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Pankraz, der Strukturwandel und die traurigen Clowns

So ungeschützt haben wir es noch nie gehört. Bei einer Umfrage von Medienwissenschaftlern der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität unter jüngeren deutschen Politikern wurde gefragt: "Was halten Sie für das Wichtigste in Ihrer Arbeit, a) Glaubwürdigkeit, b) Sachkompetenz, c) Medientalent?" Fast hundert Prozent der Befragten entschieden sich für c), ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Eine andere Antwort konnten sie sich dem Anschein nach für unsere heutige Zeit gar nicht mehr vorstellen.

Geradezu köstlich die mitgelieferten Begründungen. Glaubwürdigkeit, so hieß es übereinstimmend, sei "wenig hilfreich". Sachkompetenz, immerhin, "kann nicht schaden". Doch ohne Medientalent nütze auch die ausgedehnteste und diffizilste Sachkompetenz nichts. Hingegen könne man bei etwas Geschick im Umgang mit den Medien auch ohne jede Sachkompetenz "ordentlich Punkte machen".

Was Pankraz erstaunte, war die völlige Trennung von Glaubwürdigkeit und Medientalent, die die Politiker vornahmen. An sich gehört, dem gesunden Menschenverstand zufolge, beides zusammen, ist Glaubwürdigkeit von Natur her ein erstrangiges Medientalent. Wer von vornherein glaubwürdig wirkt, braucht sich um einige zusätzliche schauspielerische oder sonstwie mediale Tricks kaum noch Sorgen zu machen – sollte man meinen. Aber nichts da! Aufstrebende Politiker beharren darauf, daß man heute auch ohne Glaubwürdigkeit durchschlagenden Erfolg haben kann.

Alles komme darauf an, ein paar Schauspielerregeln zu lernen, über "richtige Körpersprache" zu verfügen und "cool" zu bleiben. Gerhard Schröder, meinte einer der Befragten, könnte heute noch Bundeskanzler sein, wenn er in der "Elefantenrunde" nach der Wahl nicht ausgerastet wäre und jede "Coolness" verloren hätte. Das sei eine "mediale Todsünde" gewesen. So etwas werde in der modernen Politik nie wieder vorkommen. Man habe seine Lektion gelernt.

Hat man aber wirklich gelernt? Oder hat man vielleicht etwas Falsches gelernt? Es mag ja sein, daß "moderne" Politiker gute Schauspieler sein müssen, um ihren "Job" passabel hinzukriegen. Aber auch und gerade Schauspieler müssen glaubwürdig sein, von Sachkompetenz zu schweigen. Ihre Aufgabe besteht üblicherweise darin, eine vorgegebene Rolle mit wirklichem Leben zu füllen, und das kann ihnen nur gelingen, sofern sie sich gewissermaßen in diese Aufgabe hineinwerfen, Leidenschaft und Wissen investierend. Von "Coolness", von vornehmer Blasiertheit und prinzipieller Berufsdistanz, keine Spur.

Politiker, ob modern oder unmodern, verkörpern Rollen wie Schauspieler, befördern bzw. repräsentieren "öffentliche" Interessen, die nicht oder nur partiell auch die ihren sind. Auch für sie gilt, daß sie, wenn sie gut und glaubwürdig sein wollen, sich mit Leidenschaft in ihre Rolle hineinzuwerfen haben, gemäß der guten alten Bestimmung von Max Weber: Ein Politiker, den es zu wählen lohnt, lebt nicht von, sondern für die Politik. Will er nur absahnen und fehlt ihm zudem Sachkompetenz, so ist er kein Schauspieler, sondern allenfalls ein geschminkter Clown, über den man nicht einmal lachen kann, ein Bajazzo, ein trauriger Clown.

Es ist schon merkwürdig, daß sich aufstrebende junge Politiker hierzulande allen Ernstes und mit voller Absicht dieses Bild vom traurigen Clown ohne Glaubwürdigkeit und Sachkompetenz anschminken und das sogar noch für Medientalent halten. Wie müssen Medien beschaffen sein, die so etwas – scheinbar oder tatsächlich – honorieren?

Nun, offenbar machen sie schlankweg ein Gleichheitszeichen zwischen Sachkompetenz und medialer Paßgenauigkeit. Einzig kompetent ist in ihren Augen, wer sich den sogenannten inneren Gesetzen des Mediums unterwirft, und zwar bedingungslos, hochbeflissen und ohne Ausnahme.

Das Leitmedium, das Fernsehen, markiert den Weg. Sein Instrument ist das Bild, und so muß jede Botschaft als Bild angeboten werden bzw. als Bildunterschrift, als jederzeit und überallhin mitschleppbare Parole, Aufkleber, Transparent. Höchste sprachliche Tugend ist leichte Konsumierbarkeit, mühelose Abrufbarkeit. Objektive Ereignisse, die keine Prachthochzeiten, keine schweren Unfälle oder Angriffe sind, interessieren im Grunde gar nicht. Man muß sie als grelle events ausgeben, damit sie zum Transport angenommen werden.

Für die tagtägliche Politik diesseits von Krieg, Streik und Terror bedeutet das, daß nur noch eigens inszenierte Auftritte und allerknappste Phrasen medialisiert werden. Der Politiker selbst wird zum bloßen Transparent; da er in der Regel kein Märchenprinz und ohne farbenprächtiges Gefolge ist, steht er meistens nur noch als trauriger Clown irgendwie neben sich selbst und muß zusehen, wie er eine medienkompatible Figur gewinnt.

Das Fernseh-Schema ist längst auf alle übrigen Medien durchgeschlagen, hat auch sie banalisiert, klischiert und sachwidrig verkürzt; dieser Prozeß schreitet immer weiter fort. Anspruchsvoller Diskurs in Politik und Kultur verläßt deshalb zunehmend die Öffentlichkeit, zieht sich in exklusive Zirkel und geheime Kabinette zurück, die hinter verschlossenen Türen tagen. Ein Strukturwandel der Öffentlichkeit zeichnet sich ab, der wohl manches von dem zurücknehmen dürfte, was sich in Sachen Medienpräsenz und Medienmacht seit dem 18. Jahrhundert entwickelt hat.

Für aufstrebende Jungpolitiker, die sich in öffentlichen oder halböffentlichen Gremiensitzungen beim üblichen Austausch medienkompatibler Phrasen zu Tode langweilen und darüber nachsinnen, wie sie endlich einmal direkt und voll "in die Medien kommen" können, ist das natürlich fatal. Und jetzt regt man sich hier und da sogar noch über ihre zu hohen Diäten und Altersrenten auf!

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