Überirdischer Beschützer

In den Pseudo-Religionen der diversen Sekten und auf dem wachsenden Markt esoterischer Heils- und Glücksversprechungen haben Engel schon seit geraumer Zeit wieder Hochkonjunktur. Für das moderne Christentum trifft dies leider nicht zu. Von allen spirituellen und mystischen Inhalten entkernt und von jeglicher transzendentalen Erfahrung entfremdet hat sich hier ein aufgeklärtes „Christsein“ breitgemacht, das seine zentralen Wahrheiten von überall herbezieht, nur nicht aus dem Glauben an Gott und seine Schöpfung, zu der eben auch die Engel gehören. Für diese völlig entmythologisierte Theologie stehen exemplarisch die Frankfurter Pröbstin Helga Trösken, die die Existenz von Engeln als überirdische Wesen kategorisch ablehnt, aber auch katholische Kleriker, die die Vorstellung von Engeln und Teufeln als „alten Geisterglauben“ abtun, der heute „nicht mehr tragbar“ sei, oder der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ), bei dem die Michaelsverehrung keinerlei Stellenwert mehr hat. So schreitet die Selbstzerstörung des Christentums fröhlich voran. Manfred Müller versucht dieser betrüblichen Entwicklung mit seinem Buch über „St. Michael“ entgegenzusteuern. Er schildert den Erzengel als „Seelengeleiter“ und „Seelenwäger“, der sich der Seelen der Verstorbenen annimmt und sie ins himmlische Licht führt, aber auch als „kriegerische Lichtgestalt“ und „mächtigen Streiter gegen den Drachen“, der die gegen Gott rebellierenden Engel mit Luzifer an der Spitze in die tiefen Abgründe der Hölle stürzt. Und nicht zuletzt beschreibt er ihn als „himmlischen Feldherrn“, der durch sein Eingreifen den christlichen Heeren auf dem Schlachtfeld zum Sieg verhilft, wie bei der Reconquista in Spanien, wo der jahrhundertelange Kampf gegen die islamischen Eroberer 1238 mit der Kapitulation der Mauren von Valencia ein glückliches Ende nahm. Nach der Reformation blieb vom Engelskult wenig übrig Die Heilige Johanna von Orleans hörte bereits im Alter von 13 Jahren in einer Vision die Stimme des Erzengels, der ihr auftrug, die Engländer aus Frankreich zu vertreiben. Als Retter der französischen Nation prangte sein Bild fortan auf dem Banner, unter dem Johanna am 8. Mai 1429, dem Tag des Erscheinens des Erzengels auf dem Monte Gargano, im Triumph in Orleans einzog. Zwei Jahre später, als Johanna auf dem Scheiterhaufen stand, hörten die Zuschauer, wie sie, von den Flammen gepeinigt, zu Gott und den Heiligen, besonders zu St. Michael betete und um Beistand und Kraft flehte. Nach der Reformation blieb vom spätmittelalterlichen Engelskult nur wenig übrig. Der strenge Calvinismus verwarf ihn fast gänzlich, während Luther zwar die Existenz von Engeln und Teufeln durchaus anerkannte, sich von der althergebrachten Engelverehrung jedoch deutlich abgrenzte. So wurden beispielsweise Anbetung und Anrufung als „Abgötterei“ und „antichristische Mißbräuche“ verboten, die die „Erkenntnis Christi zunichte machen“. Dies führte unter anderem dazu, daß im „großen Schatz der protestantischen Choräle kein Lied zu finden ist, in dem Michael angerufen wird“, so Müller. Als Schutzpatron der katholischen Kirche und des vormaligen heiligen deutschen Reiches, das seiner Idee nach übernationalen Charakters war, galt der Erzengel jedoch weiterhin als „irdischer Beschützer und Verteidiger der Kirche, sowie vornehmlich des Ritterstandes, welchem als solchem die Bekämpfung der Kirchen- und Reichsfeinde obliegt“, wie im Heiligenlexikon Stadlers aus dem Jahre 1875 zu lesen ist. Im Weltanschauungskampf mit den neuheidnischen Tendenzen des Nationalsozialismus ernannten die katholischen Jugendverbände Michael zum „Engel des deutschen Volkes“. In einer Schrift mit dem gleichnamigen Titel hieß es, die größte Gefährdung der Menschen bestehe in dem „Wahn, ein Volk sei sein eigener Gott“. Der völkischen Selbstvergottung stellte man die Forderung entgegen, die Deutschen sollten in der Gefolgschaft St. Michaels ein „christliches Volk“ sein. Und im Michaelshymnus aus dem Brevier, den der „Sturmschar-Rundbrief“ vom September 1933 auf seiner Titelseite abdruckte, konnte man herauslesen, daß Michael für das Christentum, Satan aber für das Neuheidentum des Nationalsozialismus stand: „Er brach des Drachen grimme Macht, / Und stürzt ihn in des Abgrunds Nacht, / Zerschmettert mit des Blitzes Strahl / Den Führer und sein Heer zumal.“ Austreibung St. Michaels durch die Liturgiereform Breiten Raum widmet der Verfasser auch der Austreibung St. Michaels durch die Liturgiereform infolge des Zweiten Vatikanums. Hatten in der vorkonziliaren römisch-katholischen Liturgie zu Beginn der Messe Priester, Meßdiener und gegebenfalls die Gemeinde im Stufengebet ihre Sünden im Angesicht Gottes und der Heiligen bekannt, von denen der Erzengel nach der Muttergottes an zweiter Stelle genannt wurde, und stimmte im Gloria der Priester und gegebenfalls der Chor oder die Gläubigen in den Gesang ein, mit dem die Engel die Geburt des Erlösers feierten, wurde nun jede ausdrückliche Nennung Michaels im Messeordinarium beseitigt. Entfallen ist in der Neuen Meßordnung auch die Erwähnung Michaels im Hochamt, wenn der Priester bei der Opferung Weihrauch ins Rauchfaß legt und dabei in seinem Gebet um die Fürsprache des heiligen Erzengels bittet. Sehr anschaulich beschreibt Müller dies als „Entsprechung zwischen der irdischen und der himmlischen Liturgie“ und zitiert Hildegard von Bingen, für die Michael jener Engel ist, der das Opfer des Priesters zu Gott emporträgt. Ähnlich verfahren wurde mit den Texten der Begräbnisliturgie mit ihrer alten Bildsprache, die dem „aufgeklärten Zeitgeist und der Anpassung an kulturrevolutionäre Strömungen“ zum Opfer fielen. Die heutige Spaßmentalität verträgt sich offenbar nicht mit Warnungen vor den „Qualen der Hölle und vor den Tiefen der Unterwelt“. So können viele heutzutage mit dem Namen St. Michael nichts mehr anfangen. Michaelswallfahrten finden kaum noch statt, und auch in der katholischen Militärseelsorge der Bundeswehr ist die Michaelstradition fast gänzlich aufgegeben worden, während im protestantischen Raum schon aus religionsgeschichtlichen Gründen von einer „Verehrung“ des Erzengels nur mit allergrößter Vorsicht zu sprechen ist. Manfred Müller: St. Michael. „Der Deutschen Schutzpatron“? Zur Verehrung des Erzengels in Geschichte und Gegenwart. Bernardus-Verlag. Langwaden 2OO3. 216 Seiten, 13 Euro

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