Verteidigungsschrift für einen Seligen

Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ (Mt. 5,9) Dieses Wort Jesu aus der Bergpredigt hat die Historikerin und Theologin Eva Demmerle ihrer Biographie über Kaiser Karl I. vorangestellt. Der letzte Kaiser von Österreich und König von Ungarn, der nur zwei Jahre regierte und 1922 mit knapp 35 Jahren in der Verbannung auf Madeira verstarb, war ein Friedenskaiser. Wenn auch sein politischer Einsatz und seine Friedensbemühungen letzten Endes scheiterten, ließ er doch nichts unversucht, um diesen Frieden zu schaffen. Die „Gebetsliga Kaiser Karl für den Völkerfrieden“ setzte sich seit langem für seine Seligsprechung ein. Am 3. Oktober letzten Jahres hat ihn nun Papst Johannes Paul II. „zur Ehre der Altäre erhoben“. Für diesen Akt wurden drei Gründe genannt: seine Friedensbemühungen, seine sozialen Maßnahmen und seine tiefe Frömmigkeit. Oft wird übersehen, daß dieser Kaiser noch im Exil bis zu seinem Sterbejahr 1922 an sozialen Reformen für sein Land arbeitete. Neben dem internationalen Frieden war die soziale Gerechtigkeit dem Kaiser ein Herzensanliegen. Beide Ziele haben ihr Fundament in der religiösen Grundhaltung dieses gläubigen Herrschers. Kaiser Karl sah sich als Kaiser von Gottes Gnaden. Demmerle hebt in ihrer Biographie die rechte Bedeutung dieses oftmals mißverstandenen und mißbrauchten Begriffs hervor. Wenn nun nach mehr als 600 Jahren erstmals wieder ein politischer Herrscher seliggesprochen wurde, dann genau deshalb, weil er versuchte, in allem den Willen Gottes zu erfüllen. Der jetzige Papst, der in seiner Amtszeit mehr Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen hat als alle seine Vorgänger zusammen, will betonen, daß man in jedem Stand und jedem Beruf heilig werden kann. Die Versuche, die Person des neuen Seligen als schwachen Kaiser zu diskreditieren versucht Demmerle in ihrem Buch zu entkräften. Karl habe gleich nach seiner Regierungsübernahme das Oberkommando der Armee von Teschen nach Baden geholt und Conrad von Hötzendorf als Oberbefehlshaber abgesetzt. Ebenso greift Demmerle auch die sogenannte „Sixtus-Affäre“ auf, die ihr zufolge eher eine „Czernin-Affäre“ war, da Außenminister Graf Czernin hier die eigentliche fatale Rolle spielte. Natürlich legt die Autorin dieser Biographie auch ausführlich dar, wie es zu dem Einsatz von Giftgas bei den Schlachten am Isonzo kam. Hier seien schon vor Karls Amtsantritt Vereinbarungen getroffen worden, und zu diesem Zeitpunkt lag die Befehlsgewalt ausschließlich beim Deutschen Reich. Schon wenige Stunden nach der Schlacht äußerte Kaiser Karl: „Kein Mensch kann das vor Gott verantworten. Ich mache einen Punkt, und das so bald wie nur möglich.“ Als Pressesprecherin von Otto von Habsburg, dem ältesten Sohn Kaiser Karls, hat Demmerle Zutritt zum Archiv der Familie und konnte somit für ihre Biographie aus einem reichen Quellenmaterial schöpfen. 58 Bilder und Dokumente aus dem Privatbesitz der Familie von Habsburg illustrieren dieses Buch. Im Anhang findet sich ein mehrseitiges Interview mit Otto von Habsburg. Darin betont dieser: „Es ist einfach so, daß in unserer Geschichtsschreibung immer wieder der Fehler gemacht wird, daß als große Figuren der Geschichte gewöhnlich die Menschen bezeichnet werden, die Krieg geführt und Schlachten gewonnen haben, nicht aber diejenigen, die sich um dauerhaften Frieden bemüht haben.“ Eva Demmerle: Kaiser Karl I., „Selig, die Frieden stiften …“. Amalthea Verlag, Wien 2004, 320 Seiten, gebunden, 24, 90 Euro.

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