Korrektur der theologischen Schieflage

Wer einen Standpunkt hat, dürfte es nicht leicht haben in unserem Land. Stets fühlen sich Menschen ausgegrenzt, wenn man nur den Mund auftut.“ So schreibt Klaus Berger, Professor für Neues Testament an der Universität Heidelberg, im Vorwort zu seinem neuesten Buch, das den prägnanten Titel „Widerworte“ trägt. Denn ebenso wie es eine politische Korrektheit gibt, so gibt es auch eine theologische Korrektheit in unserem Land. Doch Klaus Berger war – im Gegensatz zu zahlreichen seiner Kollegen – nie jemand, der versuchte, sich möglichst aalglatt auszudrücken und das Evangelium dem vorherrschenden Zeitgeist anzupassen (Im Gespräch, JF 17/05). Das vorliegende Buch beinhaltet dreißig sehr unterhaltsam geschriebene Artikel, die der meistgelesene christliche Gegenwartsautor etwa zur Hälfte schon andernorts publiziert hat: in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der katholischen Tageszeitung Die Tagespost, in der Wochenzeitung Die Zeit und im Monatsmagazin Cicero. In je zehn Kapiteln beschäftigt sich Berger mit der Ökumene, mit der Religion und mit der Theologie in Deutschland. Immer wieder hat Klaus Berger sich zu Wort gemeldet, wenn auf Katholikentagen oder in der öffentlichen Debatte ein interkonfessionelles Abendmahl gefordert oder gar praktiziert wurde. „Ein solches Abendmahl ist eine Mogelpackung und kein Sakrament.“ Die Diskussion wird weit mehr von Emotionen als von theologischen Argumenten gesteuert. Man versucht kirchlicherseits die Aufklärung nachzuholen und huldigt einem falschen Ökumenismus, der glaubt, Theologie und Tradition einfach wegwischen zu können. Hier kommt Kritik von völlig unverdächtiger Seite. Berger doziert an einer evangelischen Theologischen Fakultät, bekennt sich selbst allerdings zum katholischen Glauben. Nichts liegt ihm mehr am Herzen als eine rechtverstandene Ökumene, die sowohl mit dem Verstand, nämlich in der redlichen theologischen Diskussion, die keinen unbequemen Themen ausweicht, als auch auf den Knien, nämlich betend betrieben wird. Berger bemängelt auch, daß die Bischöfe zu selten den Mut haben, einzuschreiten, wenn Glaubenswahrheiten von Priestern oder Theologieprofessoren geleugnet werden. Viel zu lange habe man bei Gotthold Hasenhüttl zugesehe, der seit 1974 in Saarbrücken Religionslehrer ausgebildet und der das Gebet für mythologisches Getue hält, da Gott für ihn kein personales Gegenüber ist, oder bei dem Religionspädagogen Hubertus Halbfas, der mehrere Religionsbücher verfaßt hat und behauptet: „Jesus hat sich weder als Messias noch als Sohn Gottes verstanden.“ Berger sagt: „Die Kirche wird gedankenlos modernisiert.“ Für ihn ist der dramatische Verlust an Kirchenmitgliedern auch eine Folge dieser falschen Modernisierung. Eine weitere Konsequenz ist, daß die durch die Modernisierung geschwächte Kirche nicht in der Lage ist, die heute notwendige Auseinandersetzung mit dem Islam zu führen. In der heutigen Exegese kritisiert Berger, selbst Professor für neutestamentliche Exegese, die Verabsolutierung der historisch-kritischen Methode. Wo von der Theologie im Namen einer Entmythologisierung alles Übernatürliche aus dem Glaubensgut der Kirche gestrichen wird, wirkt man mit an der systematischen Zerstörung des Glaubens insgesamt. Dies betrifft das Osterereignis ebenso wie die Jungfrauengeburt, die Hoheitstitel oder die Wunder Jesu. Mehrfach greift Berger den deutschen Kurienkardinal Walter Kasper, vormals Bischof von Rottenburg-Stuttgart, namentlich an, der die Auferstehung Jesu als historisches Ereignis geleugnet und sich von dieser Aussage niemals distanziert hat. Wie ein Basso continuo zieht sich durch Bergers Gedanken die Klage über den Verlust der Spiritualität. An den Hochschulen wurde in den vergangenen Jahrzehnten eine Theologie betrieben, welche die liturgische und insbesondere die monastische Tradition gänzlich vernachlässigt hat. Einen Lösungsansatz für die aufgezeigten Problembereiche sieht Berger in der Versöhnung von wissenschaftlicher Forschung und Spiritualität. Erstere liefert die Argumente für den Glauben, letztere vertieft ihn in der persönlichen Gottesbegegnung. Die Kirche darf – sowohl in der Theologie als auch in der Verkündigung – die spirituelle Dimension nicht vernachlässigen. Sie ist gefordert, diese als ihr ureigenstes Proprium wiederzuentdecken. Dieses Buch müßte man allen Theologen und Religionslehrern als Pflichtlektüre in die Hand drücken; aber auch dem theologisch interessierten Laien kann es nur sehr empfohlen werden. Es hilft dabei, die vorherrschende theologische Schieflage zu korrigieren. Klaus Berger: Widerworte. Wieviel Modernisierung verträgt Religion? Insel Verlag, Frankfurt am Main 2005, brosch., 176 S., 14,80 Euro

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