Pankraz, Manès Sperber und das Simultanspiel der Seele

Pankraz möchte heute eines Vorbilds und Geisteskameraden gedenken, dessen Geburtstag sich am 12. Dezember zum hundertsten Male jährt: Manès (Magnus) Sperber aus Wien (1905-1984), Romancier und politischer Publizist, vor allem aber wundersamer Seelendoktor, getreuer Schüler des Wiener "Individualpsychologen" Alfred Adler, dessen Lehren er allerdings sanft abbog und verfeinerte, ohne daß das je gepriesen oder auch nur bemerkt und ordentlich zu Buch genommen worden wäre. Dabei war dies vielleicht die größte Tat, die Sperber vollbracht hat.

Sie befeuerte seine farbenprächtigen Romane und verlieh seinen politischen Interventionen noch im ärgsten Kampfgetümmel einen behutsamen, merkwürdig intensiven menschlichen touch, der selbst schärfste Kontrahenten immer wieder verblüffte und zum Nachdenken brachte. Sperber hatte bis fast zuletzt eine Menge Gegner, doch keinen einzigen Feind, nicht einmal unter Nationalsozialisten oder Kommunisten, die ihn aus "rassischen" oder "ideologischen" Gründen jagten und gern zum Schweigen gebracht hätten.

Der junge Sperber wurde im Wien der Zwischenkriegszeit Kommunist, trat in die Partei ein, wurde von ihr ins "revolutionäre", von Straßenkämpfen aufgewühlte Berlin delegiert und wich 1933 nach Paris aus, wo er Freundschaft mit Arthur Koestler und André Malraux schloß. 1937 brach er mit den Kommunisten und wurde fortan zu einem ihrer schärfsten Kritiker.

Er schrieb die Romantrilogie "Wie eine Träne im Ozean", jene "unübertreffliche Epopöe der Kom-intern" (Malraux), die in ihrer Art gleichberechtigt neben Koestlers "Sonnenfinsternis" steht und unzähligen Lesern die Augen geöffnet hat über die Hybris und das Verhängnis, das mit der Macht der Bolschewiken über Europa gekommen war. Indes, "Wie eine Träne im Ozean" ist beileibe kein Thesenroman und auch keine ins Epische gewendete Tragödie wie "Sonnenfinsternis", es ist ein Epos sui generis, strikt den Gesetzen dieses Genres gehorchend, am ehesten den Romanen von Knut Hansum vergleichbar, ein großes Stück Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.

Sperber schrieb seine Romane wie auch seine späteren autobiographischen Erzählungen ("Die Wasserträger Gottes", "Die vergebliche Warnung") auf deutsch. Deutsch empfand er als seine Muttersprache, und es blieb bis zuletzt seine Literatursprache, obwohl er – der von 1933 an bis zu seinem Tode nur noch in Frankreich lebte – das Französische derart ingeniös und biegsam zu handhaben wußte, daß sich französische Schriftsteller wie Druon und Benda vor ihm verneigten und ihn gern in die Akademie aufgenommen gesehen hätten.

Auch im Durchschauen und Verlebendigen von Sprachen bewährte sich Sperbers psychoanalytische Begabung und sein daraus entspringendes, schier unglaubliches Gedächtnis. Er spendete bis zuletzt gern und ausführlich seelischen Rat, nahm jedoch nie Geld dafür und weigerte sich, seine Gesprächspartner je als "Patienten" zu sehen. Die Methoden von Herrn Professor Freud erfüllten ihn mit Mißtrauen, er kritisierte an ihnen "mutwillige Zerbröselung der menschlichen Persönlichkeit", eine Neigung zur Unterjochung des Hilfe und Heilung Suchenden, eine geradezu "totalitäre" Komponente.

Sein stets Anteil nehmendes Gedächtnis, sein Erinnerungsvermögen an analytische Gesprächspartner und die mit ihnen verhandelten Themen war, wie gesagt, phänomenal. Er hatte die Fähigkeit zum unendlichen Dialog auf faktisch beliebig vielen Ebenen. Selbst wenn man ihm ganz selten über den Weg lief, alle Jubeljahre nur ein einziges Mal, knüpfte er bei der Wiederbegegnung genau dort an, wo man beim letzten Zusammensitzen aufgehört hatte, und er irrte sich nie.

In vielem glich er einem genialen Schachspieler. Er hatte die Schachfiguren nicht abgeräumt, er hatte sich im Gegenteil einen besonders feinen Zug ausgedacht, und der Partner gewann den Eindruck, als habe sich Sperber in all den Jahren nur mit ihm selbst beschäftigt, nur mit dieser einen Partie. Aber er wußte natürlich, daß das nicht der Fall war, daß stets an vielen Tischen gleichzeitig gespielt worden war und weiter gespielt wurde. Sperber war ein virtuoser Simultanspieler auf den Klaviaturen der menschlichen Seele.

Das Ende wurde ihm getrübt durch bundesdeutsche und DDR-deutsche Politruks, die fürs Schachspiel gar nicht in Frage kamen, die allenfalls Mühle spielen konnten. Sperber hatte die zerreißenden Auseinandersetzungen um die 68er- Revolte in Frankreich gut überstanden, man hatte ihn nirgends niedergebrüllt oder die Fenster eingeschlagen, wenngleich er politisch eher auf der Seite de Gaulles und Malraux‘ stand und angesichts der öffentlichen Aufregungen das verächtliche und viel diskutierte Wort vom "großen Meinungssuff" geprägt hatte. Nun sollte ihm in Deutschland der Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1983 verliehen werden, aber das ging schief, das wollte das linke Establishment nicht dulden.

Bernt Engelmann vom Schriftstellerverband VS und Hermann Kant vom parallelen DDR-Verband entfesselten eine wüste Kampagne gegen den Schriftstellerkollegen, beschuldigten ihn der Kriegstreiberei und der Sabotage des von Moskau inspirierten "Kampfes gegen die Nachrüstung". Die Zeremonie der Preisverleihung in Frankfurt am Main konnte gerade noch über die Bühne gebracht werden, doch die Attacken hörten nicht auf und setzten dem bereits kranken Sperber schwer zu. Ein halbes Jahr später war er tot.

Alfred Adler hatte ihn einst gelehrt, daß am Ursprung roher Gewalt oft ein "Minderwertigkeitskomplex" der Gewalttäter stehe. Sperber hatte das aufgenommen und Strategien entwickelt, um solchen Komplex behutsam aufzulösen. Manche Minderwertigkeitskomplexe scheinen freilich so hart zu sein, daß man sie nur mit dem Hammer auflösen kann.

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