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Heiße Tage in Bitterfeld

Mit seinem neuen Roman „Sommergewitter“ entfacht der Leipziger Schriftsteller Erich Loest, der am 24. Februar seinen 80. Geburtstag feiert, noch einmal die Diskussion um Ursprung und Verlauf des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 in Mitteldeutschland. Das politisch heikle Thema ist in der DDR-Geschichtsschreibung wie in der DDR-Literatur seit Stephan Hermlins Erzählung „Die Kommandeuse“ (1954) immer nur unter dem Rubrum „konterrevolutionärer“ oder „faschistischer Putschversuch“ abgehandelt worden, der dann von der „ruhmreichen Sowjetarmee“ niedergeschlagen wurde. Einzige Ausnahme in diesem Reigen staatsapologetischer Literatur von Hermann Kant über Erik Neutsch bis Anna Seghers war Stefan Heyms Roman „Fünf Tage im Juni“ (1974), der allerdings in keinem DDR-Verlag, sondern nur in München erscheinen konnte. Während Hermlins Erzählung, für die der Autor mit dem DDR-Nationalpreis ausgezeichnet wurde, eine infame Denunziation der politischen Ziele der Aufständischen war, beschreibt Stefan Heym auch die Vorgeschichte und erklärt die Forderungen der in allen Industrieregionen protestierenden und demonstrierenden Arbeiter für berechtigt, auch wenn er der Mitwirkung westdeutscher und amerikanischer Agenten, die die Arbeiter angeblich „aufgehetzt“ hätten, noch immer erhebliche Bedeutung zumißt. Erich Loest geht einen ganz anderen Weg: Er sieht – was 1953 durchaus noch der Realität entsprach – in der Ostern 1946 gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) keinen monolithischen Block, sondern das Produkt einer von der Besatzungsmacht verordneten Fusion zweier Parteien mit unterschiedlicher Tradition: hier die stalinisierte KPD als Minorität, dort die demokratische, ein halbes Jahrhundert früher gegründete SPD als Majorität. Obwohl beide Parteien im Dritten Reich verfolgt worden waren, wurden die Spannungen unter ihren Mitgliedern nach der Vereinigung kaum vermindert und brachen 1953 erneut auf. Den Kadern bleibt das Wurstbrot im Halse stecken Im ersten von zwölf Kapiteln, „Der Tod des weisen Führers“, wird zunächst ein Festessen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) bei der SED-Bezirksleitung in Halle beschrieben, am 5. März 1953, dem Todestag Stalins. Hier treffen zwei Männer aufeinander, die am Mitteldeutschen Aufstand 1921 teilgenommen haben: Der Sozialdemokrat Alfred Mannschatz, der heute als Invalidenrentner in Bitterfeld lebt, und der Kommunist Bruno Pfefferkorn, jetzt Oberstleutnant bei der Staatssicherheit in Halle, der ein Vierteljahr später die aufständischen Arbeiter zu bekämpfen hat. Das Begrüßungswort vor den versammelten Genossen, die sich hier auf Parteikosten satt essen, während die Bevölkerung draußen noch auf Lebensmittelkarten angewiesen ist, spricht der ehemalige KZ-Häftling Horst Sindermann, damals noch nicht SED-Bezirkssekretär, sondern Chefredakteur der Bezirkszeitung Freiheit. Dem Leser wird hier eine gespenstische Szenerie vorgeführt: die Wurstbrote kauenden Kader der Einheitspartei, die wie erstarrt innehalten, als der „Tod des weisen Führers“ verkündet wird. Von hier aus entfaltet Loest ein breites Panorama – weit ausführlicher als Heym 1974 – des Arbeiteraufstands im Industrierevier Halle-Bitterfeld, wo aktiv Mitwirkende, Gegner, Unbeteiligte und Opfer des 17. Juni mit- und gegeneinander kämpfen. Bruno Pfefferkorn, dessen Familie, Frau und zwei Töchter, bei einem Bombenangriff auf Dessau im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind, während er im KZ Buchenwald saß, ist in zweiter Ehe mit der fast 30 Jahre jüngeren Thekla verheiratet, die die Bezirksparteischule besucht und sich dort in ihren jungen Kollegen Melchior Anetzperg verliebt, einen aufstrebenden Marxisten-Leninisten aus dem Hallenser Bürgertum. Gegenspieler von Staatssicherheit und Arbeiterpartei, die sich im Aufstand gegen die Arbeiter stellen, sind der ehemalige Sozialdemokrat Alfred Mannschatz, der 1921 Bruno Pfefferkorn das Leben gerettet hat, und sein Schwiegersohn Hartmut Brücken, der starke Bedenken hat, SED-Mitglied zu werden, statt