich, um nicht durch das ewige Schweigen des endlosen Raumes dem Wahnsinn zu verfallen, mit äußerstem Fanatismus einer Idee um ihrer selbst willen zu verschreiben scheinen, die sich unterwegs zur Philosophie wähnen wollen und doch erkennen müssen, daß sie bestenfalls als Aphoristiker enden können. So notgedrungen allen, die sich zu ihrem unerreichbaren Ziel aufmachen, nur der Weg bleibt, der sie nicht selten in den Selbstmord führt, und so sehr auch die Gemeinde, die sich in der Verehrung des Meisters nach seinem Tod zusammengefunden hat, diesen als Vierkanthofbesitzer und zeitungslesenden Wirtshausbesucher folklorisiert, so aussichtslos erscheint es in seiner Sicht, den Frieden in der beschaulichen Einfalt der Volkstümlichkeit zu finden: „Immer wieder haben wir die Vorstellung, wir sitzen mit jenen zusammen, zu denen wir uns lebenslänglich hingezogen fühlen, eben zu diesen sogenannten einfachen Leuten, die wir uns naturgemäß ganz anders vorstellen, als sie in Wahrheit sind, denn setzen wir uns tatsächlich mit ihnen zusammen, sehen wir, daß sie nicht so sind, wie wir gedacht haben, und daß wir absolut nicht zu ihnen gehören, wie wir uns eingeredet haben.“ Das Tragische bricht er durch grausame Komik auf Da es zum Scheitern keine Alternative gibt, da es zu keinem Zeitpunkt durch eine „richtige“ Entscheidung hätte abgewendet werden können, läßt es sich von der heiteren Seite nehmen. „Ich war immer ein fröhlicher Mensch“, hat Thomas Bernhard selbst von sich in einem Interview behauptet, und das vielleicht gar nicht einmal bloß aus Koketterie. Denn in der Tat bricht er das tragische Todesmotiv nahezu unaufhörlich durch Einschübe grausamer Komik auf, durch pointierte Tiraden, in denen sich seine Protagonisten hemmungslos treiben lassen, hier zu Invektiven gegen Martin Heidegger oder Adalbert Stifter, dort zur Generalabrechnung mit der politischen Klasse oder der Menschheit insgesamt. Was davon begründet sein mag, ist eigentlich zweitrangig. Gerechtfertigt wird es durch das Vergnügen des Lesers, etwas, das der pathologische Zwang zur Objektivierung zumeist ungesagt läßt, einmal gedruckt zu sehen. Thomas Bernhard (1931-1989): Seine Verweigerung der Zeitgenossenschaft resultierte aus der Entscheidung, nur das Wichtige wichtig zu nehmen Foto: Erika Schmied Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Leben _ Werk – Wirkung, BasisBiographie, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006, kart., 7,90 Euro Thomas Bernhard – Eine Begegnung. Gespräche mit Krista Fleischmann, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006, kart., 156 Seiten, 7 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles