Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ein Baum des Heils auf Golgatha

Der Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung hat Kreis und Kreuz in einer Betrachtung über die Archetypen zu den „Symbolen des Selbst“ gezählt, Zeichen für die Vollendung, das gänzliche Übereinstimmen. Das war zuerst eine intuitive Erfassung, für die die universale Verbreitung beider Symbole und ihre Stellung in entwickelten Ikonographien aber starke Indizien sein können. Kreis und Kreuz finden sich jedenfalls getrennt oder kombiniert schon in den frühesten Kulturen der Menschheit. Beide stehen seit alters für die Welt ebenso wie für die Sonne. Die Siedlungssymbolik vieler Kulturen nutzte den Kreis als Grundriß und eine vierfache Teilung durch sich kreuzende Hauptstraßen und Tore in alle Himmelsrichtungen. Daß hier versucht wurde, den Makrokosmos im Mikrokosmos nachzuahmen, ist ebenso wahrscheinlich, wie die Idee, daß das in den Kreis gestellte Kreuz die Sonne – vielleicht gedacht als ein über das Firmament rollendes Rad – repräsentiere. Auf bronzezeitlichen Felsbildern, vor allem in Skandinavien, findet man diese Figur relativ häufig. Ob von da eine direkte Verbindung zu den Radkreuzen der mittelalterlichen, christlichen Kunst gezogen werden kann, ist naturgemäß umstritten. Sie finden sich in abstrakter Form als gleichschenkliges, also griechisches Kreuz, das in den Kreis gestellt wurde oder – seltener – über den Kreis hinausragte. In dieser Gestalt wurden „Weihekreuze“ in Kirchenräumen oder an Gottesdienstgerät angebracht. Berühmt sind die irischen Hochkreuze, die seit dem 5. Jahrhundert entstanden und in einer bemerkenswerten Kombination ein lateinisches Kreuz mit dem Kreis verbanden. Gelegentlich ist darauf der Kruzifixus dargestellt, manchmal mit der Gestalt des Auferstandenen auf der Rückseite, manchmal auch Szenen aus der Heilsgeschichte, aber häufiger wurden reliefartig Flechtbandornamente oder punktartige Musterungen herausgearbeitet, fast so, als wollte man die keltischen Metallarbeiten früherer Zeit imitieren. Diese Hochkreuze haben einen festen Platz in der abendländischen Kunstgeschichte. Das wird man für die viel zahlreicheren – etwa fünftausend erhaltenen -, aber unscheinbareren Ring- und Scheibenkreuze nicht sagen können, die vor allem als Grab- oder Sühnesteine bis zum 16. Jahrhundert in West- und Mitteleuropa gesetzt wurden. Und weitgehend unbekannt, trotz ihrer außerordentlichen Bedeutung, sind die formverwandten Triumphkreuze in den Landkirchen der Insel Gotland. Gotland hat in Nordeuropa über lange Zeit eine Sonderrolle gespielt. In der Guta-Saga aus dem 13. Jahrhundert, die von den Anfängen der Insel handelt, heißt es: „Gotland fand zuerst ein Mann, der Tjelvar hieß. Damals war Gotland so verzaubert, daß es am Tage sank und in der Nacht wieder auftauchte.“ Einen Zauber übt die Insel vor der schwedischen Ostküste bis heute aus. Es handelt sich um einen begrenzten, aber von Klima und Kultur begünstigten Raum, der seine politische Unabhängigkeit lange behaupten konnte. Schon in der Bronzezeit muß Gotland ein wichtiger Handelsort gewesen sein, wahrscheinlich auch ein religiöses Zentrum. Die Funde, nicht zuletzt die Labyrinthe und die berühmten Steinsetzungen in Schiffsform, sprechen eine deutliche Sprache. Nach dem Ende der Wikingerära und der Christianisierung konnte man der Unterwerfung durch Dänemark und Schweden noch für einige Zeit entgehen, was auf der Insel eine archaische Sozialstruktur erhielt. Gotland bildete