Liebesgöttin sucht Pop-Fuzzi

Die Geschichte von „Orpheus und Eurydice“ gilt als das klassische Vorbild der tragischen Liebe. Aufgrund eines Schlangenbisses stirbt die schöne Eurydice und muß Hermes in die Unterwelt folgen. Ihr Geliebter Orpheus kann es nicht verwinden, daß seine große Liebe sterben mußte, doch er erhält eine zweite Chance von Hermes. Ihm wird Einlaß in das Totenreich gewährt, um von dort die Geliebte wieder in die Welt der Lebenden zurückzuführen. Es gibt nur eine Bedingung: Er darf auf dem Weg nicht zu ihr zurückblicken. Als sich Orpheus daran nicht hält, bleibt Eurydice für immer in der Unterwelt gefangen. Diese antike Legende fand zahlreiche künstlerische Bearbeitungen, auch im Film. 1949 drehte Jean Cocteau sein „Orphée“, 1959 überführte Marcel Camus den Stoff in „Orfeo Negro“ ins Milieu des brasilianischen Karnevals und der afrikanischen Kulte. 46 Jahre nach Camus hat sich Regisseur Helmut Dietl („Schtonk“, „Rossini“) an seine eigene Adaption herangemacht. Dietl verlegt die Geschichte in die deutsche Gegenwart. Nachts auf einer einsamen Brücke in Berlin lernen sich der Komponist Mimi Nachtigal (Moritz Bleibtreu) und die junge Sängerin Venus Morgenstern (Alexandra Maria Lara) kennen, verlieben sich unsterblich ineinander. Doch die Liebe geht durch die Alltagsprobleme des Lebens. Sieben Jahre streiten sie sich, bis sie sich schließlich im gegenseitigen Einverständnis trennen. Obwohl beide noch aneinander hängen, versuchen sie dem Kummer auf ihre Weise zu entkommen. Venus nimmt sich einen neuen Freund, Mimi nimmt sich in der griechischen Villa seines Kumpans Theo (Uwe Ochsenknecht) das Leben. Ihm erscheint daraufhin ein hermaphroditischer Hermes (Heino Ferch) und führt seine Seele in einen Hades-Palast. Sein Freund Theo findet den leblosen Körper, betrügt danach seine Frau Helena (Anke Engelke) und beginnt eine Romanze mit dem griechischen Schäfersmädchen Kalypso (Marily Milia). Zu spät erkennt Venus, daß sie ein zweites Glück mit Mimi wünscht. Sie springt in ein Brunnenloch, das bei den Einheimischen als Zugang zur Totenwelt bekannt ist, und gelangt so zu Hermes, der sich von ihren Liebesgesängen erweichen läßt und Mimi schließlich freigibt. Einzige Bedingung: Sie dürfen nicht zurückblicken auf die gescheiterte Vergangenheit ihrer Partnerschaft. Doch auf dem Weg zurück in die Welt der Lebenden können sie nicht anders, als wieder die Konflikte der Vergangenheit Revue passieren zu lassen, den Alltagsstreit fortzusetzen und ihre neue Liebe zu verraten. Dietl schuf mit „Vom Suchen und Finden der Liebe“ ein symbolisch durchsetztes, unterhaltsames, durchaus überraschendes, aber irritierend widersprüchliches Werk. Ein seltsames Dauerpathos durchzieht die Szenen, Tränen fließen ständig Wangen herunter, als hätte bei den Dreharbeiten dauernder Zugwind geherrscht. Wo aber wirkliches Pathos, der Schmerz der Seele, sich entwickelt, wird alles alsbald gebrochen und verballhornt durch Banalitäten, Scherzhaftigkeit. So wird der Zuschauer ständig mit Gefühlen geködert, um diese auf ihrem Höhepunkt zum schalen Gag zu überdrehen, das Geschehen in Richtung „neue deutsche Komödie“ abgleiten zu lassen, bis die Gefühlsschraube danach wieder langsam angezogen wird. Es scheint, als traute sich Dietl nicht zum wahren Gefühl. Das ist für den Zuschauer kaum befriedigend. Irgendwie stimmt nichts an diesem Film, das aber verleiht ihm andererseits eine seltsame Spannung. Momente des Irrealen werden ins Reale zurückgeholt. Die Personen reden und agieren oft hölzern, als wären sie Figuren einer antiken Theater-Tragödie, doch die Situation, in der sie sich befinden, wird als die Realität der deutschen Gegenwartsgesellschaft dargestellt. Überhaupt ist die Erzählweise weitenteils eher antiquiert denn experimentell. Die Bildsprache zeigt sich konventionell. Dabei erweist sich Dietl allerdings als Könner im bildlichen Einfangen stimmungsvoller Örtlichkeit. Eine Schönheit der Landschaft, der Baukörper und Räumlichkeiten liegt manchmal in den Aufnahmen, die man im jungen Kino oft so schmerzlich vermißt. Helmut Dietl hat – wertfrei gesprochen – einen sehr deutschen Film gedreht. Die leichte, scherzhafte Annäherung an Mythologie und Antike findet sich bereits bei Ludwig Thomas‘ Figur des „Aloisius“, des ulkigen „Münchners im Himmel“ ebenso wie im lüsternen und verschnupften Jupiter in Reinhold Schünzels Film „Amphitryon – Aus den Wolken kommt das Glück“ von 1935 oder auch in Joachim Fernaus Geschichtserzählung „Rosen für Apoll“ von 1961. Die Geschichte siedelt in den Restbeständen deutschen Bildungsbürgertums, sie spielt im Milieu von Musikern, Chansonsängerinnen, Universitätsprofessoren, Ärzten. Ganz ohne modische Anklage wird eine saubere, makellos erscheinen wollende bürgerliche Welt gezeigt. Zudem existiert der ironische, selbstreferentielle Blick auf die deutsche Medienwelt, zum Beispiel wenn ausgerechnet Anke Engelke und Harald Schmidt miteinander im Bett landen. Venus‘ neuer Freund, ein Pop-Fuzzi mit Lederjacke und blondem Scheitel, erinnert an Dieter Bohlen. Auch Motive einer Verarbeitung des eigenen Lebens dürften für Dietl mitgespielt haben, die Trennung von der großen Liebe und die Bilanz des Alters. Alles in allem hinterläßt dieser Film einen zwiespältigen Eindruck. Foto: Venus (Alexandra Maria Lara) und Mimi (Moritz Bleibtrau) auf dem Weg zurück in die Oberwelt

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