Joachim Kuhs

 

Abseitiges neben Kleinodien

Ende vorigen Jahres ist – von ihren Stammlesern langersehnt – nun endlich die achtzehnte Etappe erschienen. 162 Seiten stark, birgt das Heft wie immer neben einigem Abseitigen wie Jutta Wincklers „Siebener Zyklus ausgewählter Blättgen“ etliche Kleinode. Amüsant und größtenteils treffend beobachtet ist zum Beispiel Frank Böckelmanns „Vierzig Figuren des deutschen Films aus intimer Kenntnis affektiv bewertet“. Lediglich ein einziger kleiner Einspruch sei gestattet: Katja Flint gehört doch wohl eher in die Kategorie „Verabscheut …“. Aber sonst stimmt einfach alles, von der fabelhaften Martina Gedeck über die großartigen Helmut Griem, Udo Samel und Andrea Sawatzki bis zu der famosen Marie Zielcke haben sie alle das Prädikat „Verehrt …“ verdient. Die „Verabscheut“-Rubrik wartet hingegen mit Betriebsnudeln und Knallchargen vom Schlage Hannelore Elsner, Christiane Paul, Claudia Michelsen, Ulrike Folkerts, Renan Demirkan, Franka Potente und – wie könnte es anders sein – unser aller Iris Berben auf. Der Bonner Jurist und Regierungsdirektor Josef Schüßlburner legt den zweiten Teil von „Staatliche Transzendenz in der BRD“ vor: „Bewältigungstheokratie“. Das Wesen der Bundesrepublik Deutschland könne man „nur religionswissenschaftlich voll erfassen“, schreibt der Autor. Völlig zu Recht sei von der „Staatsreligion der BRD“ (Helmut Ridder) die Rede, da „eine Verfassung, die man aufgrund falscher Ansichten, d.h. durch „Grundrechtsterror“, verletzen kann, ohne eine rechtswidrige Handlung begangen zu haben, unvermeidbarerweise zu einem religiösen Dokument wird“. Man darf bereits auf den dritten Teil: „Abrahamismus“ gespannt sein. Winfried Knörzer beschreibt in seinem lesenswerten Essay „Ewiggestrige. Politisierende Kulturintelligenz zwischen plebejischer Masse und herrschender Klasse“ die Klassenkämpfe seit der Antike bis zum Aufkommen des „wissenschaftlichen Sozialismus“. Im Sozialismus sieht er „ein Zwitterphänomen: teils autochthoner Ausdruck des neuen Massenbewußtseins, teils zeitgenössische Variante der traditionellen Instrumentalisierung der Massen zum Zwecke der Machterlangung der dominierten Fraktion innerhalb der herrschenden Klasse“. Dies zeige sich bereits in der Janusköpfigkeit des sozialistischen Führungspersonals. Knörzer: „Auf der einen Seite gibt es die bürgerlichen Intellektuellen, die sich zum Sprachrohr der Arbeiterbewegung machen, auf der anderen Seite die aus dem Arbeitermilieu hervorgewachsenen Führer: Marx und Weitling. Lassalle und Bebel, Luxemburg und Thälmann.“ Hinzuzufügen wäre, daß letzterer die schreckliche Macht organisierter Interessen am konsequentesten vertrat. Sehr interessant ist auch ein Beitrag von Anton Pobe-Donoszeff: „Moskau, Braunau, Berlin. Wie der Punk sich rotbraun lockert“ über den russischen Nationalbolschewismus, der offenbar immer mehr an Einfluß und Plausibilität gewinnt. Linksnationalismus und nationalrevolutionäres Gedankengut greifen – folgt man dem Autor – über „populäre Punklegenden aus Sibirien“ inzwischen sogar auf die deutsche Hauptstadt über. Wenn das mal gutgeht! Anschrift: Etappe. Postfach 300 424, 53184 Bonn. Einzelheft 10 Euro, drei Ausgaben pro Jahrgang 25 Euro

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