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Das brasilianische Fußballwunder

Brasilien gilt heute als das heilige Land des Fußballs. Nirgendwo ist Fußball populärer, und kein Land hat mehr Weltmeisterschaften und internationale Turniere gewonnen als die Ballkünstler vom Zuckerhut. In keinem anderen Land der Erde hat der Fußball eine solch starke gesellschaftliche Stellung, und in keinem anderem Land hat der Fußball mehr Legenden geschaffen als in Brasilien. Wenig bekannt ist außerhalb Brasiliens jedoch, daß es erst viel später als andere Länder Lateinamerikas den Fußball entdeckt hat – geschweige denn, warum dies so war. Kaum bekannt ist hierzulande auch, daß nicht Pelé, der weltbekannte dreimalige Weltmeister und ehemalige Sportminister Brasiliens, sondern Arthur Friedenreich, ein Deutschstämmiger aus São Paulo, laut Fifa als bester Stürmer der Fußballgeschichte gilt. Er hat mit 1.329 offiziell von der Fifa anerkannten Toren mehr Tore geschossen als das spätere Fußball-Idol Edson Arantes do Nascimento („Pelé“). Arthur Friedenreich kam 1892 in der Umgebung von São Paulo auf die Welt. Sein Vater war der aus Hamburg stammende Ingenieur Oscar Friedenreich, seine Mutter eine schwarze Wäscherin. Nur wegen seiner deutschen Herkunft durfte der Mulatte (Mischling) bereits seit 1915 in der brasilianischen Fußballnationalmannschaft spielen. Dennoch mußte Arthur Friedenreich wie auch andere seine Kraushaare mit einem Netz glätten, um wie ein Weißer auszusehen. Auch seinem Stammverein in São Paulo, dem Sport Club Germania – einem Klub für deutschstämmige Spieler, gegründet vom Hamburger Hans Nobiling – konnte er nur aus diesem Grunde beitreten; Fußball war ein Sport der weißen Oberschicht, Schwarze hatten damals in Brasilien keinen Profifußballverein. Zwei deutsche Sportpioniere Brasiliens Hans Nobiling gehört zu den Pionieren des brasilianischen Fußballs. Er war 1897 nach São Paulo gekommen. Vorher hatte er in Hamburg Fußball gespielt und es bis zur Hamburger Meisterschaft gebracht. In seinem Reisegepäck hatte er das Hamburger Trikot und die Satzungen des Hamburger Sportvereins (HSV), der damals noch Germania Hamburg hieß. 1899 gründete er mit einer Gruppe deutscher Einwanderer in São Paulo den Sport Club Germania, den späteren Esporte Clube Pinheiros, der heute noch die HSV-Farben Blau-Weiß-Schwarz trägt und zum Andenken an seinen Gründer sogar ein Museum eingerichtet hat. Zusammen mit dem Briten Charles Miller, der gemeinhin als Vater des brasilianischen Fußballs gilt, gründete Nobiling 1901 die erste, zunächst auf den Bundesstaat São Paulo begrenzte brasilianische Fußballiga. 1906 und 1915 wurde Germania Meister dieser Liga. Trainer und Förderer von Arthur Friedenreich war der damals bekannteste Sportler Brasiliens, Hermann Friese, ebenfalls Mitglied im Sport Club Germania. Friese, der um 1903 ebenfalls von Hamburg nach Brasilien ausgewandert war, war nicht nur ein hervorragender Fußballspieler und -trainer, sondern auch ein erstklassiger Leichtathlet. Bevor er nach Brasilien kam, war er bereits mehrmals deutscher Meister im Langstreckenlauf. Im Jahre 1907 war er der einzige brasilianische Teilnehmer an den Internationalen Olympischen Spielen von Montevideo/Uruguay, wo er die 800 Meter und die 400 Meter gewann. In Brasilien gilt er als der größte Leichtathlet zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1919 schoß Arthur Friedenreich in der Copa America das Siegtor zum 1:0 im Spiel gegen die Uruguay, mit dem Brasilien zum ersten Mal Südamerikameister wurde und damit den Durchbruch in den internationalen Fußball schaffte, er wurde daraufhin feiernd durch die Straßen seiner Heimatstadt getragen. 