Jedes Buch eine Bibel, jedes Geschäft ein Gebet

Gerhard Nebel, der in seinem Hamann-Buch (1973) ein Kapitel Ernst Jünger widmen sollte, urteilte schon 1966 treffend über Hamann, deutsche Kultur und Jünger so: Den großen Königsberger rühmt er als „Überwinder der Aufklärung und ihrer Transzendenzlosigkeit, ihrer Plattheit“. Dann heißt es: „Die deutsche Geistesgeschichte besteht in großartigen Unternehmungen, die Aufklärung zu überwinden: Weimar, Königsberg, Münster, die Romantik, Hegel, Schopenhauer, Hölderlin, Stefan George, Heidegger und Sie – und nun tut die deutsche Linke, als wenn das alles nicht gewesen wäre.“ Welche Rolle spielte Hamann in Jüngers Intellekt, wie kam die Berührung zustande? Wunderlich genug. Jünger erzählt es selbst zu Ende seines Lebens, im fünften Band von „Siebzig verweht“ (1997). Ein skurriler Kartoffelsackträger brachte ihn einst in Leipzig zu dem Philosophen Hugo Fischer, in dessen Mansarde der Autor der „Stahlgewitter“ Hamanns „Brocken“ fand. Dieser Zufall initiierte den lebenslangen Dialog, der sich durch Jüngers Werk zieht, besiegelt durch das Wort von den speziellen „Anregern“ und „Erweckern“, die „den Charakter formen, sich ihm einprägen: Rimbaud als Dichter, Schopenhauer als Denker, Hamann als Magier“. Jüngers Erneuerung vollzog sich in Hamanns Zeichen Tatsächlich war dieser bereits 1929 im „Abenteuerlichen Herz“, das eine neue Epoche öffnet, voll präsent. Hamann wurde ein wichtiger Führer zum „verborgenen Charakter des metaphysischen Menschen“, „zum Absoluten“ hin. Der junge Dichter entwickelte – jenseits von Materialismus und Idealismus – eine originale Tiefenschau der Welt und mit ihr ein seltenes Idiom von eigener Sprachmagie. Dem kleinen, kostbaren Band hat er ein Hamann-Zitat vorangestellt: „Den Samen, von allem, was ich im Sinn habe, finde ich allenthalben.“ Ein divinatorischer Geist steht also mit der ganzen Schöpfung im Rapport. Retrospektiv erscheint das Buch von 1929 selbst als „Initialschrift“, die Elemente und Samen des späteren Werkes trägt, so Michael Klett. Jüngers Erneuerung um 1930, dann nach 1933 vollzog sich in Hamanns Zeichen, dessen Prinzip Goethe so bestimmt: Alles was wir leisten, „muß aus sämtlichen vereinigten Kräften hervorspringen; alles Vereinzelte ist verwerflich“ – und Hegel präzisiert: „Nun erklärt er sich gegen die Kantische Trennung der Sinnlichkeit und des Verstandes, als welche Stämme der Erkenntnis aus einer Wurzel entspringen.“ Diesen Anspruch hat Jünger, so Martin Meyers These, in Literatur umgesetzt – was uns auch einen Schlüssel für das Beschweigen der deutschen Literarkritik einhändigt. Im „Projekt der Moderne“ setzen Autonomie und Differenz sich in der Selbstorganisation des Sozialsystems total durch. Erzeugt wird eine dynamische Zentrifugalstruktur, die als unendliche Peripherie die potentielle Mitte (theologisch Gott) verschluckt. Umgestülpt zur virtuellen „Umwelt“ des Systems, driftet jene uneinholbar ab. Ästhetisch bedeutet das die totale Autonomie formaler Mittel: Kunst soll nur mehr „sich selber“ aussagen, die Relation zu komplementären Erkenntnisformen wie Philosophie oder Mythos kappen, vor allem aber zur vermeintlichen „Wirklichkeit selbst“. Quer zu diesem Autismus der „Rose“, die nichts als „Rose“ sei, liegt nun Ernst Jüngers Werk: kein Autor seit Goethe und Hegel von solchem Weltumfang – einem Schamanen gleich, der spielend kosmische Räume durchzieht! Als wäre Vernunft wirklich und Gott nur ein Begriff Johann Georg Hamann (1730-1788), der „Magus des Nordens“, lebte und starb in Königsberg, wo er zum Kritiker Kants und Freund Herders wurde. Seine Idee des göttlichen Charakters von Natur und Geschichte hat durch Herder wesentlich historisches Denken geprägt. 