Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Keine Qual der Wahl

Spätestens am 15. Mai muß Jürgen Klinsmann jene 23 Nationalspieler benennen, auf die er bei der Weltmeisterschaft zurückgreifen will. Gelegenheiten für Experimente mit Personalalternativen gibt es bis dahin keine mehr. Alle verbleibenden Auftritte der DFB-Auswahl vor dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica am 9. Juni in München finden erst nach dem Nominierungsschluß statt. Klinsmann wird also seine Auswahl im wesentlichen aus den 37 Spielern treffen müssen, die er bereits aus eigener Erfahrung als Bundestrainer kennt. Einige Namen aus diesem Potential kommen allerdings aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in Betracht: Die beiden Münchner Sebastian Deisler und Andreas Görlitz sind verletzt, mit dem Dortmunder Christian Wörns hat sich der Bundestrainer zerstritten. Das Comeback von Thomas Linke (Austria Salzburg) war nur singulär. Marco Engelhardt (Kaiserslautern) hat nach seinem kurzen Gastspiel in der Nationalmannschaft eigentlich nur noch durch Nacktaufnahmen via SMS auf sich aufmerksam gemacht. Frank Fahrenhorst und Christian Schulz lassen bei Werder Bremen die Abwehr wackeln. Thomas Brdaric (Hannover) und Paul Freier (Leverkusen) haben in der DFB-Auswahl nie mehr als guten Willen gezeigt. Somit verbleiben gerade einmal 28 Spieler, von denen sich Dietmar Hamann, Frank Baumann, Lukas Sinkiewicz und Andreas Hinkel auch nicht gerade aufdrängen. Was Jürgen Klinsmann in diesen Tagen umtreibt, dürfte folglich weniger die Qual der Wahl sein. Angemessener wäre die Bestürzung, daß er tatsächlich um die Spieler nicht herumkommen wird, die sich in den vergangenen Monaten herausgeschält haben. Eine gewisse Torschlußpanik ist daher erkennbar und angebracht. So ließ Klinsmann prüfen, ob man nicht Valerien Ismaël (Bayern München) noch schnell zur Stabilisierung der Abwehr einbürgern könnte. Leider hat dieser jedoch bereits einmal in der französischen U 21 gespielt und darf daher nicht mehr für Deutschland auflaufen. Sogar eine Berücksichtigung der Altstars Jens Nowotny und Mehmet Scholl ist plötzlich in die Diskussion geraten. Der Leverkusener steht allerdings eher für die traurige Lehre, daß mehr Erfahrung nicht zu souveränerem Abwehrverhalten führt. Bei dem Münchner schließlich reicht die Luft nur noch für 30 Minuten, um gegen Teams, die dies zulassen, zu demonstrieren, wie sexy Fußball ist. Für den inzwischen 35jährigen Scholl spricht jedoch, daß er schon 1996 dabei war, als Deutschland im einstigen Londoner Wembley-Stadion die Europameisterschaft gewann. Unter diesem Gesichtspunkt müßte Klinsmann aber auch Markus Babbel berücksichtigen. Oder Oliver Bierhoff. Und natürlich müßte er sich selbst wieder aufstellen.

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