Es folgten noch 45 Jahre Diktatur

Wie kaum in einem anderen Staat steht in Deutschland die zeitgeschichtliche Forschung unter dem Verdikt, in erster Linie eine moralische Instanz zu sein. Ebenso wie die Betrachtung des Nationalsozialismus soll die Auseinandersetzung mit der Nachkriegshistorie die gesetzten Akzente der heute herrschenden Klasse nicht in Frage stellen. So ist es eine Pflichtübung, die Entwicklungen nach dem 8. Mai 1945 stets zunächst aus dem Blickwinkel der NS-Zeit zu betrachten, damit Ursache und Wirkung von vornherein monolithisch angegrenzt werden können. Andernfalls wird schnell der Verdacht gestreut, man „verzerre“ historische Abläufe oder setze gar Diktaturen gleich. Mit derartigen Problemen hatte auch der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe – der insbesondere durch sein Werk über die Stasi im Westen (Die unterwanderte Republik, München 2001) einem breiteren Publikum bekannt ist -, bei der Erarbeitung seines neuen Buches „Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland“ zu kämpfen. Als Initialzünder für die Auseinandersetzung mit der sowjetischen Besatzungs- und Herrschaftspolitik nach 1945 diente die Diskussion über die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985, in welcher dieser – erstmals in dieser Art in Westdeutschland – den „Befreiungsaspekt“ in den Vordergrund gestellt hatte. Obwohl Weizsäcker damals keineswegs einseitig vom Tag der Befreiung sprach, sondern im größeren Teil der Rede durchaus differenziert zur Vor- und Nachgeschichte des 8. Mai 1945 Stellung bezog, berufen sich seither Teile der heutigen Politikergeneration einseitig auf den Aspekt der „Befreiung“ und warnen eindrücklich vor jeglichem „Zurückfallen“ hinter die damaligen Auffassungen. Knabe gibt auf die Gretchenfrage bereits im Vorwort eine unmißverständliche Antwort: „Nicht der 8. Mai 1945 brachte den Ostdeutschen die Freiheit, sondern der 9. November 1989, als in Berlin die Mauer fiel und das Regime der SED zusammenbrach.“ So habe sich die sowjetische Besatzungspolitik in der SBZ und späteren DDR bereits in ihren Anfängen durch das Fehlen jeglichen demokratischen Ansatzes ausgezeichnet. Planmäßig sei alles auf die Errichtung einer erneuten Diktatur nach ideologischem Vorbild zugelaufen. Als Belege dienen Knabe in erster Linie drei Ansatzpunkte, der „Schrecken der Eroberung“, den der Autor insbesondere an der Gewalt gegenüber Flüchtlingen, den Plünderungen, Zerstörungen sowie den Massenvergewaltigungen nach der militärischen Einnahme der Orte festmacht, die „Säuberung der Ostgebiete“ mit Massenverhaftungen und Verschleppungen in die Sowjetunion sowie der „Weg in die SED-Diktatur“ mit der Etablierung des NKWD-Apparates, Speziallagern und sowjetischen Militärtribunalen. Für Knabe begründet das Verhalten der Roten Armee mit ihren schrecklichen Exzessen nach Kriegsende auch eine Verrohung durch den mit äußerster Härte geführten Krieg. In diesem Falle, so der Autor, hätten nach einigen Tagen Vorgesetzte und Kommandeure dem Treiben ihrer Untergebenen Einhalt gebieten müssen, um der Zersetzung der Moral Herr werden zu können. Doch außer einzelnen Befehlen, die als Beleg für den Willen zur Disziplinierung stehen könnten, sah die Realität anders aus. Bereits die ersten Wochen der Besatzungszeit führten zu einer vollkommenen Traumatisierung der deutschen Bevölkerung. Die ständige Angst vor Verhaftung und jahrelanger Inhaftierung beherrschte weite Teile der Gesellschaft. Knabe stellt dabei klar heraus, daß