jedenfalls noch im Spätmittelalter eine germanische „Bauernrepublik“ (Michael Gorski) ohne Adel. Die großen Bauern waren nicht nur so vermögend, daß sie sich steinerne Häuser schaffen konnten, zu einem Zeitpunkt, als auf dem Kontinent fast jeder in Lehm- oder Holzgebäuden lebte, ihnen verdanken wir auch die Errichtung der etwa einhundert Landkirchen, die bis heute bewahrt werden konnten. Es handelt sich um Sakralbauten, die seit dem 12. Jahrhundert selbst in kleinen Ortschaften errichtet wurden, mit Beginn der Gotik in einem strengen, zisterziensischen Stil, und die einen Eindruck von Reichtum und selbstbewußter Frömmigkeit der Gotländer vermitteln. Deren Ursache waren die besonderen Umstände der Mission, über die die Guta-Saga berichtete: „Nachdem die Gotländer die Sitten christlicher Männer gesehen hatten, gehorchten sie den Geboten Gottes und der Lehre weiser Männer. Sie wurden allesamt Christen aus eigenem Willen, ohne Zwang, so daß niemand sie zum Christentum nötigte.“ Die Architektur der gotländischen Kirchen ist weniger bemerkenswert als ihre Ausstattung. In einigen gibt es bis heute Triumphkreuze, die zu den bedeutendsten Stücken mittelalterlicher Holzbildhauerei in Nordeuropa gehören. Sie finden sich frei schwebend oder auf einem Balken unter dem Gurtbogen befestigt, an der Stelle, an der vor der Reformation die Chorschranke stand. Sie entsprach der Abgrenzung, die im Tempel zu Jerusalem das Heilige vom Allerheiligsten, dem Wohnsitz Gottes, trennte. Auch in der Kirche war der Chorraum als Sinnbild des Allerheiligsten dem Priester vorbehalten, aber im Triumphkreuz wurde die Gemeinde Gottes ansichtig, gemäß der Überlieferung aus den Evangelien, daß beim Tod Jesu der Vorhang vor dem Allerheiligsten zerriß und Gott sich in dem sterbenden Menschen am Kreuz offenbarte. Das Besondere an den gotländischen Triumphkreuzen ist, daß die Figur des Gekreuzigten mit einem Kreis oder einer Scheibe umgeben wurde. Die Enden des Kreuzes liefen häufig in Quadrate aus, in denen die Symbole der Evangelisten (Löwe, Stier, Adler, Engel), seltener biblische Szenen, zu sehen waren. Die Flächen zwischen den Armen konnten offen bleiben wie im Fall der Kreuze von Fide, Rone und Sanda, die in der Mitte des 13. Jahrhunderts geschaffen wurden, oder mit einzelnen Figuren, etwa Engeln, gefüllt werden wie in Rute oder Fröjel. Zu den berühmtesten Stücken gehört allerdings das Ringkreuz von Öja, in dessen Vierteln man oben weinende Engel sieht, während unten der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies zu erkennen sind. Hier ist das Kreuz ganz in den Kreis eingefügt. Das sowie die florale Ornamentik legen die Assoziation mit dem Kreuz als neuem Lebensbaum nahe, ein Motiv, das in der mittelalterlichen Kunst eine wichtige Rolle spielte. Nach einer bis auf die alte Kirche zurückgehenden Legende soll das Kreuz Christi aus dem Holz des Baums der Erkenntnis geschlagen worden sein, womit die schon im Neuen Testament verankerte Adam-Christus-Analogie um die Vorstellung ergänzt wurde, daß dem Baum des Unheils auf dem Paradieshügel ein Baum des Heils auf Golgatha gegenüberzustellen sei. Daß in Öja das Leiden des Erlösers im Verhältnis zum bevorstehenden Triumph in den Hintergrund tritt, ist auch daran zu erkennen, daß die Figur des Gekreuzigten, die der unteren Hälfte des Kreuzes wie aufgesetzt erscheint, in einer eleganten Haltung dargestellt wurde, die der Schrecklichkeit des tatsächlichen Todes ohne Zweifel nicht gerecht wurde. Um einen solchen Realismus ist es