Opfer der Revolution

Ein reinigender Sturm hat die Kirchen und Klöster gesäubert“, schreibt Willy Brandt im Sommer 1937. „Entweiht und leer sah ich die Kapelle unsres Klosters; zer­schlagen den Altar und die Fliesen voll Stroh und voll Blut … Gott gibt uns auf! Gott wendet sich ab“, prophezeit eine Klosterschwester in der Oper „Die Dialoge der Karme­liter­innen“. Willy Brandt bezog sich auf den spanischen Bürgerkrieg, in dem Hunderte von Kirchen angezündet und fast 7.000 Geistliche ermordet wurden. Dagegen spielt die Oper während der Franzö­sischen Revolution (April 1789 bis Sommer 1794). Hauptfigur in Francis Poulenc‘ Oper ist die adelige Blanche (Teresa Erbe). Die junge Frau ist schreckhaft und überängstlich, geht ins Kloster, um ihre innere Ruhe zu finden. Doch sie kommt vom Regen in die Traufe, als die Priorin der Nonnen stirbt und feststellen muß, daß der ganze Glaube in der Todesstunde nicht viel hilft: „Ich lebe seit dreißig Jahren fern der Welt, war zwölf Jahre Priorin, dachte über den Tod zu jeder Stunde nach … Aber jetzt, vor dem Tod, nützt das alles nichts“, singt sie rauh und verzweifelt. Poulenc schrieb die Oper in den 1950er Jahren. Sie basiert auf der Novelle „Die Letzte am Schafott“ von Gertrud von le Fort und einer Dramafassung „Die begnadete Angst“ von Georges Bernanos. Poulenc ließ sich von den deutschen Holzwegen der Moderne – Zwölftonmusik, antiharmonischer Atonalität und sonstiger Ohrenfolterei – nicht beeindrucken, sondern verfolgte eher einen neoromantischen Stil, in dem Funken von Debussy, Puccini und Mussorgsky seine Musik durchziehen. Zudem ist Poulenc ein Komponist mit zwei Gesichtern. Neben seinem ernsthaften katholischen Interesse pflegte er auch die leichte Muse: locker, elegant und zuweilen frivol, wie sein Stück „Die Brüste der Tirésias“ offenbart. Ein Volltreffer wie selten in Nürnberg sind die Kostüme und das minimalistische Bühnenbild. Regisseurin Andrea Raabe präsentiert einen hermetisch abgeschlossenen, fast leeren Bühnenraum. Egal ob sich die Figuren in der adeligen Bibliothek, dem Kloster oder dem Gefängnis befinden, stets sind sie von Mauern in Form meterhoher Fliesen umzingelt. Die revolutionäre Zeit zeigt sich auch in der Kleiderordnung. Die Frauen müssen ihre Ordenstracht ablegen, müssen Zivil­kleidung tragen und tauchen schließlich im weißen Nachthemd vor dem Schafott auf. Großartig die Sängerinnen, besonders Sabine von Walther als Blanche, die für sich genommen schon einen Opernbesuch rechtfertigt. Dirigent Philipp Pointner führte klug durch die Partitur, die zuweilen düster die Dialoge begleitete. Der Schluß drückte den Zuschauer in eine gespenstische Atmosphäre, wobei nicht klar wird, ob Orchester oder Inszenierung das Grauen produzierte. Man ist den Tränen nahe, wenn der Kerkermeister verkündet: „Das Tribunal der Revolution hat festgestellt: Die früheren Nonnen des Karmel … haben staatsfeindliche Versammlungen abgehalten, haben Hochverrat gefördert, freiheitsbedrohende Druckschriften auf­bewahrt und fanatischen Briefwechsel ge­pflegt … Das Tribunal der Revo­lution verurteilt infolgedessen die obengenannten Karmeliterinnen zum Tode durch das Beil.“ Willy Brandts Bericht endete mit dem Ausruf: „Es lebe die spanische Revolution“. Die nächsten Aufführungen im Staatstheater Nürnberg, Richard-Wagner-Platz, finden statt am 29. Mai, 16. und 24. Juni, 7. Juli 2005, Kartentelefon: 0 18 01 / 34 42 76 Die Zitate von Willy Brandt stammen aus „Der Spanische Bürgerkrieg. Materialien und Quellen“ von Walther Bernecker (Verlag Vervuert, Frankfurt 1986).

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