Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Teezeremonie

Was geschieht, wenn ein einst gefeierter Popstar nach fast dreißigjähriger Abstinenz ins Musikgeschäft zurückkehrt? Werden die damals jungen Anhänger den Faden einfach so wieder aufnehmen können? Diese Frage richtet sich aktuell an einen Künstler, der Anfang der siebziger Jahre als Cat Stevens Weltruhm erlangte, gut fünfzig Millionen Platten verkaufte und nun unter dem schlichten Namen Yusuf eine musikalische Rückkehr wagt. Cat Stevens, so erinnert sich nun manch einer in einer Mischung aus Nostalgie und Spott, das war doch der britische Liedermacher, dessen sanft-folkige Kuschelmusik selbst den widerborstigsten Hippie-Aussteiger bereitwillig zähmte. Welthits wie „Morning Has Broken“ oder „Father And Son“ sind bis heute unvergessen. 1979 war dann auf einmal Schluß mit der Musik. Er gab öffentlich seine Konversion zum Islam bekannt und nannte sich fortan „Yusuf Islam“. Die Hinwendung zu Allah hänge mit einem einschneidenden Erlebnis zusammen: Gott errettete ihn vor dem Ertrinken im Pazifik. In Allah erblickte er seinem Retter, womöglich weil er dem Gott eines in Europa zunehmend entchristlichten Christentums eine solche Rettungstat nicht mehr zutraute. Typisch für einen Konvertiten verhielt sich auch Cat Stevens zunächst durchaus radikal. Den Einsatz von Musikinstrumenten lehnte er wie viele Muslime ab, statt dessen produzierte der fünffache Vater Sprechplatten religiösen Inhalts, unter anderem für Kinder, die sich in der islamischen Welt schnell großer Beliebtheit erfreuten. Für kurzes Aufsehen sorgte er 2004, als die USA ihm die Einreise verweigerten, sein Name sei auf einer Terror-Unterstützerliste aufgetaucht, die Sache sei ein Versehen gewesen, hieß es später. Trotz alledem spielte Yusuf Islam in den vergangenen Jahren als wohl prominentester Konvertit der westlichen Welt eine bedeutende Rolle als Mittler der Religionen. 2004 erhielt er den Man for Peace Award, der durch ein Komitee ehemaliger Nobelpreisträger verliehen wird. Sie ehrten damit sein humanitäres Engagement. Verblüffend ist nun, daß sein Rückkehr-Album „An Other Cup“ (Ya Records) tatsächlich so nahtlos an den Stil der frühen Platten anknüpft. Dabei soll doch gerade die grammatikalische Schrulle „An Other“, statt „Another“ unterstreichen, wieviel in den Jahren der Abstinenz passiert ist. Die Stimme ist so klar und rein wie früher und auch diese gewisse Atmosphäre des kontemplativen Teetrinkens ist geblieben, worauf der Titel ebenfalls hinweist. Nichtsdestotrotz ist das Album, anders als man es vorher hätte vermuten können, nicht von einem islamisch-missionarischen Eifer beseelt. Gewiß, die Texte zeigen Yusuf als frommen Gläubigen, etwa wenn er die Hörer vor den Sünden des urbanen Nachtlebens warnt oder alte Textzeilen seiner Cat-Stevens-Zeit verwendet, jedoch das im Kontext frivol klingende „Girls“ von früher durch „Souls“ ersetzt. Ebenso seine Version des oft adaptierten Rockklassikers „Don’t Le Me Be Misunderstood“, in dem es heißt, daß er doch auch nur mit „guten Absichten“ zu uns singe und damit natürlich dem schlechten Image seiner Religion entgegentreten möchte. „An Other Cup“ wird kaum einen alten Cat-Stevens-Liebhaber enttäuschen, dennoch bleibt die Musik seltsam an der Oberfläche im Sinne schöner, aber auch seichter Unterhaltung. Das Mysterium des Glaubens, die Bürde, in Zeiten tobender Kulturkriege als Mittler zwischen den Religionen aufzutreten, all das sind Erfahrungen, die Yusuf zweifellos geprägt haben und über die man künstlerisch verarbeitet gerne mehr erfahren hätte. Das Album jedoch schweigt zu alldem, vielleicht erklärt dieser Unernst auch die momentan hohe Chartplazierung.

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