Selbst Jesus schaut vorbei

Sage keiner, das Theater sei aus dem breiten öffentlichen Diskurs verschwunden – ein Blick auf die Leserbriefseiten der Basler Zeitung lehrte in den vergangenen Tagen anderes. Die Scharmützel entzündeten sich einmal mehr an der heiligen Kuh aller Bühnenkunst, der Oper. In Basel erhitzt aktuell Giuseppe Verdis „Don Carlos“ die Gemüter. Genauer: der Regisseur, dem das Haus die Inszenierung einer fünfaktigen „Basler Fassung“ nach dem französischen Original anvertraut hat. Calixto Bieito debütierte damit in der Schweiz. Zu sehen ist eine für Bieito typische Werkbrechung mit viel Blut und Schweiß, die garantiert keine Tränen der Rührung aufkommen läßt. Oder doch? Verdis Pariser Publikum hätte Bieitos Effekte goutiert Wenn im Fontainebleau-Akt ein schwarzer Todesengel (Javier Camarena bleibt den ganzen Abend lang auf der Bühne präsent und erledigt dabei noch sämtliche Stichwort-Partien) der vor ihm hingeworfenen Elisabeth von Valois die Krone reicht und das Volk die Frau mit Bitten und Betteln in die Ehe mit dem spanischen König zwingt, dann ist das große Oper. Wenn Elisabeth als versteinerte Madonna auf einem Tragthron unter Jubelchören weggetragen wird, dann ist das Grand Opéra pur und ergreifend dazu – Bieito hielt es nicht für notwendig, das Stück an diesem Punkt gegen den Strich zu bürsten, denn das besorgt Verdi schon selbst. Und wenn ganz am Ende der Titelheld, einen Sprengstoffgürtel um die Hüften, die Bühne in die Luft jagt, dann ist auch das Grand Opéra. Verdis Pariser Publikum, im Zweifel mehr am Effekt als am Inhalt interessiert, hätte das gefallen. Nicht von ungefähr nannte der Komponist die Grand Opéra eine Grande Boutique. Eine Boutique eröffnet auch Bieito. Theatergeschichtliche, historische und auf die aktuelle Weltlage gemünzte Bezüge werden am laufenden Band aufgefahren: Vom Jesuitentheater schwenkt der Abend in eine ätzende Kirchen- und Religionskritik, zitiert wird das Attentat von Madrid, ein alttestamentarisches Leichenfeld, der Gottesnarr, die Mediengesellschaft, Hieronymus Bosch und manch anderes. Selbst Jesus schaut auf der Bühne vorbei, allerdings reichlich unsympathisch. Um sich gegen die Vertreter jedweder dramaturgischen Logik abzusichern, kommt Bieito ein alter Regietrick zupaß: Im Untertitel wird die Oper als „surrealistisches Gedicht in fünf Akten“ präsentiert – noch so ein Bezug des katalanischen Regisseurs, Dalí läßt grüßen. Damit erledigt sich auch die Frage nach dem Skandal. Der Surrealismus kennt diesen Begriff nicht, denn er setzt sich „ohne bewußte moralische oder ästhetische Selbsteinschränkungen“ in Szene, wie André Breton einst postulierte. Ein Schelm, wer also Arges denkt. Allenfalls bliebe Bieito vorzuwerfen, daß er die Geschichte von Verdis Schiller-Adaption durch sämtliche Bilder und Visionen hindurch zu geradlinig erzählt. Surrealismus funktioniert eigentlich anders, und zumindest unfreiwillig „surrealistische“ Operninszenierungen sind dem Theatergänger sonst keineswegs fremd. Die Qualitäten von Bieitos Arbeit lernt nicht zuletzt schätzen, wer den fast zeitgleich am Theater Freiburg herausgebrachten „Don Carlo“ Revue passieren läßt – dort in der vieraktigen italienischen Mailänder Fassung aufgeführt. Barbara Beyer versuchte nicht nur, Verdis Oper, die persönliche Tragödien im Spannungsfeld von königlichen und kirchlichen Machtkorrelaten formuliert, die von Haupt- und Staatsaktionen weiß, die große historische Tableaus entwirft, die ihren Bezug zur französischen Grand