Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Klassenkampf im Grünen

Wirklich überraschend an der zweiten Regiearbeit des Schauspielers Bill Paxton, „Das größte Spiel seines Lebens“, ist eigentlich nur, daß diese klassische Geschichte eines amerikanischen Underdog, der sämtliche Hürden überwindet, um 1913 das U. S. Open-Golfturnier zu gewinnen, bislang noch nie verfilmt wurde. Dabei muß sie gefundenes Fressen für Disney gewesen sein, ist das Studio doch seit Jahren Marktführer auf dem Gebiet der wahren Sportmärchen. Auf Boaz Yakins Football-Drama „Gegen jede Regel“ (2000) folgte John Lee Hancocks „Die Entscheidung“ (2002) rund ums Baseballstadion; Gavin O’Connors „Miracle – Das Wunder von Lake Placid“ (2004) schließlich erhob die Eishockeymannschaft zum Mikrokosmos der US-Gesellschaft. Höchste Zeit also, daß das Golfen eine Disney-Behandlung erfährt. Paxtons Film beruht auf Mark Frosts Sachbuch-Bestseller von 2002 und erzählt die anrührende Geschichte, wie ein Amateur aus dem Arbeitermilieu einst auf einem regendurchtränkten Golfplatz im Bostoner Vorort Brookline den großen britischen Golfmeister Harry Vardon besiegte. Ihren Anfang nimmt sie auf der Insel Jersey, wo ein junger Harry Vardon vor seinem heruntergekommenen Elternhaus steht und zusieht, wie eine Gruppe gestrenger Herren in vornehmen Zylindern das umliegende Land in Augenschein nimmt. Sie erklären dem neugierigen Jungen, daß hier alles niedergerissen und ein Golfplatz angelegt werden soll. Auf Harrys Nachfrage „Was ist Golf?“ antworten sie: „Ein Spiel für Gentlemen“. Nach dieser Rückblende schneidet der Film zur Gegenwart, und man erfährt, daß Vardons Gegenspieler Francis Oiumet (Shia LaBeouf) aus ganz ähnlichen Verhältnissen stammt. Auch seine Eltern gehören keineswegs der feinen Gesellschaft an, sondern sind arme Einwanderer, deren Haus dem Brookline Country Club gegenüberliegt. Hier zeigt sich schon, worauf Paxtons Familienunterhaltung abseits des Geschehens auf dem Rasen abhebt: Der Bösewicht dieses Films ist das Klassensystem, mit dem beide Männer im Clinch liegen. Varnon (eine feinfühlige Darbietung des britischen Bühnenschauspielers Stephen Dillane) muß seine gesamte erfolgreiche Karriere lang vor Lord Northcliff (Colin Firth) katzbuckeln, dem Zeitungsmagnaten und Sponsor der britischen Mannschaft. Oiumet wiederum darf im vermeintlich so egalitären Amerika den Golfplatz nur als Caddie betreten. Sogar sein Vater (Elias Koteas) verbietet ihm das Spielen aus Angst vor den Sanktionen, die eine solch unerhörte Grenzüberschreitung nach sich zöge. Noch als er sich die Teilnahme an den U.S. Open mit einer Wildcard erkämpft, zeigen ihm die Clubmitglieder ebenso die kalte Schulter wie der eigene Vater. Leider wird diese durchaus erzählenswerte Geschichte mit einer Patina Disney-Kitsch überzogen, die zwar äußerst fotogen, aber wenig geeignet ist, emotional mitzureißen. In dieser sentimentalen Schilderung gibt es keine Grautöne, sondern nur Hochglanzbilder. Glücklicherweise spielt der Film größtenteils zwischen den Löchern. Insbesondere die letzten Runden der Meisterschaft sorgen für genügend Spannung, um das Publikum fesseln zu können. Das ist nicht zuletzt Oiumets Caddie zu verdanken, einem feisten Zehnjährigen namens Eddie Lowry (Josh Flitter, der ein ums andere Mal die Show stiehlt). Der Naseweis schwänzt die Schule, um Golfschläger zu schleppen, die ihm über den Kopf ragen, und Oiumet altkluge Ratschläge zu geben. Mit dem Selbstvertrauen eines abgeklärten Profis motiviert er den Amateurgolfer im Spiel gegen den Helden seiner Kindheit (eine besonders schmalzige Szene zeigt Oiumet als Zuschauer bei einem Auftritt Vardons) zu Höchstleistungen. Zu Höchstleistungen läuft unter Paxtons Regie auch die durchweg hervorragende Besetzung auf. Um so bedauerlicher, daß er es für nötig hielt, das Drama im Grünen durch höchst fragwürdige computergraphische Effekte aufzupeppen. Diese lenken bestenfalls unnötig von der Handlung ab, wenn das Spiel plötzlich aus der Perspektive des fliegenden oder rollenden Balls verfolgt wird, und verlangsamen sie schlimmstenfalls fast bis zum Stillstand wie der Schmetterling, der in Zeitlupe auf dem Ball landet, oder die zylindertragenden Geister aus Vardons Vergangenheit. Zugegeben, Golf ist nicht unbedingt der aufregendste Live-Sport der Welt – derartige Albernheiten hat er dennoch nicht nötig, erst recht nicht, wenn zwei Opponenten wie Oiumet und Vardon aufeinandertreffen. Foto: Francis Ouimet (Shia LaBeouf, l.) mit Naseweis Eddie (Josh Flitter): Eine Patina von Disney-Kitsch

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