Schwarze Tabuwolke

Auch im traditionellen Land der Redefreiheit wird es langsam eng für politisch unkorrekte Meinungen. Unlängst suspendierte die Universität Leeds den Dozenten Frank Ellis vom Dienst. Der promovierte Slawist hatte sich gegenüber einem Studentenblatt als „reuloser“ Anhänger des verstorbenen einwanderungskritischen Politikers Enoch Powell bekannt. Ellis erklärte, der Multikulturalismus sei „zum Scheitern verurteilt …, weil er auf der Lüge basiert, daß alle Menschen, Rassen und Kulturen gleich sind“. Der Multikulturalismus strebe danach, „eine rassische und kulturelle Integration zu erzwingen, ohne auf die Wünsche von Schwarzen oder Weißen einzugehen, in ihren eigenen Gemeinschaften zu leben und ihrer eigenen Wege zu gehen“. Zudem gestand Ellis Zweifel, ob alle Ethnien dieselben durchschnittlichen Intelligenzquotienten besäßen, und gab Sympathien für die rechtsgerichtete British National Party zu erkennen, die ihm aber doch „zu sozialistisch“ sei. Die Äußerungen werden den Dozenten für Slawistik vermutlich seine Stelle kosten. Wochenlang haben linke Studentengruppen und pressure groups von Einwanderern mit Boykottaufrufen Stimmung gegen ihn gemacht. Bei einer Demonstration forderten 300 teils eigens angereiste Personen seine Entlassung. Zu seiner Verteidigung bezog sich Ellis auf den Bestseller „The Bell Curve“ des Politologen Charles Murray und des inzwischen verstorbenen Psychologen Richard Herrnstein von der Universität Harvard. Bei ihrem Erscheinen 1994 löste die Studie heftige Kontroversen aus. Murray und Herrnstein versuchten nämlich in „The Bell Curve“ mit großem empirischem Aufwand zu belegen, daß erblich bedingte Differenzen in der durchschnittlichen Intelligenz zwischen den menschlichen Rassen und Ethnien bestünden: Juden und Chinesen hätten im Schnitt einen höheren IQ als europäische Weiße, deren durchschnittlicher IQ deutlich über dem von Schwarzen liege, behaupteten sie. Daß IQ-Tests in den Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten immer wieder einen um rund zehn bis fünfzehn Punkte niedrigeren durchschnittlichen Wert für schwarze Probanden ermittelt haben, bestreiten auch Wissenschaftler nicht, die einem egalitaristischen Menschenbild verpflichtet sind. Sie führen die Disparitäten jedoch standhaft auf Umwelteinflüsse zurück, etwa auf „soziale Benachteiligung“. Die Annahme erblich bedingter Unterschiede unterliegt faktisch einem Tabu. Die Wissenschaftsfreiheit deckte auch unsinnige Thesen Sicher mag man darüber streiten, was einen Dozenten für Russisch und Slawistik veranlaßt, sich in humangenetische Debatten einzumischen. Im Rahmen der Wissenschaftsfreiheit galten aber auch fragwürdige, unsinnige oder ärgerliche Thesen bislang als zulässig. Anfangs verteidigte daher die Universität Leeds ihren umstrittenen Dozenten. Nun scheint sie aber mit einem juristischen Winkelzug die Wissenschaftsfreiheit einschränken zu wollen. Es könnte ein gefährlicher Präzedenzfall werden: Unter Berufung auf den Race Relations Act, der „Diskriminierung“ verbietet und im Jahr 2000 auch auf Hochschulen ausgeweitet wurde, argumentiert die Universität Leeds, aufgrund der Äußerungen von Ellis sei nicht auszuschließen, daß er farbige Studenten benachteilige. In dem Disziplinarverfahren geht es um die Vorwürfe, Ellis habe die „Grundsätze der Gleichheit und der Diversität verletzt“, damit „rücksichtslos“ die Einhaltung gesetzlicher Verpflichtungen gefährdet und zudem eine Entschuldigung verweigert. Bis zur Klärung der Vorwürfe bleibt Ellis trotz Suspendierung Angestellter der Universität, darf aber nicht mehr unterrichten. Die Begründung im Vorgehen gegen den Dozenten ist problematisch, da sie als Einfallstor für eine scheibchenweise Einschränkung der Wissenschafts- und Redefreiheit dienen könnte. Ohnehin herrscht im öffentlichen Diskurs Großbritanniens ein stickiges Klima der politischen Korrektheit. Staatliche Institutionen wie die Commission for Racial Equality und linke Medien veranstalten regelmäßig regelrechte Treibjagden auf unliebsame Personen, die sich der Lobreden zur ethnischen „Diversität“ der britischen Gesellschaft verweigern. Grundsätzliche Kritik an der massenhaften Einwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg ist verpönt. So wurden die Konflikte in der multikulturellen Gesellschaft jahrelang verharmlost und verdrängt. Kam es zu Rassenunruhen wie in Oldham und Bradford, flackerte kurz eine Diskussion auf. Dabei wurde aber sorgsam die fundamentale Frage vermieden, wie lange Großbritannien noch Land der Briten sein werde. Ein prophetischer Seher dieser Entwicklung war Enoch Powell. Seine Warnungen vor dem Bürgerkriegspotential einer multiethnischen Gesellschaft beendeten 1968 eine glanzvolle politische Karriere. Nach Powell wurde später Ray Honeyford, der Direktor einer Schule im nordenglischen Bradford, zum wohl bekanntesten Opfer der politischen Korrektheit. Als er 1980 die Schulleitung übernahm, waren rund 50 Prozent seiner Schüler nicht-britischen Ursprungs. Ein paar Jahre später lag der Anteil schon bei 94 Prozent. Das Viertel war ethnisch komplett gekippt. Honeyford sagte in der konservativen Zeitschrift Salisbury Review 1984 voraus, daß Integration nicht mehr stattfinde, daß die schulischen Leistungen abfallen würden und damit sozialer Abstieg und ethnische Spannungen programmiert seien. Ein von interessierter Seite geschürter Aufschrei war die Folge: Honeyford, eigentlich ein klassischer Liberaler, wurde als rechtsradikaler „Rassist“ mit Schimpf und Schande aus dem Schuldienst gejagt. Zwanzig Jahre später, nachdem in Bradford schwarze Jugendliche mehrere Abende Walpurgisnacht spielten, kann er sich als Kassandra des Multikulturalismus bestätigt fühlen. Allein, eine moralische Rehabilitierung Honeyfords oder Powells fand nie statt. Auch im traditionellen Land der Redefreiheit bringt es keinen Ruhm, frühzeitig auf dräuende Katastrophen hinzuweisen.

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