Leben in geordneter Freiheit

Das Bürgertum hat in der Bundesrepublik einen schweren Stand und nicht wenige ziehen seine Existenz gleich ganz in Zweifel. Nur so ist es zu erklären, daß sich seit einiger Zeit in den Feuilletons des Landes eine Diskussion über eine angeblich neu entstehende Bürgerlichkeit entwickeln konnte (JF 7/06). Die Botschaft lautet: Angesichts des vor allem finanziell ruinierten Staates entdecken die „Bürger“ ihre Verantwortung für das Gemeinwesen neu und nehmen das Schicksal in die eigene Hand, da sie vom Staat nichts mehr erwarten. Ein neues Bürgertum sei im Entstehen. Diese Diskussion ist interessant, da das Bürgertum in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik in der Tat keine (große) Rolle gespielt hat, sich zumindest nie in den Vordergrund gedrängt hat. Man wollte alles sein – aber bloß nicht bürgerlich. Das Bürgertum stand unter Generalverdacht. Spätestens seit 1968 wurde dann alles bekämpft und verächtlich gemacht, was in den Verdacht kam, „bürgerlich“ zu sein. Lange Zeit schien die Bundesrepublik mit ihrer aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ erwachsenen nivellierten Mittelstandsgesellschaft zudem als das beste Beispiel dafür, daß ein demokratisches Gemeinwesen auch ganz gut ohne Bürgertum auskommen könne. Jetzt in der Krise, wird der Ruf nach einer staatserhaltenden Elite, die einst auch in Deutschland das Bürgertum gestellt hat, lauter. Vielleicht ist diese Diskussion aber auch nur ein weiteres Kapitel in dem Stück „Der lange Abschied vom Bürgertum“. Diesen Titel trägt der von dem Schweizer Publizisten Frank A. Meyer herausgegebene Gesprächsband mit Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler. Sowohl der Publizist und ehemalige Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Joachim Fest als auch der Verleger Wolf Jobst Siedler verkörpern mit ihrem Habitus wie nur wenige in der Bundesrepublik das, was man gemeinhin dem Bürgertum zuschreibt. Spannung erhält das Gespräch gerade aus der Tatsache, daß mit Meyer ein Mitglied des Schweizer Bürgertums mit seiner – so versteht es Meyer darzustellen – nahezu ungebrochenen Erfolgsgeschichte den Takt vorgibt. Meyer bringt geschickt das Schweizer Bürgertum, das 1848 den Sieg errungen habe, gegen sein deutsches Pendant in Stellung, daß bekanntlich in der „bürgerlichen“ Revolution von 1848 scheiterte. Fest und Siedler können dagegen immer wieder mit Beispielen aus der eigenen Familie oder ihrem eigenen Erleben die schwierigere Geschichte des Bürgertums in Deutschland illustrieren. Nicht selten gehen sie dabei als Punktsieger aus dem Rennen, macht es sich Meyer doch mitunter gar zu einfach, in dem Bürgertum der Schweiz den Idealtypus und in dem Weg, den das Bürgertum in Deutschland von 1848 bis heute beschritten hat, den idealtypischen Sonderweg zu proklamieren. Mehr als einmal muß er von seinen Gesprächspartnern darauf hingewiesen werden, daß in Deutschland nicht alles zwangsläufig in die Katastrophe geführt habe. Den Vorwurf etwa, daß das deutsche Bürgertum zu lange an der Monarchie festgehalten habe, pariert Fest mit dem Hinweis, „daß die Deutschen mit ihren Fürsten im allgemeinen sehr gut gefahren sind.“ Dergleichen Beispiele gibt es mehrere, so daß der „bürgerliche“ Eifer Meyers mitunter recht aufgesetzt wirkt, immer aber provokant und für die Diskussion äußerst anregend. Über allem steht die Frage, ob ein modernes demokratisches Gemeinwesen ohne den Gestaltungswillen und die Gestaltungskraft eines Bürgertums überhaupt bestehen kann. Während Meyer diese Frage leidenschaftlich verneint, sorgt sich Siedler angesichts des von ihm attestierten Verschwindens des Bürgertums nicht um den Bestand der Demokratie, denn auf diese laufe „seit den Tagen von Aristoteles“ alles zu. Mit oder ohne Bürgertum. In weiten Teilen des Gespräches geht es in erster Linie um die realen oder angenommenen „Verfehlungen“ des deutschen Bürgertums und daher ist es kein Wunder, wenn man schnell bei den Jahren zwischen 1933 und 1945 landet. Breiten Raum nimmt dabei, bei Fest und Siedler als Gesprächspartner kein Wunder, etwa die Diskussion über Albert Speer ein, der als Antibürgerlicher im bürgerlichen Gewand erscheint – eine Diskussion, die indes mitunter von dem eigentlichen Thema wegführt. Bei der Lektüre des im vergangenen Sommer geführten Gespräches wird deutlich, daß die eingangs skizzierte „neue Bürgerlichkeit“ – die von den Gesprächspartnern nicht direkt thematisiert wird – wenig mit dem zu tun hat, was Fest, Siedler und auch Meyer unter Bürgertum verstehen. Siedler etwa weist darauf hin, daß die Höhe des Einkommens kein Gradmesser für Bürgerlichkeit sei (zu der auch so etwas wie „Dauer“ gehöre) und zieht eine scharfe Trennlinie zwischen den „klassischen“ Bürgern und dem, was man heute beim flüchtigen Hinsehen als Bürgertum verstehen könnte, wenn er fragt: „Sind die Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates von großen Konzernen wirklich noch Bürger?“ Nein, wird man Siedler zustimmen müssen, wenn man sich die Definition zu eigen macht, die Meyer anbietet: „Der bürgerliche Mensch ist jemand, der über das Private hinausgreift, der mit seinen Interessen nicht dort aufhört, wo er seine Karriere gemacht und seine privaten Lebensumstände wohlgeordnet hat, der politisch in die Gesellschaft eingreifen will.“ Oder man sagt es etwas knapper mit Joachim Fest: „Es ist das Leben in geordneter Freiheit.“ Foto: Männer bejammern das Ende der Fastnacht bei der Geldbeutelwäsche in Wolfach: Der Ruf nach einer staatserhaltenden Elite wird lauter Frank A. Meyer: Der lange Abschied vom Bürgertum. Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler im Gespräch mit Frank A. Meyer, wjs Verlag, Berlin 2005, 138 Seiten, gebunden, 16 Euro

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