Es war einmal die Filmkunst

Eine Vergegenwärtigung, die nur auf den ersten Blick banal scheint: Kino sind Bilder in Bewegung. Movie, so nennen die Amerikaner den Film in einer ungewöhnlich glücklichen Wendung. Regie zu führen heißt, eine Erzählung in sich bewegenden Bildern lebendig werden zu lassen. Kino wendet sich also an das Auge, nicht an das Ohr. Mehr als ein Spektakel ist es eine Vorführung. Weder Dialog noch Musik ändern sein Wesen im geringsten. Der Tonfilm bedeutete mit anderen Worten einen technischen Fortschritt gegenüber dem Stummfilm, ohne jedoch der Form als solcher irgend etwas hinzuzufügen. Im Gegenteil ist der Stummfilm sogar besser geeignet, das Eigentliche am Kino faßbar zu machen: Sich bewegende Bilder werden dem Auge zugeführt, in eine Reihenfolge gebracht, die ihnen einen Sinn verleiht, geordnet, damit daraus ein Werk werde. Ein Film, der nur durch seine Dialoge funktioniert, sagt nichts über das Kino an sich aus, sondern gleicht eher einem gefilmten Theaterstück. Jedoch sind Bilder in Bewegung weder reine Bilder noch reine Bewegung. Kino läßt nicht die Wirklichkeit sichtbar werden, wie sie ist, sondern zeigt sie in einer bestimmten Deutung, einem bestimmten Stil. Cinéma vérité ist eine andere Art, das Wesen des Kinos zu verleugnen (dieselben, die glauben, man könne „die Wirklichkeit filmen“, bilden sich ein, die Erfindung der Fotografie habe die Malerei überflüssig gemacht) – aus dem einfachen Grund, daß das Kino kein Erkenntnismodus ist, dessen Daseinsberechtigung in der Wahrheitsfindung bestünde, sondern ein Modus der Anfechtung, des Infragestellens. Die Bilder im Kino sind niemals Wirklichkeit, sondern eine Darstellung der Wirklichkeit, genauer gesagt eine Verbildlichung. Darin ist immer eine Entscheidung enthalten: Ein Bild sichtbar zu machen bedeutet zwangsläufig, andere unsichtbar werden zu lassen. André Bazin definierte Kino als einen „Spiegel mit verfremdetem Spiegelbild“ und befand, es müsse „zeigen und nicht bedeuten“. Eben hierin liegt die prägende Wirkung, die große Filme wie alle große Kunstwerke auszuüben vermochten. Selbstverständlich gibt es heute immer noch gute Filme – manchmal sogar Meisterwerke -, doch die Zeit des Kino ist eindeutig vorbei. Dies vor allem deshalb, weil es inzwischen zu Hause konsumiert werden kann, so daß es kein Treffpunkt oder gesellschaftlicher Vektor mehr ist. Der Einbruch der Bilder in Bewegung in den sozialen Raum machte das Kino zur großen populären, demokratischen und geselligen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. Als kollektive Kunstform war sein Nutzwerk untrennbar an einen Tauschwert gebunden. Wenn es nicht mehr von Zuschauern, die dazu ihre eigenen vier Wände verlassen mußten, gemeinsam gesehen wird, ändert sich das Wesen des Kinos. Ein Film, den man auf sein Mobiltelefon herunterlädt, ist schlicht und einfach kein Film mehr. Weil es für das Auge bestimmt ist, erfordert das Kino zudem eine besondere Art zu sehen, das heißt ein Wissen darum, wie es gesehen werden muß, eine Vertrautheit mit den Techniken der Kameraführung, der Regiearbeit, des Schnitts und der Montage. Früher bemühten sich Filmkritiker, den Zuschauern das analytische Werkzeug an die Hand zu geben, um diese Fähigkeit auszubilden. Zum größten Teil haben sie dies längst aufgegeben und begnügen sich nun ihrerseits damit, einen Film zu sehen, als wäre er ein Fernsehfilm, eine Dokumentation, ein Theaterstück oder eine Unterhaltungssendung. Wie Jean-Luc Godard sagt, spricht inzwischen „die Kritik vom Kino und tut so, als spräche sie von Filmen“, indem sie sich mit subjektiven Eindrücken (gefällt mir, gefällt mir nicht) oder ideologischen Erwägungen abgibt, die ebensowenig weiterführen. Gleichzeitig gibt es immer weniger echte Filmfreunde, immer weniger Menschen, die nicht von ihrem Platz aufstehen, bevor der Abspann zu Ende ist. Währenddessen werden Programmkinos klammheimlich zu Popcornkinos umgewidmet. Weil das, was die Eigenart seines Stiles ausmacht, ganz einfach nicht länger wahrgenommen