dem Künstler aber nicht gegangen, der vielmehr einen zeichenhaften Sinn des Geschehens deutlich werden lassen wollte. Daraus erklärt sich auch, daß Christus keine Dornen-, sondern eine goldene Königskrone trägt. Diese beiden Elemente – das Zurücktreten des Leidens und die Auszeichnung als Weltenherrscher – bestimmen gleichfalls die Gestaltung des neben dem Ringkreuz von Öja berühmtesten, das in der Kirche von Eskelhem hängt. Hier hat der Künstler außerdem verschwenderisch mit Vergoldungen gearbeitet und Christus sogar mit hellem Haar und Bart dargestellt, so daß eine Assoziation von Kreis, Kreuz, Sonne und Gottessohn sich unmittelbar aufdrängt. Daß eine solche Verbindung nicht abwegig ist, erhellt aus der ganzen auf Christus angewendeten Lichtmetaphorik, wie sie sich bereits im Johannesevangelium findet und in hohem Maß traditionsbildend wirkte. Ein weiteres Indiz für einen solchen Zusammenhang bietet auch ein zeitnah zu dem Kreuz von Eskelhem in derselben Kirche angefertigtes großes Wandbild, das die Planetensphären zeigt und auf der Sonnenbahn thronend Christus als Kosmokrator. Während auf Gotland sechsundzwanzig Ring- oder Scheibenkreuze erhalten sind, gibt es vergleichbare Stücke außerhalb nur fünfmal in Schweden, einmal in Norwegen und einmal in der Hohnekirche zu Soest. 1868 wurde dieses Stück hier aufgefunden, nachdem es bis dahin unbeachtet in einer Nische gelegen hatte. Das Scheibenkreuz von Soest datiert man auf das 13. Jahrhundert, eine Zeit, in der es zwischen Westfalen und Gotland intensivere Handelskontakte durch die Hanse gegeben hatte. Vielleicht erklärt sich die sonstige Zurückhaltung in West- und Mitteleuropa gegenüber dem Motiv aus dem dahinter stehenden theologischen Konzept. Denn es könnte sein, daß die besondere Bedeutung, die man auf Gotland dem triumphierenden Christus beimaß, aus Einflüssen der Ostkirche herrührte. In der Wikingerzeit war Gotland ein wichtiger Ausgangspunkt für Expeditionen in den Wolgaraum gewesen, wo die Waräger ihre Siedlungen hatten und den ersten Staat auf russischem Boden gründeten; umgekehrt blieben die Skandinavier nicht unbeeindruckt von der Orthodoxie, in deren Lehre Ostern als Fest des Sieges über den Tod immer eine wesentlich größere Rolle spielte als in der Kirche des Westens, die fürchtete, daß das Bild des leidenden Christus durch das des auferstandenen vorschnell verdeckt würde. Diese Sorge teilen im Prinzip Katholizismus und Protestantismus, wobei letzterer den Akzent noch stärker auf die Passion setzt. Um so bemerkenswerter, daß sich das Motiv des Radkreuzes auch nach der Reformation auf Gotland erhalten hat. Die evangelisch gewordenen Bewohner zerstörten in einem Bildersturm viele religiöse Kunstwerke der mittelalterlichen Zeit. Aber gleichzeitig begannen die Bauern „Andachtskreuze“ auf ihren Hofplätzen zu errichten: große, schmucklose hölzerne Kreuze, um deren Kreuzungspunkt ein Kreis gelegt war. Auch dieses Symbol gab es praktisch nur auf Gotland, wo es offenbar einem tiefen Bedürfnis der Menschen entsprach. Um noch einmal C. G. Jung zu zitieren: „Solche Dinge sind nicht zu erdenken …“. Dr. Karlheinz Weißmann ist Historiker. 2002 veröffentlichte er das Buch „Mythen und Symbole“ (Edition Antaios, Schnellroda, 250 Seiten, broschiert, 24 Euro). Foto: Vergoldetes Triumphkreuz in der Kirche von Eskelheim auf Gotland, schmuckloses Andachtskreuz: Eine Assoziation von Kreis, Kreuz, Sonne und Gottessohn drängt sich unmittelbar auf

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