Manche mögen’s kalt

Emile Cioran bemerkte einmal, man könne keine Zeile von Kleist lesen, ohne an den Selbstmord des Dichters zu denken. Ähnlich verhält es sich mit den Liedern von Joy Division: Der Freitod von Sänger Ian Curtis in den frühen Morgenstunden des 18. Mai 1980 verlieh den ohnehin düsteren Aufnahmen der Gruppe für immer eine schicksalsschwere Aura und begründete ein faszinierendes Stück Rock-Mythologie. Curtis war keine 24 Jahre alt, als er sich in seinem Haus in Macclesfield in der Nähe von Manchester erhängte. Er beförderte sich durch eigene Hand ins Walhalla des Jugendnihilismus, das vor ihm bereits James Dean und Jim Morrison aufgenommen hatte. Curtis war jedoch weder das Opfer der unheiligen Trinität Sex, Drugs & Rock’n’Roll noch seines eigenen Erfolges, wie Grunge-Idol Kurt Cobain. Er war ein authentischer poéte maudit der Rockmusik, der größere Ähnlichkeit mit Arthur Rimbaud als mit Brian Jones hatte. Die besten Joy-Division-Songs, von „Transmission“ über „Dead Souls“ bis zu dem postumen Welthit „Love Will Tear Us Apart“ hatten eine kalte, existentialistische Atmosphäre. Zu einem hämmernden Schlagzeug und Gitarrenriffs, die sich einem tagelang in den Kopf bohren konnten, sang Ian Curtis mit Grabesstimme rätselhafte Lieder, die von Angst, Entfremdung und Schmerz handelten. Bei Live-Auftritten bot er häufig einen unheimlichen Anblick. Mit weit aufgerissenen Augen und der Miene eines Besessenen verfiel sein Körper in spastische Zuckungen, die eine ernste Ursache hatten: Curtis litt an epileptischen Anfällen, die ihn in den letzten Monaten seines Lebens mit immer größerer Wucht überwältigten. Geboren wurde Ian Curtis am 15. Juli 1956 in Manchester, einem traditionellen Industrieballungszentrum, dessen düstere Arbeiterviertel bereits von Friedrich Engels geschildert wurden. Aus der Stadt im Nordwesten Englands stammen neben Curtis Morrissey (The Smiths), Mark E. Smith (The Fall) und die Brüder Gallagher (Oasis), aber auch Genesis P-Orridge, der Kopf der Industrial-Pioniere Throbbing Gristle. Ian Curtis wuchs im kleinbürgerlichen Milieu auf, sein Vater war Polizeibeamter. Bereits als Jugendlicher fiel er durch exzentrisches Verhalten auf. Er schnüffelte giftige Substanzen oder stahl wahllos Medikamente von benachbarten Rentnern. Einer dieser Selbstversuche kostete ihn beinah das Leben. Schon früh begeisterte er sich für Musik, besonders für David Bowie, Iggy Pop oder Lou Reed, eine Leidenschaft, die er als Verkäufer in einem Plattenladen vertiefte. Mitte 1976 spielten die Sex Pistols zwei folgenschwere Konzerte in Manchester vor kaum fünfzig Zuschauern, unter denen sich jedoch die späteren Größen der lokalen Musikszene befanden: der Fernsehjournalist Tony Wilson, der Produzent Martin Hannet, Morrissey, und schließlich Peter Hook und Bernard Sumner, die sich kurz darauf mit Ian Curtis zu der Formation Warsaw zusammentaten. Der kernige Dilettantismus der Sex Pistols wirkte ermutigend auf das Trio: Nun konnte jeder ein Rockstar werden. Warsaw traten ungefähr ein Jahr lang erfolglos auf, ehe sie sich Anfang 1978 in „Joy Division“ umbenannten. Image und Stil der Band änderten sich nun radikal. Der neue Name ging auf einen obskuren Roman zurück, in dem von einem Prostituierten-Kommando die Rede war, das der SS in den Konzentrationslagern zu Diensten gewesen sein soll. Die erste Platte, die Maxi-Single „An Ideal For Living“, zeigte auf der Hülle einen Hitlerjungen und ein berühmtes Foto aus dem Warschauer Ghetto; der Bandname war in Frakturschrift gehalten. Dieses Spiel mit NS-Symbolen war im frühen Punk nichts Ungewöhnliches. Siouxsie Sioux, Sid Vicious oder Joe Strummer schockten mit Hakenkreuzaccessoires, eine Mode, der erst die Dead Kennedys mit dem Song „Nazi Punks Fuck Off!“ schlagartig ein Ende bereiteten. Das ambivalente Kokettieren mit faschistischer Ästhetik schien bei Joy Division jedoch weit über die Provokationsebene hinauszugehen. Die Band trat in der Mode der 1940er Jahren auf und hatte schon rein äußerlich keinerlei Ähnlichkeit mit den zeitgenössischen Punk-Bands. Der germanophile Curtis hatte bereits als Kind mit Vorliebe römische Soldaten gezeichnet und war fasziniert von Uniformen, besonders der Nationalsozialisten. Ein scheinbar antimilitaristischer Song wie „Walked In Line“ schlug in Joy Divisions Interpretation beinahe ins Gegenteil um. Neben Büchern über den Nationalsozialismus verschlang Curtis Nietzsche, Dostojewskij und J. G. Ballard. Seine damalige Ehefrau und spätere Biographin Deborah Curtis empfand die Obsessionen ihres Mannes zunehmend als beunruhigend: „Er war besessen von physischem und geistigem Schmerz.“ Mit wachsendem Erfolg der Band geriet Curtis‘ ohnehin problematisches Privatleben weiter unter Druck. Seine Ehe zerrüttete, Depressionen und epileptische Anfälle häuften sich. Ohne jegliche Vorankündigung erhängte sich Curtis in seinem Haus, nachdem er im Fernsehen Werner Herzogs Film „Stroszek“ gesehen hatte, der mit dem Suizid des Protagonisten endet. Zwei Monate nach seinem Tod, im Juli 1980, erschien die zweite und letzte Joy-Division- LP „Closer“. Das nüchterne Cover zeigte ein Grabmal. Der Einfluß von Joy Division auf die Rockmusik, vor allem auf New Wave und den Gothic Rock ist kaum zu überschätzen. Die verbliebenen Band-Mitglieder wurden unter dem Namen „New Order“ zu einer der erfolgreichsten Gruppen der 1980er Jahre. 2004 drehte Michael Winterbottom den Spielfilm „24 Hour Party People“, eine Hommage an Tony Wilson und seine Plattenfirma „Factory“, die auch Joy Division herausgebracht hatte. Gut ein Drittel des Films stellt die Band und Ian Curtis mit liebevoll rekonstruierter Akkuratesse in den Mittelpunkt. Für 2007 ist ein weiterer Spielfilm angekündigt, der sich gänzlich dem Leben Curtis‘ widmen wird: „Control“ unter der Regie von Anton Corbijn, der auf Deborah Curtis‘ Biographie „Aus der Ferne“ basiert. Für die Rolle von Curtis‘ Geliebter Annik Honoré ist Alexandra Maria Lara vorgesehen. Foto: Ian Curtis (1956-1980): Nihilist, Epileptiker, poéte maudit

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