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„Russen nach Hause“

Oktober 1956. Das ungarische Volk erhebt sich gegen seine Unterdrücker, die Kommunistische Partei, die Geheimpolizei AVO und die sowjetische Besatzungsmacht. Deren Panzer schlagen den Aufstand schließlich blutig nieder, die Revolutionäre werden an Ort und Stelle hingerichtet, in Gulags verschleppt oder verschwinden in den Folterkellern der Geheimpolizei. Zehntausende Ungarn fliehen vor dem kommunistischen Terror in den Westen. Zurück bleiben die Erinnerungen an eine Zeit des mutigen Widerstands gegen die kommunistische Diktatur und der Hoffnung, endlich in Freiheit leben zu dürfen. In der Frankfurter Paulskirche sind nun in einer Fotoausstellung jene Bilder zu sehen, die während der kommunistischen Herrschaft streng verboten waren. Von ihren Besitzern unter Schränken, hinter Kleidern und in verstaubten Kisten im Keller vor den Augen der AVO-Schergen verborgen, zeigen sie die Wahrheit über den zusammengeschossenen Aufstand: demonstrierende Menschen, vom Sockel geschlagene Stalin-Büsten, russische Panzer, die von Jugendlichen mit Molotow-Cocktails außer Gefecht gesetzt wurden, Erschossene auf den Straßen Budapests. Noch nach 50 Jahren wird man bei diesen Bildern des ungarischen Freiheitskampfes ganz still, das waren keine kindischen Indianerspielchen wie bei den Möchtegern-Revoluzzern von 68, hier ging es wirklich um die Freiheit eines ganzen Volkes, und es ging um Leben und Tod. In den folgenden Schnellprozessen wurden solche Fotos, fielen sie der Geheimpolizei oder den Russen in die Hände, als Beweismittel verwendet. Es reichte bereits, wenn jemand eine Waffe nur in der Hand hielt. So hatten zwei junge Frauen, 24 die eine, die andere 19, für ihre Freunde mit einer Waffe posiert. In einem Schnellverfahren wurde die ältere zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet, die jüngere bekam eine lebenslange Zuchthausstrafe. „Russen nach Hause“ ist auf einem anderen Foto zu lesen. Man sieht eine Frau, die auf einer Feuerwehrleiter stehend diese Parole an die Wand eines Budapester Hauses malt. 48 Jahre hat der Fotograf das Negativ vor der Geheimpolizei versteckt. In der Ausstellung „Versteckt, beschlagnahmt, als Beweismittel beigefügt … Bilder der ungarischen Revolution 1956“ ist es nun zu sehen. Wie die anderen Bilder erzählt es nicht nur von einem heldenhaften Kampf für die Freiheit, der bereits 1953 in Berlin begann, sondern auch davon, wie es 1968 in Prag, 1970 und 1980 in Danzig und 1989 beim Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen und dem Zerfall der Sowjetunion weiterging. Der ungarische Freiheitskampf 1956 war der Anfang vom Ende der totalitären Schreckensherrschaft in Osteuropa. Die Foto-Ausstellung ist noch bis zum 8. Oktober in der Frankfurter Paulskirche täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Foto: Jugendliche bei dem erhalten gebliebenen Stiefel der gestürzten Stalin-Statue auf dem Heldenplatz (um den 30. Oktober 1956)

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