wird, verlieren sich die Bilder des Kinos in der Bilderflut, die die Medien befördern. Das Kino, erkannte André Malraux, war immer zugleich Kunst und Indu-strie. Zwischen diesen beiden Polen, verkörpert im Regisseur respektive Produzenten, entstand sehr bald eine Spannung, die sich inzwischen fast ausschließlich zugunsten der Industrie aufgelöst hat. Film wird kaum noch als das Kunstwerk wahrgenommen, das er sein sollte, sondern zuvorderst als die Ware, zu der er verkommen ist. „Die Vorführung in Kinosälen ist nur mehr ein relativ unwichtiges Ereignis im Leben eines Films“, stellte Martin Scorsese kürzlich fest. Während die Ausgaben für Filme kontinuierlich steigen, fällt die Zahl der Kinogänger ebenso stetig, und die Einnahmen kommen hauptsächlich aus Rechten für Fernsehübertragungen und dem Vertrieb von DVDs. Zunehmend entscheiden heute diejenigen, die die Werbekosten für einen Film tragen, über seinen Inhalt. Die stilistischen Innovationen der 1960er Jahre können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Nouvelle Vague die Filmkunst auf eine Moral des Blickes reduzierte (der „Respekt vor den Figuren“ als Verleugnung dessen, was die Tragik des menschlichen Daseins ausmacht, nämlich der Erkenntnis, daß im Guten wie im Bösen „alle ihre Gründe haben“, wie Octave in Jean Renoirs „Die Spielregel“ von 1939 sagt). Seither ist das Kino auf Abwege geraten. Auf den Moralismus folgte ein selbstzufriedener Zynismus, der den niedersten Bedürfnissen des zum narzißtischen Voyeur herabgesunkenen Zuschauers schmeichelte – umschmeicheln läßt sich ein solcher leicht, befriedigen immer schwieriger. Unter dem dreifach schädlichen Einfluß erstens des technischen Fortschritts (visuelle Effekte), zweitens des Werbespots und drittens des Comicstrips richten sich die meisten Filme mittlerweile an vor allem jugendliche Zuschauer, die ihr Leben so strukturieren, wie sie mit ihrer Fernbedienung durch die Kanäle zappen: eindimensionale Figuren, konstruierte Situationen, Dialoge ohne Spitzen, modische Idiotien, Szenen ohne Substanz. Einst schuf das Kino so starke Bilder, daß sie sich ein Leben lang ins Gedächtnis prägten, das Vorstellungsvermögen unwiderruflich veränderten. Heutige Filme vergißt man, sobald man sie gesehen hat. Nichts bleibt von ihnen haften. Zu beklagen, daß Film keinen anderen Zweck mehr habe als den der Unterhaltung, greift zu kurz, denn er diente seit jeher auch der Unterhaltung. Besser sollte man sagen, es geht ihm um die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse. Dabei vermag ein Werk nur in seiner Gesamtheit ein Glücksgefühl beim Zuschauer zu erzeugen. Deswegen bemühten sich Meister der Regiekunst wie Eric Rohmer, Ernst Lubitsch, Ingmar Bergman oder Fritz Lang stets darum, die Erfüllung der Begierde zu verzögern. Der Hollywood-Kitsch dagegen kommt der Begierde zuvor, um sie auf der Stelle und bis zum Exzeß zu befriedigen. Die Didaktik des Kinos war kathartisch, sie wird regressiv, sobald sie sich an einen Zuschauer wendet, der alles sofort will und deswegen zum Denken einfach nicht mehr imstande ist. Dummheit und Konsum gehen eine traurige Allianz ein. Ob es vulgär oder intellektuell, plump „populär“ oder hochtrabend „elitär“ daherkommt, spielt Kino heute im wesentlichen die Rolle einer so selbstzufriedenen wie obszönen Legitimation der herrschenden Ideologie. So gerne es eine Provokation an die andere reiht, überschreitet es doch die Grenzen nie. Die Werte des Zeitgeists stellt es nicht mehr in Frage, sondern ist im Einklang mit ihnen nur noch darum bemüht, ihr Fortbestehen zu sichern. Gewiß kann man berechtigte Zweifel anmelden, ob die Filmkunst jemals imstande war, die etablierte (Un-)Ordnung zu untergraben. Fest steht, daß sie es heute nicht einmal mehr beabsichtigt, sondern voll und ganz zahnlos und wohlgefällig geworden ist. Alain de Benoist , französischer Philosoph, ist Herausgeber der Zeitschriften „Nouvelle Ecole“ und „Krisis“ sowie Leitartikler von“ Eléments“.

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