1922 wurde er mit der brasilianischen Mannschaft erneut Südamerikameister, nachdem er 1921 nicht teilnehmen durfte. Im Jahre 1925 wurde Friedenreich in Paris zum „Roi du Football“ (König des Fußballs) gewählt. Die Brasilianer nannten ihn Pé de Ouro („Goldfuß“) und die Uruguayer nach dem Copa-America-Finale 1919 El Tigre („der Tiger“). Friedenreich wurde zum Nationalhelden In den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts galt Uruguay als die beste Fußballmannschaft Südamerikas. Erst seit dem Olympia-Turnier von Paris 1924 konnte man von internationalem Fußball sprechen. Dort nahmen zum ersten Mal auch Mannschaften von anderen Kontinenten teil, um sich mit den Europäern zu messen. 50.000 Zuschauer sahen im Finale Uruguays Sieg gegen die Schweiz. An der ersten Fußball-Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay, die ebenfalls von Uruguay gewonnen wurde, nahm Friedenreich nicht mehr teil. Mit 38 Jahren war er damals bereits zu alt. Bis in die dreißiger Jahre war Fußball in Brasilien eine Sportart der weißen Oberschicht, dennoch erkämpfte sich Friedenreich mit seiner intelligenten und kämpferischen Spielweise die Gunst aller Brasilianer. Fouls an dunkelhäutigen Spielern wurden damals von den Schiedsrichtern nicht gepfiffen, was man natürlich auch ausnutzte, um Friedenreich zu stoppen. Er entwickelte daraufhin eine Körpertäuschung, die es seinen Gegenspielern erschwerte, ihn durch Fouls zu stoppen. Fried, wie er in Brasilien kurz genannt wird, stand am Anfang der brasilianischen Fußballlegende, weil er selbst als Ballkünstler auch eine Legende war. Trotz aller Widrigkeiten wurde Arthur Friedenreich im Volk zu einem Nationalhelden und galt als erster brasilianischer Fußballstar. Daß Fußball heute in Brasilien nicht nur eine Sportart, sondern auch eine Kunst ist – nicht zufällig tragen alle brasilianischen Spieler Künstlernamen -, auch daran hatte Artur Friedenreich mit seiner intelligenten Spielweise großen Anteil. Friedenreich gilt auch als Erfinder des Effetschusses, des Ballanschneidens, mit dem die Ballkünstler aus Südamerika vor allem bei Freistößen die Spieler des alten Fußballkontinents Europa zum ersten Mal auch technisch überholten. Bis 1935, im hohen Fußballer-Alter von 43 Jahren, hat Friedenreich in Brasilien Fußball gespielt, er konnte noch miterleben, wie der brasilianische Präsident Getulio Vargas mit seinem „Estado Novo“ ab 1930 mit Hilfe des Fußballs und des Karnevals erstmals so etwas wie ein brasilianisches Nationalgefühl schuf, das alle Rassen und sozialen Schichten einschloß. Dem Fußball und auch dem Karneval ist es also zu verdanken, daß dann in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts – Brasilien wurde 1958 zum ersten Male Weltmeister – auch in Brasilien, das als letztes Land weltweit 1888 die Sklaverei abgeschafft hatte, ein die Rassen- und sozialen Grenzen überschreitendes brasilianisches Nationalgefühl entstanden ist, das die gesamte Bevölkerung des heute fünftgrößten Landes der Erde vor allem um die Lederkugel stark zusammenschweißt. Foto: Brasilien wird 1958 in Schweden erstmals Fußball-Weltmeister, Pelé und Santos freuen sich: Nationalgefühl um die Lederkugel

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