Liebenswerte Marotten

Führen die hermetisch voneinander isolierten Autofahrer auf den Freeways von Los Angeles unterbewußt Unfälle herbei, um überhaupt noch Kontakt zu ihren Mitmenschen aufzunehmen? Dieser schräge Gedanke kommt dem von Don Cheadle gespielten Kriminalpolizisten in Paul Haggis‘ Oscar-nominiertem Episodenfilm „Crash“ (JF 31-32/05). Die Frage, die Haggis‘ glattes Hollywood-Melodrama lediglich in den Raum stellt, bildet das Grundmotiv, aus dessen Facetten die Multimedia- und Performance-Künstlerin Miranda July ihr bezauberndes Leinwanddebüt entwirft. „Ich und du und alle, die wir kennen“ spielt in einer faden Vorstadt der kalifornischen Metropole, wo sich die Wege einiger vereinsamter Seelen auf der – zunächst meist fruchtlosen – Suche nach Geborgenheit, Liebe oder Zusammengehörigkeitsgefühl immer wieder kreuzen: Richard (John Hawkes), ein maulfauler Schuhverkäufer, leidet unter der Trennung von seiner Frau, bedarf der Vergewisserung seiner jungen Söhne, „wie ein normaler Typ“ auszusehen, und wartet doch darauf, daß ihm „wundersame Dinge“ zustoßen. Prompt lernt er die verträumte Künstlerin Christine (July) kennen, die bei aller Entrücktheit eine ungemein patente, praktische Seite hat: Solange die arrogante Kuratorin der örtlichen Galerie ihr Genie verkennt, verdient sie sich ihren Lebensunterhalt sowie Zuschauersympathien mit einem Fahrdienst für Senioren. Den verblüfften Richard umwirbt sie mit einer ans Krankhafte grenzenden Intensität, die ihn erst recht einschüchtert. In einer ungemein anrührenden Szene fordert sie ihn auf, sich die wenigen hundert Meter bis zu seinem Auto als Zeitraffer ihres gemeinsamen Lebensweges vorzustellen. Im Laufe der Jahrzehnte merkt auch Richard, wie unwiderstehlich seine verrückte Verehrerin in Wahrheit ist – fühlt sich aber dann doch arg in seiner Intimsphäre bedrängt, als sie zu ihm ins Auto springt. Während sich sachte, sachte zwischen den beiden etwas durchaus Wundersames anbahnt, testen zwei draufgängerische Mädchen aus Richards Nachbarschaft ihre noch unerprobte Macht über das andere Geschlecht an seinem Arbeitskollegen sowie an seinem 14jährigen Sohn. Noch alarmierender und doch urkomisch ist ein weiterer Handlungsstrang um die virtuellen Ferkeleien, die letzterer mit seinem siebenjährigen Bruder in einem Chatroom treibt. Doch July glaubt fest an die guten Absichten ihrer Figuren, hält deren Marotten für harmlos bis liebenswert und ist dabei für manche dramaturgische Überraschung gut. Grenzwertige Momente handhabt sie mit Respekt und Humor, weiß sexuelle Neugier ungeniert als natürliche Regung Heranwachsender zu zeigen. Tatsächlich stehen die Kinder hier oft mit beiden Füßen fester im Leben als die Erwachsenen, in deren Bemühungen, ihre Ängste, Zweifel und Gefühle mitzuteilen, eine geradezu schmerzhafte Komik steckt. Mit federleichter Gravitas streift ihr Film heikle Themen wie Pädophilie und Cybersex, doch das schlimmste Übel widerfährt einem unglückseligen Goldfisch, der auf dem Autodach vergessen wird. Man kann July hoffnungslose Naivität vorwerfen – oder froh sein, daß sie der Welt mit naiver Hoffnung statt zynischer Skepsis begegnet. Den Sonderpreis für „visuelle Originalität“ beim Sundance-Festival gewann „Ich und du …“ jedenfalls völlig zu Recht.

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