keine Gruppe sicher sein konnte, diesem Terror zu entgehen – nicht einmal Angehörige des NS-Widerstandes. Unter diesem Blickwinkel erscheinen auch jene Maßnahmen in der SBZ, die auf den ersten Blick den Eindruck einer scheinbaren Demokratisierung erwecken, in einem eindeutigen Licht. Zwar wurde bereits wenige Wochen nach dem 8. Mai 1945 in der SBZ mit dem Befehl Nr. 2 der Besatzungsmacht die Neu- bzw. Wiedergründung von „antifaschistisch-demokratischen“ Parteien und Organisationen erlaubt, bevor an einen vergleichbaren Schritt auf dem Boden der westlichen Besatzungsmächte gedacht wurde. Doch die tatsächlichen politischen Verhältnisse – vollkommen abgesehen von der klaren und eindeutigen Parole des späteren SED-Chefs Ulbricht: „Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“ – offenbarten ein ganz anderes Gesicht. Wer sich tatsächlich im Rahmen dieser Parteien betätigen wollte, mußte dies im eng gesteckten Rahmen der aktuellen sowjetischen Interessenlage tun. Viele anfänglich „demokratisch“ eingesetzte Bürgermeister, die von den Russen akzeptiert worden waren, mußten bereits nach kürzester Zeit wieder ihren Posten räumen, wenn ihre Regierungsweise oder mitunter auch nur die Mitgliedschaft in einer „bürgerlichen Partei“ der schnellen Einführung eines kommunistischen Systems im Wege stand. Spitzenkandidaten der späteren Blockparteien CDU und LDPD wurden so verfolgt, verhaftet oder gar zum Tode verurteilt. Unter einem solchen Druck ist verständlich, daß rasch den Sowjets genehme Kader regionale und überregionale Positionen einnahmen. Kritische Stimmen „verstummten“ – teilweise für immer. Von einer auch nur ansatzweise demokratischen Entwicklung – wie nicht nur in der DDR-Propaganda, sondern noch heute von einem Teil bundesdeutscher Politiker und Historiker behauptet – läßt sich unter diesen Umständen natürlich nicht sprechen. „Der sowjetische Terror der Nachkriegszeit bildete die Voraussetzung für die Etablierung der SED-Diktatur. Während die Bevölkerung in Angst und Unsicherheit verharrte, übernahmen die aus Moskau eingeflogenen kommunistischen Kader schrittweise die Macht. Unter dem Vorwand der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung entstand aus den Hitler-Ruinen eine neue Diktatur, deren Existenz in den kommenden vierzig Jahren von bis zu 500.000 Sowjetsoldaten garantiert wurde“, faßt Knabe zusammen. Die von Knabe präzise geschilderten Fakten aus der Nachkriegszeit beinhalten im wesentlichen nichts historisch Neues oder gar Sensationelles. Dennoch sind diese bei der aktuellen Beurteilung der „Befreiung“ meistens ausgeblendet oder als logische Konsequenz „des von Deutschland verschuldeten Angriffskrieges“ gerechtfertigt worden. Es gibt freilich auch Passagen des Buches, bei denen Kritik an Knabe Analysen notwendig ist: So grenzt er die Entwicklung in der SBZ allzu pauschal von derselben in der Trizone oder späteren Bundesrepublik ab. Sätze wie „Wenn Politiker und Journalisten von der Befreiung vom Nationalsozialismus sprechen, vergessen sie oft hinzuzufügen, daß Freiheit und Demokratie damals nur im Westen Einzug hielten“ wirken allzu schulbuchartig und werden der Realität zumindest der ersten Nachkriegsmonate in den Westzonen nicht gerecht. Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland. Propyläen-Verlag, Berlin 2005, 390 Seiten, gebunden, 24 Euro Ein Rotarmist nimmt deutschen Soldaten gefangen, April 1945: Aus den Hitler-Ruinen eine neue Diktatur

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