Perspektiven vom Feldherrnhügel

Noch ist die Macht Amerikas in keiner Weise erschüttert.“ Ausgehend von diesem Credo geht Peter Scholl-Latour mit seinem neuesten Buch „Koloß auf tönernen Füßen“ den tragischen Verstrickungen der Supermacht in Korea, Vietnam und dem Irak nach. Es klingt wie eine düstere Warnung, wenn er auf den menschlichen Faktor bei „Niedergang und Sturz“ der Sowjetunion hinweist, die nach seiner Analyse nicht unvermeidbar war, sondern auf menschlichem Versagen und dem Realitätsverlust des Kreml beruhte. Den eigentlich neuralgischen Punkt für künftige Konflikte sieht Scholl-Latour dort, wo die Machtsphären Chinas und der USA, Rußlands und Japans aufeinandertreffen – in Korea. Er hat den nördlichen Teil des Landes im August 2004 bereist und erstattet darüber ausführlich Bericht. Von seinen Begleitern wurden ihm kultische Orte und Errungenschaften der Revolution präsentiert. Nur selten öffnet sich der Vorhang und bietet einen Einblick in das Getriebe dieser geheimnisvollen Gesellschaft – zu kurz und zu selten, um sie zu verstehen. Zurück bleibt das trostlose Bild eines „Systems auf Abruf“, das seinen wichtigsten Verbündeten, die Sowjetunion, verloren hat. Es bietet sich geradezu als Instrument dafür an, die bestehenden Machtverhältnisse am westlichen Pazifik auszuhebeln. In den Reisebericht ist eine ausführliche Rückblende zur Entstehung des dort bestehenden widernatürlichen und gefährlichen Zustandes, zum Koreakrieg der Jahre 1950 bis 1953, eingefügt. Ein Fazit dieser Rückschau besagt, daß dieser Krieg vermeidbar war und auf einem tragischen Mißverständnis beruhte. Die Vereinigten Staaten hatten 1949 ihre Soldaten vom südlichen Teil der Halbinsel abgezogen und signalisiert, daß sie außerhalb ihrer Verteidigungslinien liege. Dadurch fühlte sich das kommunistische Regime im Norden ermuntert, die Wiedervereinigung zu erzwingen. Daraus ergab sich dieser langwierige und verlustreiche Konflikt, der für die Vereinigten Staaten mit einem Patt endete. Vietnam hat Peter Scholl-Latour zuletzt im Februar 2004 besucht. Ausgehend von einer Begegnung mit dem greisen General Vo Nguyen Giap rekapituliert er die dramatischen Ereignisse und Abläufe des Vietnamkonfliktes und klopft sie auf die oft bemühte Parallele zum Irak-Krieg ab. Die findet er in der hemmungslosen Desinformationspolitik der Amerikaner und in dem Unvermögen, eine adäquate Antwort auf die „asymmetrische“ Kriegführung des Gegners zu finden. Scholl-Latour verweist auf die Probleme, in den protegierten Staaten glaubwürdige und überzeugende Führungsfiguren aufzubauen, und auf das Unvermögen, einen Abnutzungskrieg über längere Zeit politisch durchzustehen. So sollen die amerikanischen Streitkräfte nach militärischen Begriffen kein einziges Gefecht, geschweige denn eine Schlacht verloren haben. Aber die Armee war durch ihre brutalen Siege demoralisiert und der Einsatz politisch zur Zielscheibe geworden, so daß sie schließlich abziehen mußte. Wie in Korea hat auch in Vietnam die chinesische Großmacht ihre „Krallen“ gezeigt. Im Abschnitt über den Irak schildert der interne Kenner arabischer Mentalität und Politik die Erlebnisse und Begegnungen seiner Reise vom Februar 2005. Er demonstriert, wie leicht es ist, auf „Schleichwegen“ in die schwer bewachte „Grüne Zone“ Bagdads zu gelangen. Von Bagdad aus reiste er durch den „sunnitischen Gürtel“ nach Kerbela, Nadschaf und Basra. Anhand seiner Gespräche und Erfahrungen entwickelt er das Bild eines Wirrwarrs unlösbarer Konflikte und Interessengegensätze, denen die Besatzungsmacht nicht gewachsen ist. So sei die relative Ruhe der schiitischen Bevölkerungsmehrheit taktischen Überlegungen geschuldet. Sie kann bei der Einführung des Mehrheitsprinzips nur gewinnen. Dementsprechend hat der religiöse Führer Ali es-Sistani die Durchführung der Parlamentswahlen vom 30. Januar 2005 gegen die ursprünglichen Vorstellungen der Amerikaner durchgesetzt und seine Glaubensbrüder zur Teilnahme angehalten. Das politische Ziel ist die Schaffung einer islamischen Republik schiitischer Prägung, in der der schiitische Klerus angeblich keine direkte politische Macht beansprucht. Gleichwohl wäre in einem solchen Staat die koranische Gesetzgebung, die Scharia, Richtschnur des Handelns. Wenn die Besatzungsmacht sich dem in den Weg stellt, droht eine Verbindung radikaler schiitischer Kräfte, wie sie der radikale Prediger und Milizenführer Muqtada es Sadr vertritt, mit dem sunnitischen Aufstand. Auch die Machthaber in Teheran könnten ihre bislang zurückhaltende und fast versöhnliche Linie aufgeben und die Situation noch weiter destabilisieren. Die Vereinigten Staaten könnten dann die Entstehung eines zweiten schiitischen Staates neben dem Iran kaum vermeiden. Das ist nur ein Konfliktfeld. Ebenso vertrackt ist die Lage im Norden des Irak, wo die Kurden, die bislang einzigen zuverlässigen Verbündeten der Amerikaner in diesem Land, unbeirrbar die Schaffung eines eigenen Nationalstaates anstreben und andere genau das um jeden Preis verhindern wollen. Unerbittlich weist der Großmeister des politischen Journalismus auf die Unstimmigkeiten und fatalen Fehlkalkulationen der neueren amerikanischen Außenpolitik hin. Es macht diesen betagten Mann, der fast alle Kriegsschauplätze der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen hat, wütend, wie durch „die grenzenlose Torheit der Regierenden“ zahllose Menschen sinnlos gefährdet und geopfert werden. Peter Scholl-Latour: Koloß auf tönernen Füßen. Amerikas Spagat zwischen Nordkorea und Irak, Propyläen Verlag, München 2005, 351 Seiten, gebunden, Abbildungen, 24 Euro Foto: General Vo Nguyen Giap mit Scholl-Latour: „Asymmetrische“ Kriegführung als Schwachpunkt der USA

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