Treue

Die Münchner Staatsanwaltschaft beschuldigt mehrere führende Mitarbeiter des Siemens-Konzerns, im großen Stil Finanzmittel des Unternehmens in schwarze Kassen im Ausland geleitet zu haben. Die Rede ist von einem dreistelligen Millionenbetrag, dessen Verbleib nun aufgeklärt werden soll. Nach einer großangelegten Razzia sitzen unterdessen sechs Verdächtige in Untersuchungshaft.

Den Ermittlungsbehörden kann der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie sich hier wieder einmal für einen dirigistischen Eingriff des Staates in die freie Wirtschaft hergegeben haben. Darüber hinaus war es ihnen offenkundig gleichgültig, daß sie das Image eines früher durchaus renommierten Unternehmens weiter beschädigten. Zu ihrer Verteidigung ist allerdings anzuführen, daß sie nun einmal gehalten sind, Verstößen gegen geltendes Recht auf die Spur zu kommen, wie wirtschaftsblind und damit lebensfremd dieses auch sein mag.

Nicht zu entschuldigen ist hingegen die gehässige Vorverurteilung, zu der sich die Medien nicht zum ersten Mal in einem derartigen Fall haben hinreissen lassen. Von einer "Manager-Bande", die Millionen "veruntreut" hätte, kann nämlich auf der Grundlage der Fakten, die bislang bekannt sind, keineswegs gesprochen werden. Offenbar haben die Beschuldigten das Geld nämlich nicht in der Absicht abgezweigt, sich privat zu bereichern, sondern um es im Interesse des Unternehmens auszugeben. So wurden anscheinend mehrere politische Entscheidungsträger Nigerias, unter ihnen ein inzwischen verstorbener Ex-Staatspräsident, bestochen, um einen lukrativen Auftrag für Siemens zu ergattern. Ähnliche Investitionen in das Netzwerk der Beziehungen sollen bespielsweise auch in Griechenland und in Italien getätigt worden sein.

Sture Paragraphenreiter mögen aus dem Vorgehen der verdächtigten Manager nun den Tatbestand der Untreue konstruieren. In ethischer Betrachtung ist ihnen das genaue Gegenteil zu attestieren. Sie haben in schwierigen Zeiten bedingungslos das Wohl ihres Unternehmens im Auge gehabt, ohne dabei das Risiko zu scheuen, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Während alle von der Notwendigkeit, sich unvoreingenommen der Globalisierung zu stellen, immer bloß reden, haben sie gezeigt, daß sich deutsche Unternehmen nicht allein im Qualitätswettbewerb durchzusetzen verstehen, sondern auch die Vertriebsmethoden beherrschen, die im internationalen Geschäft unerläßlich sind. Dafür gebührt ihnen von den Anteilseignern eigentlich mehr als nur Dank und Anerkennung.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles