Joachim Kuhs

 

Nachts konnte er Dichter sein

Was der deutschen Nachkriegsliteratur mit Riegel an polemischem Feuer, poetischer Erfindungskraft und kämpferischer Eloquenz verlorenging, hat zu Lebzeiten des Autors und später kaum jemand einzuschätzen gewußt“ (Hans J. Schütz). Werner Riegel war zeit seines Lebens der Neinsager, den der deutsche Literaturbetrieb ignorierte, was allerdings auf Gegenseitigkeit beruhte. Als Herausgeber der zwischen 1952 und 1956 in 26 Ausgaben erschienenen Literaturzeitschrift Zwischen den Kriegen verfaßte Riegel neben politischen Leitartikeln und Kampftexten auch Gedichte und Aufsätze, die in geradezu wütendem Widerstand gegen die deutsche Nachkriegsliteratur der frühen 1950er Jahre standen. Peter Rühmkorf, sein enger Freund und Mentor, sah in ihm einen „Bekenner eines glaubens- und illusionslosen Individualismus“, den „Revisionist des Expressionismus schlechthin“. „Eine Literatur, die es offiziell nicht gibt“ Werner Riegel wurde am 19. Januar 1925 in Danzig geboren. Direkt nach dem Gymnasium kam er an die Front und überlebte den Krieg mit mehreren Verwundungen. Nach dem Ende des Krieges arbeitete er als Forstgehilfe, Nachtwächter und Bürobote. Erst nachts fand er Zeit für seine eigentliche Berufung: Dichter zu sein. Als Lyriker gelang es ihm, Pathos mit raffinierter Reimkunst zu verbinden. Außer für George, Trakl, Benn und Brecht, die „neue Konventionen heraufbeschworen und Ordnungen herstellten, denen das folgende schwächere Geschlecht sich einfügen kann“, hatte er für die Lyrik des zeitgenössischen literarischen Betriebs lediglich Hohn und Spott übrig. An kommerziellen Aspekten seiner dichterischen Arbeit war er fast bis zur Selbstaufgabe desinteressiert. Er sei es gewöhnt, daß man ihn sowieso nicht lese, schrieb er einmal. Das hinderte ihn jedoch nicht, „maßlos in seinen Ansprüchen, unbeirrbar in seiner hohen Selbsteinschätzung, aber doch auch wieder unverletzlich in seiner robusten Armut“ (Peter Rühmkorf) zu sein. Die Zeitschrift Zwischen den Kriegen bestritt er fast allein. Auf den Vorschlag, sie drucken zu lassen, reagierte er ablehnend: „Gerade dieser groteske Zustand begeistert mich immer wieder, daß Zwischen den Kriegen die einzige zutiefst literarische Zeitschrift Deutschlands ist, daß sie von einer Literatur handelt, die es offiziell überhaupt nicht gibt, und daß man eine literarische Zeitschrift machen kann, ohne von der offiziellen Literatur mehr als nur im Vorbeigehen polemisch Notiz zu nehmen. (…) Ich möchte die Profanisierung dieser historischen Tatsache durch irgendeine Annäherung ans herkömmliche Gedruckte und Literaturmerkantile nicht zulassen.“ Vielleicht hat Arno Schmidt den eigenbrötlerischen Nonkonformisten und Solitär Riegel gerade wegen dieser Haltung so geschätzt. Frühgefällt starb Werner Riegel am 11. Juli 1956 in Hamburg an Krebs, 31 Jahre alt. Nicht einmal mit dem Nachruhm wurde es etwas. Ein paar seiner Gedichte erschienen in Anthologien, dann, – so Peter Rühmkorf – „schlug man diesen außerordentlichen Mann zur Konkursmasse der Nachkriegsliteratur, wo er sich in der Gesellschaft zweitrangiger ‚Heile-Welt-Dichter‘ befindet. Das hat er nicht verdient.“

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