1758 kam es mit Kant zum Konflikt. Als geistlich Erweckter entwickelte Hamann jetzt neuartige Gedanken über Glauben und Aufklärung, die „Sokratischen Denkwürdigkeiten“ (1759). Es werden Züge einer Rationalitätskritik sichtbar, die persönliche Spontaneität und Gottesbezug dem nivellierenden Verstandesdruck konfrontieren. Hamann möchte sinnliche Erfahrung rehabilitieren und fordert gar, man müsse die Wahrheit „aus der Erde herausgraben“. Gegen Systemzwang votiert er für „Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle“ und gegen Begriffskonstrukte für Erfahrung und Tradition als „beste Schule der Evidenz“. Religion, Patriotismus, Liebe und Freundschaft preist er als „Leuchttürme unseres Lebens“. Seine Zeit steht ihm kopf: Von der Vernunft rede sie, als wäre „sie ein wirkliches Wesen und vom lieben Gott, als wäre selbiger nichts als ein Begriff“. Grotesk, angesichts menschlicher Angst. Die deutet er als metaphysisches Heimweh: „Diese impertinente Unruhe, diese heilige Hypochondrie ist vielleicht das Feuer, womit wir Opfertiere gesalzen und vor der Fäulnis des laufenden Säkuli bewahrt werden müssen.“ „Typisch deutsch“ formulierte Hamann sein pietistisches Credo: In glatter Umkehrung zur Aufklärung, die religiöse Tatsachen säkularisiert, werde ihm jedes Buch zur Bibel und jedes Geschäft zum Gebet. Der Magus will Gott nicht zur Welt, sondern diese zu jenem ziehen. Das schafft Konsequenzen für die Erkenntnis, ihr Organ, für Subjekt und Erscheinung. In Differenz zu vorkritischem, kantischem und radikalkonstruktivem Rationalismus „liegt das Licht der Wahrheit im anschauenden Auge, die Offenbarung des Gegenstandes geschieht durch einen unmittelbaren Akt (der) Empfänglichkeit“, der Blick reicht ins Innere der Dinge, ist einziger Schlüssel der Erkenntnis. Solche Intuition verlangt den spezifisch symbolischen Ausdruck. Hamann entwirft eine Hieroglyphik als Reflex seiner Kosmologie: „Alle Werke Gottes sind Zeichen und Ausdrücke seiner Eigenschaften; und so ist die ganze körperliche Natur ein Ausdruck, ein Gleichnis der Geisterwelt. Alle endlichen Geschöpfe sind nur imstande, die Wahrheit und das Wesen der Dinge in Gleichnissen zu sehen.“ Gemeint ist ein Korrespondenzmodell: die wandelbare Welt als Widerschein des Ewigen und der Ideen. Des Dichters „schaffender Spiegel“ imaginiert Parabeln, in denen das Sein sich seines Wesens „erinnert“. Solch „organischer“ Symbolismus setzt der Moderne ein Kontrastmodell entgegen. Faszinierend zu sehen, wie Ernst Jünger sich vom nihilistischen Aktivismus des „Arbeiters“ (1932) fortbewegt hat. Ergänzen will er ihn durch einen zweiten Teil, der die dynamischen Prinzipien einer „ruhenden Ordnung von höherem Rang“ unterstellt („Zweites Pariser Tagebuch“, 17. März 1943). Die Technikschrift Friedrich Georg Jüngers zielt in diese Richtung: „Das zeigt, daß wir doch wahre Brüder sind, im Geist noch ungetrennt.“ Der Rückzug aus dem Zeitkampf führt zur apoliteia, zur Kontemplation, platonischen Wesensschau, den Chiffren der Stille. Leben gelingt, wenn wir ahnen, „was ewig in ihm eingebettet liegt. Unsere Freiheit liegt in der Entdeckung des Vorgeformten – wir dringen im Schaffen zur Schöpfung vor“. Diese Wendung von Geschichte zur Übergeschichte, vom Werden zum Sein führt Ernst Jünger hin zur integralen Tradition. In diesem Licht lassen Nähe und Abstand zu Hamann sich bestimmen: Bernhard Gajek erkannte den gemeinsamen Topos in der „Koinzidenz der Gegensätze“, der höheren Einheit, unterschied freilich: Hamann gehe es um ein „zu den Wurzeln dringendes Christentum, Jünger um die Vergewisserung der Existenz“. Desto erstaunlicher, wie weithin Hamann Jünger inspiriert hat: Sprachtheorie, Poetik und ästhetische Reflexion, Naturbeobachtung, Surrealismus. Zu lesen war und bleibt der nordische Magier schwierig. Sein kryptischer Stil: skurriles Barockidiom, gespickt mit alt- und fremdsprachlichen Zitaten, krausen Neologismen, diversen Anspielungen auf Zeitgenössisches und humoristischen Pirouetten, gehört zum Wildwuchs deutscher Sprache. Trotz sybillinischer Dunkelheiten sah Jünger ihn als schöpferisches Ereignis, schätzte Hamanns Wissen und Detailreichtum, seine Ideen und Urteilskraft. Doch blieb dessen Lektüre „schwierig, weil beide Fähigkeiten, ohne sich zu verzahnen, nebeneinander herlaufen“. Man müsse von Grat zu Grat springen und brauche starke Eigenkombination. Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts Das freilich kam dem „Anarchisten des Herzens“, dem stereoskopischen Blick des surrealen Auges und Traumdeuter der Archetypen entgegen. Wenn Hamann Wachsein und Schlaf travestierte, führte Jünger den Gedanken fort: „Träume sind stärker als das Tagesgeschehen. Sie sind Wirkliches schaffend und in ein tieferes Bewußtsein eingebettet, das im Schlafenden erwacht. Sie sind dem Mythos und seinen Gestalten näher als die Geschichte – so hat sie der Magus des Nordens erkannt.“ Poetologisch führt das über Homer auf die archaischen Rhapsoden zurück, für die Rhetorik und dichterische Intuition noch eins war. Hier schließt sich für Jünger Hamanns Poesiekonzept an: „Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts: Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder.“ So ist die Sprache kein sekundäres Organ der autonomen Vernunft, sondern schlechthin ursprünglich, die Laute selbst ein „magischer Schlüssel“, die Fülle der Welt aufzuschließen. Diese radikale Idee der Sprache als „Antipoesis“, nicht gemacht, deren Buchstaben das Sein hören lassen, hat Jünger besonders an Hamanns „Apologie“ fasziniert und in seinem „Lob der Vokale“ (1934) weitergesponnen. Eröffnen Sprache und Dichtung den Weg ins Elementare oder Göttliche, wird ein „mathematischer Charakter“ von Literatur, deren Probleme teilbar sind und restlos aufgehen, fraglich. Hier fasse man, so Jünger im am 17. Oktober 1943 im „Zweiten Pariser Tagebuch“, die poetische Kraft nur halb; es bleibe immer „ein Unteilbares zurück. Das ist der Unterschied zwischen Molière und Shakespeare, zwischen Kant und Hamann, zwischen Ratio und Sprache, zwischen Licht und Dunkelheit.“ Doch auch diese Polarität scheint noch verstandesschematisch befangen, denn am Ende gebe es doch Geister, die „unteilbar und teilbar“ zugleich seien -also triadisch, eine gegliederte Einheit. Solch Denken ist synoptischer Natur, dem analytischen Sinn überlegen. Nur jenes entspricht für Ernst Jünger dem „schaffenden Spiegel“ – gleicht doch die „große Bahn des Geistes“ einer Kette des Aufstiegs, einem „Gang durch Gärten“. Immer reicher, führen sie zur Klarheit: Kristall, Kugel, Punkt führen zur Quelle: wie „Glieder des Rosenkranzes“. Wolfgang Saur studierte Germanistik, Philosophie, Neuere Geschichte und Soziologie in Marburg und Eichstätt. Derzeit absolviert er in Berlin ein Aufbaustudium Religionswissenschaft und ist als freier Publizist tätig. Zu dieser Serie hat einen Beitrag über Ernst Jünger und Jacob Burkhardt (JF 3/06) beigesteuert. Außerdem sind im Rahmen dieser Reihe bisher Beiträge erschienen von Alexander Pschera über Jünger und Hermann Löns (JF 5/05), Léon Bloy (JF 9/05), Franz Kafka (JF 14/05), Aldous Huxley (JF 18/05), Otto Weininger (JF 28/05) und Friedrich Nietzsche (JF 10/06). Von Harald Harzheim stammen Beiträge über Maurice Barrès (JF 23/05) und den Marquis de Sade (JF 37/05) und von Alexander Michajlovskij über Dostojewski (JF 33/05). Foto: Zeit seines Lebens war der Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) ein großer Leser. Mehr noch: Lektüre stellte einen Teil seiner Existenz dar. Spuren dieses Lesens durchziehen sein Werk – von den „Stahlgewittern“ bis zu „Siebzig verweht V“. Um Jünger zu verstehen, muß man diesen Spuren folgen, leiten sie doch zu Bedeutungsräumen, die hinter dem Text verborgen liegen. Jünger lesen heißt also „Spuren-Lesen“. Diese JF-Serie versucht, einige Fährten aufzunehmen und ansatzweise zu entziffern. Und sie will natürlich auch zur Lektüre von Jüngers Lektüren anregen. Foto: Denkmal Ernst Jüngers am Weiher in Wilflingen: Gestiftet vom Freundeskreis der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger, gefertigt von dem 1961 in Oberschwaben geborenen Bildhauer Gerold Jäggle. Eingeweiht wurde die lebensgroße Bronze-Skulptur in Anwesenheit der Witwe Lieselotte Jünger und des Künstlers am 9. April anläßlich des diesjährigen Jünger-Symposions im Kloster Heiligkreuztal. (JF) Foto: Johann Georg Hamann: Der Blick reicht ins Innere der Dinge

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