Opéra auch in keiner der italienischen Fassungen verleugnen kann und die all das in einer komplizierten Dramaturgie verschränkt, zu einem Eifersuchts- und Familiendramolett herunter zu inszenieren – sondern läßt es dabei im Vergleich mit Bieito an grundlegendem Handwerk missen. Musikalisch haben die Basler die Nase vorn Personenregie? Emotionale Selbstentäußerung beschränkt sich in Freiburg auf Rumliegen, Rumsitzen, Rumstehen oder Rumschleichen. Der Chor wird zur kollektiven Rampensau oder verschwindet zum Autodafé hinter einem Glitzervorhang. Übrig bleiben in dieser Szene lächerliche Videoprojektionen, denn alles, was nicht zu Beyers fixer Idee paßt, fällt entweder ganz aus, wird mit irrigen Assoziationen belegt oder einfach nur banalisiert. In der Handlungslogik biegen sich derweil Balken. Auf diesem Hintergrund wirkt Bieito geradezu konventionell. Auch musikalisch haben die Basler meist die Nase vorn, einmal davon abgesehen, daß in Freiburg mit Anna Smirnova eine zwar nicht immer vokal völlig disziplinierte, aber fulminante Eboli aufgefahren wird, die mit ihrem ebenso abgrundtiefen wie höhensicheren Granaten-Mezzo alles an die Wand singt. Nur beim Schleierlied hat Leandra Overmann bessere Karten: Das war gesungene Erotik pur. Und noch ein Freiburger Pluspunkt: Dirigent Patrik Ringborg liefert die orchestral differenziertere Lesart mit einem Orchester, das es hie kräftig knallen lassen konnte und da dem Schmelz der Kantilenen nachspürte. Balázs Kocsár ging in Basel eine Spur zu aufgeräumt durch die Partitur und zeitigte jene Solidität, die stets Gefahr läuft, sich ins freundliche Mittelmaß zu verflüchtigen. Während in Freiburg Alexey Kosarev beständig mit den tenoralen Höhen der Titelpartie zu kämpfen hatte, sparte Keith Ikaia-Purdy in Basel keineswegs an Stimme, manchmal aber an Schmelz. Als Philipp schlug sich Peter Klaveness im Breisgau ordentlich, markanter und strömender verbreitete sich in der Schweiz aber der Bassist Stefan Kocán. Mit ziemlichen Gleichstand warten jeweils die Besetzungen von Elisabeth und Posa auf: Erstere Rolle übernahm in Basel Mardi Byers und in Freiburg Victoria Nava (beiden hätte man eine freiere und mehr flutende Entfaltung der Vokallinien gewünscht). Zwischen den beiden Herren fällt die Wahl schwer. Bieitos Posa (Marian Pop) war stimmlich ausdauernder und ausgeglichener, Bon-Gang Gu dafür an Schlüsselstellen markanter, schwächelte aber auch häufiger. Dafür war Freiburgs Großinquisitor Jon Pescevich etwas präsenter und runder als Allan Evans. Das Fazit? Am Ende der Konfrontation des spanischen Königs mit dem Großinquisitor bittet der Herrscher, der Priester möge die unangenehme Unterredung vergessen. „Forse“, antwortet der Inquisitor: „Vielleicht“. Was soviel heißen mag wie: „Pustekuchen“. An Bieitos Inszenierung dürfte sich Freund wie Feind noch lange erinnern. Doch zumindest ob der Freiburger Szene müßte sich Philipp keine Sorgen machen – selbst wenn sie ärgerlicher war als Calixto Bieitos schlimmster denkbarer Alptraum. Die nächsten Aufführungen in Freiburg finden statt am 17. und 25. Dezember, am 7. Januar 2007 um 15 Uhr sowie am 20. und 25. Januar 2007 jeweils um 19.30 Uhr. Kartentelefon: 07 61 / 2 01 28 53, Internet: www.theaterfreiburg.de In Basel finden die nächsten Vorstellungen statt am 15./19./22. und 29. Dezember jeweils um 19 Uhr sowie am 14. Januar 2007 um 16 Uhr. Kartentelefon: 00 41 / 61 / 295 11 33, Internet: www.theater-basel.ch

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