dessen Streikführer in Bitterfeld wird und in der Nacht vom 17. zum 18. Juni nach West-Berlin flieht, während seine hochschwangere Frau Clara, die bei der Reichsbahn arbeitet, ersatzweise verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus in Hoheneck verurteilt wird. Der heutige Leser müßte wissen, daß die mitteldeutschen Hochburgen der Sozialdemokratie seit dem 19. Jahrhundert in Erfurt, Halle, Leipzig und Magdeburg lagen, weshalb der Aufstand dort auch am erfolgreichsten war. Der ungeplant ausbrechende Aufstand hatte zumindest in Halle eine Zentrale Streikleitung, die im VEB Waggonbau Halle-Ammendorf lag, wo Christa Wolf bezeichnenderweise zehn Jahre später ihren Roman „Der geteilte Himmel“ (1963) ansiedelte. Während unter den Streikführern auch authentische Personen auftauchen wie Wilhelm Fiebelkorn, dem die Flucht gelang und der noch heute in Hessen lebt, ist Hartmut Brücken einer realen Figur nachgebildet: dem Bitterfelder Streikführer Paul Othma (1905-1969), dem anders als in Erich Loests Roman und in seinem Film „Tage des Sturms“ (2003) die Flucht nicht gelang. Er wurde zu zwölf Jahren verurteilt und war 1962/63 mein Mithäftling im Zuchthaus Waldheim. Der Aufstand vom 17. Juni verunsicherte die Partei Zwei Nebenfiguren müssen noch erwähnt werden: der Unternehmer Albert Schmolka, im Krieg Leutnant in Rommels Afrikakorps, jetzt als Besitzer einer Bauschlosserei und Mitglied im Kirchenvorstand von der Staatssicherheit verhaftet, angeblich wegen „Verschiebens von Lötzinn nach Westberlin“. In Wirklichkeit geht es nicht um diese unbewiesene Straftat, sondern um „Klassenkampf“, also um die Liquidierung des „Kapitalismus“ in Gestalt eines Kleinunternehmers, dessen Tochter auch noch in der Jungen Gemeinde aktiv ist, durch das Bezirksgericht Halle. Der Aufstand freilich hat die Partei stark verunsichert, Albert Schmolka wird am 17. Juni 1953 aus der Untersuchungshaft entlassen und flieht über Wernigerode nach Westdeutschland. Und da ist auch noch die ostpreußische Plaudertasche Erna Dorn (1911-1953), die im Dritten Reich bei der Gestapo gearbeitet hat, nach 1945 mehrmals wegen krimineller Delikte inhaftiert war und am 21. Mai 1953 vom Bezirksgericht zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Vor Mitgefangenen prahlte sie damit, SS-Aufseherin im Frauen-KZ Ravensbrück bei Berlin gewesen zu sein, am 17. Juni wird sie befreit, soll auf dem Hallmarkt eine Rede im Sinne der Aufständischen gehalten haben, wird erneut verhaftet und am 1. Oktober 1953 in Dresden geköpft. In der Dokumentation „Erna Dorn zwischen Nationalsozialismus und Kaltem Krieg“ (1994) werden die politischen Hintergründe dieser unglaublichen Lebensgeschichte aufgeklärt. Stephan Hermlin, als Jude und Kommunist 1936/45 emigriert, hat daraus den die Fakten negierenden Text „Die Kommandeuse“ gestrickt, weil die NS-Biographie der geborenen Tilsiterin der Partei höchst gelegen kam, die These vom „faschistischen Putschversuch“ zu untermauern. Loest läßt diese Frau, die durchaus schuldhaft verstrickt war in die NS-Verbrechen, die aber 1953 nicht weiß, wie ihr geschieht, und dann aus parteipolitischer Berechnung ermordet wird, in mehreren Monologen in ostpreußischer Mundart ihr verpfuschtes Leben erzählen: eine schriftstellerische Meisterleistung. Foto: Erich Loest bei einer Lesung in der Bautzener Taucherkirche Erich Loest: Sommergewitter. Gerhard Steidl Verlag, Göttingen 2006, gebunden, 344 Seiten, 19,90 Euro Erich Loest : Geboren am 24. Februar 1926 im sächsischen Mittweida, Oberschule, Kriegsdienst, von 1947 bis 1950 Volontär der Leizpiger Volkszeitung, seither Schriftsteller. 1950 Debütroman „Jungen, die übrigblieben“. 1957 Ausschluß aus der SED und Verurteilung zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“. Haft in Bautzen II, 1964 Entlassung. 1979 Austritt aus dem DDR-Schriftstellerverband, 1981 Übersiedlung in die Bundesrepublik. 1990 vom Obersten Ge-richt der DDR rehabilitiert. Von 1994 bis 1997 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Loest erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

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